13. Januar 2015

Vor 65 Jahren – in Krölpa bei Pößneck entsteht eine MAS

Ganz gleich, welchen Namen der Betrieb auch trug, alteingessesene Krölpaer gingen nie in den Kreisbetrieb für Landtechnik, die Maschinen-Traktoren-Station oder die Maschinen-Ausleih-Station zur Arbeit, auch nicht in den „Ka-Eff-Ell“, die „Emm-Teh-Ess“ oder die „Emm-A-Ess“. Für sie war das von Beginn an die „MAS“ - als ein Wort und mit langem Vokal auszusprechen und so hieß der Betrieb allen Veränderungen zum Trotz bei ihnen immer „die Maas“. Ein festes Gründungsdatum ist nicht überliefert, es war mehr eine allmähliche Entwicklung, die mit der durch das Gesetz vom 10. September 1945 von der Thüringer Landesverwaltung beschlossenen Bodenreform ausgelöst worden war. Kleinbauern, Landarbeiter und Menschen, die infolge der Kriegsereignisse ihre Heimat verlassen mussten, hatten damit zwar Land erhalten, auch Vieh und Saatgut, doch das allein reichte noch lange nicht. Ohne Technik blieb die Arbeit in Feld und Stall eine an der Gesundheit zehrende Schinderei, d
ie lediglich bescheidene Erträge brachte. So baute zunächst die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) aus über den Krieg hinweggeretteten Maschinen und Traktoren einen landtechnischen Park auf, der in Maschinenhöfen konzentriert wurde. Aus diesen entstanden in Thüringen ab Ende 1948 insgesamt 51 der Vereinigung Volkseigener Maschinen-Ausleih-Stationen (VV MAS Thüringen) zugehörige Betriebe. Zu deren erstem Direktor war der aus Stadtroda stammende Paul Trixa (1923 bis ?) berufen worden. Für Krölpa als künftiger Standort einer solchen MAS sprachen 1949 mehrere gewichtige Gründe: Der Ort besaß durch seine Lage an der Bahnstrecke Gera – Saalfeld und der Reichsstraße 281 eine günstige Verkehrsanbindung. Der Bahnhof verfügte über eine zur Entladung landwirtschaftlicher Maschinen erforderliche Kopf- und Seitenrampe. Es gab eine Reihe gutgehender bäuerlicher Betriebe von unterschiedlicher Größe, die zwecks Steigerung der Erträge und Erleichterung der Arbeit 
technischer Unterstützung bedurften. Von Bedeutung waren ebenso die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) und das Vorhandensein eines geeigneten Betriebsgeländes in Form des stillgelegten Gipswerkes am Ende der Straße An der Bahn. Arbeitskräfte gab es reichlich, nachdem 1948 zahlreiche Kriegsgefangene in die Heimat entlassen worden waren, von denen in erster Linie Landmaschinenschlosser, Traktoristen und Ingenieure für Landtechnik eine neue Perspektive fanden. Zu Beginn verfügte die MAS über 40 Mitarbeiter, von denen acht in der Werkstatt und 20 als Traktoristen tätig waren. Schwierig war es allerdings, gute Schlosser zu bekommen, da es viele von ihnen wegen der besseren Entlohnung in die Maxhütte zog.
Zur Vermeidung von Überschneidungen wurden Arbeitsgrenzen festgelegt, weshalb sich der Einzugsbereich der MAS Krölpa im Osten bis Köstitz und Neunhofen, im Süden bis Drognitz, Reitzengeschwenda, Neidenberga, Ziegenrück, Eßbach, Knau und Dreba sowie im Norden bis Herschdorf, Hütten und Friedebach erstreckte. Damit sich keine Zeit, Kraftstoff und Geld kostenden langen Anfahrwege erforderlich machten, wurden in Grobengereuth, Oppurg, Köstitz, Dobian und Ranis Betriebsteile eingerichtet, die Stützpunkte genannt wurden. Die Organisation und Planung der Feldarbeiten oblag einem für die Zusammenarbeit zwischen Bauern und MAS verantwortlichen Beauftragten der VdgB. Ihm zur Seite stand ein gewählter MAS-Beirat, bei dem die Arbeitsanforderungen der Bauern angemeldet wurden und der die Einsätze von Traktoren und Maschinen einschließlich Bedienungspersonal mit den Stützpunktleitern koordinierte. Das war keineswegs immer einfach, blieben doch Rangeleien und Auseinandersetzungen übe
r die Reihenfolge nicht aus. Verständlicherweise war es jedem bäuerlichen Betrieb am liebsten, wenn zuerst bei ihm gearbeitet wurde. Schwierig wurde es vor allem mit der Lieferung des ersten Mähdreschers, eines sowjetischen S 4, für dessen Einsatz sowohl der Reifegrad des Getreides als auch die Zufahrtsmöglichkeiten maßgebend waren. Das fest angebrachte Schneidwerk hatte immerhin eine Breite von vier Metern und wenn das wertvolle Stück des Nachts auf dem Feld gelassen werden musste, geschah das nur unter Bewachung. Den Stützpunkten oblagen ebenso die Wartung und Pflege der Technik sowie die Ausführung kleinerer Reparaturen. Größere Instandsetzungsmaßnahmen erfolgten samt und sonders in Krölpa, verfügte die MAS doch über eine ausreichend große Reparaturhalle, unter deren Dach sich außerdem Werkzeug- und Ersatzteillager, Schmiede, Dreherei und Elektrowerkstatt befanden. Das sich daran anschließende (heute nicht mehr vorhandene) Hauptgebäude umfasste im Erdgeschoss 
Wasch-, Dusch- und Umkleideräume, Toiletten und die Heizung. Das erste Stockwerk nahm die Betriebsküche und in einem Anbau den Speisesaal sowie die Räume für Arzt und Betriebsschwester auf. Im zweiten Stockwerk befanden sich außer zwei Räumen für die Übernachtung von Schichttraktoristen die Buchhaltung und eine Betriebswohnung. Ein (heute ebenfalls nicht mehr vorhandener) einstöckiger Klinkerbau beherbergte die Räume für Betriebsdirektor, Dispatcher, Technischen Leiter und Agronomen. Erster MAS-Leiter war der aus Wormstedt bei Apolda stammende und damals noch sehr junge Bruno Lietz (1925 bis 2005), dem nach dessen Berufung nach Berlin Hans Böhme (* 1923) folgte, der in dieser Funktion auch nach der Umwandlung in eine Maschinen-Traktoren-Station (MTS) bis 1965 tätig war.
Die MAS war überdies nicht nur Arbeitsstätte, sondern auch kulturelles Zentrum auf dem Lande. Theater, Konzerte, Buchlesungen – welcher Dorfbewohner hatte dazu vor 1945 Gelegenheit gehabt? So wurden im Erdgeschoss der ansonsten weiterhin zu Wohnzwecken genutzten einstigen Fabrikantenvilla Klubraum, Bücherei und für Zwecke der Aus- und Weiterbildung ein Technisches Kabinett eingerichtet, dessen Hauptanziehungspunkt das Schnittmodell eines „Deutz“-Traktors war. In vielen tausend freiwilligen Arbeitsstunden wurde ab 1950 das baulich an die Villa anschließende Kulturhaus mit Saal, Bühne, Ausschank, Toiletten sowie Umkleide- und Klubräumen errichtet. Leider ist es heute ebenfalls nicht mehr vorhanden.
Der Maschinenpark der MAS bestand anfangs aus 18 Traktoren, die zu acht unterschiedlichen Typen gehörten. Hauptsächlich vertreten war der so robuste wie legendäre Lanz-Bulldog mit seinem so einzigartigen wie einmaligen Glühkopfmotor. Dieser hatte den für die damalige Zeit unschätzbaren Vorteil, dass er keine hochwertigen Kraftstoffe benötigte, sondern auch mit Schweröl, Tran, Paraffin und Pflanzenölen, ja sogar Teeröl zufriedenstellend lief. Dieser Park reichte freilich längst nicht aus, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden und so kamen ab 1949 nach und nach neue Traktoren aus einheimischer Produktion nach Krölpa, die das Bild auf den Feldern der Umgebung für längere Zeit prägen sollten: Geradezu legendär wurde der zunächst in Zwickau, dann in Nordhausen hergestellte Radschlepper RS 01/40 „Pionier“ (etwa sechs Stück), zu dem sich noch Exemplare des ebenfalls dort gebauten kleineren Typs RS 02/22 „Brockenhexe“ (ebenfalls etwa sechs) gesellten. 
Für sehr kleine Ackerflächen lieferte der VEB Brandenburger Traktorenwerke vier RS 03/30 „Aktivist“. Ab 1953 wurde dieser Park noch durch den vom Triptiser Ingenieur Egon Scheuch mit dem VEB Traktorenwerk Schönebeck/Elbe entwickelten Geräteträger RS 08/15 ergänzt, der umgangssprachlich nur „Maulwurf“ genannt wurde, obwohl dieser Name eigentlich dem als Entwicklungsmuster gebauten Vorgänger gehörte. So mancher Ältere erinnert sich vielleicht noch an dessen vom Pkw F 8 stammenden knatternden Zweitakt-Otto-Motor und dessen stets etwas nach Öl riechende blaugraue Abgasfahne. Wegen der damals häufig schlechten Straßenverhältnisse auf dem Lande mit nach größeren Regenfällen sowie der Schneeschmelze verschlammten Feldwegen und Ackerflächen mit teilweise wenig tragfähigen Böden erhielt die MAS auch einige in Brandenburg gebaute Kettenschlepper vom Typ KS 07/60 und später auch des moderneren KS 30 „Urtrak“. Vervollständigt wurde der Fuhrpark durch einen 
Lkw des sehr robusten sowjetischen Typs SIS 150 und einen in Zwickau gebauten H 3 A. Der im Laufe der Jahre erweiterte Landmaschinenpark umfasste unter anderem Pflüge, Eggen, Walzen, Drill- und Dreschmaschinen sowie Mähbinder und Strohpressen. Wurden Dreschmaschinen gleich auf dem Feld eingesetzt, erfolgte der Antrieb durch die Riemenscheibe eines Traktors. Geschah das auf einem Bauernhof, dem Gelände einer Genossenschaft oder einem Druschplatz, war auch ein elektrischer Antrieb möglich. Dazu wurde ein sogenannter Motorwagen beigestellt, von denen die MAS über mehrere verfügte. Das waren kleine zweiachsige Fahrzeuge, in deren geschlossenem Aufbau ein Drehstrommotor untergebracht war. Mit dem schon genannten Mähdrescher S 4, dessen Schneidwerk zur Vermeidung der bisherigen Verkehrsprobleme auf drei Meter verkürzt worden war, konnte die Getreideernte im Vergleich zum Mähbinder wesentlich beschleunigt werden. Bei einem damals einiges Aufsehen erregenden Versuchseinsatz auf e
inem 75-Ar-Schlag an der Raniser Straße in Krölpa wurde auch die Eignung für kleine Flächen nachgewiesen. Viele Diskussionen gab es zudem über die Möglichkeit, die Rapsernte mittels Mähdrescher zu beschleunigen, wurden doch zunächst hohe Verluste befürchtet. Das stellte sich jedoch als unzutreffend heraus, weshalb diese Maschinen alsbald auch auf Rapsschlägen zum gewohnten Bild gehörten. Ab 1956 vergrößerte sich die Mähdrescherflotte mit der Lieferung des Typs E 175 aus einheimischer Produktion auf etwa 15 Stück, weshalb parallel zur Bahnstrecke eine neue Halle gebaut wurde. Zu diesem Zeitpunkt aber war schon wieder das Ende der MAS gekommen, da nun die Umwandlung in eine andere Organisationsform, die Maschinen-Traktoren-Station (MTS), erfolgte.
Der Verfasser bedankt sich bei Dr. Gerda und Hans Böhme, Neustadt/Orla, für die umfassende Unterstützung bei der Erarbeitung dieses Beitrages.

 

Hans-Joachim Weise