9. Februar 2015

Auch auf Thüringer Straßen vielseitig und unverwüstlich – eine Legende aus Waltershausen ist 55

Der M 22, hier ein Harald Möller aus Gräfinau-Angstedt gehörendes Exemplar mit ausfahrbarer Drehleiter, war äußerlich schon so etwas wie die Urform der Fahrzeuge, die man sich auch heute noch bei der Nennung des Names "Multicar" vorstellt: Mit dem M 25 gelang den Waltershäuser Fahrzeugbauern der "große Wurf", entstanden von ihm doch rund 100.000 Stück. Aufnahmen und Montage: Hans-Joachim Weise

von Hans-Joachim Weise

 

Ob im Dienst von Unternehmen oder im kommunalen Bereich – diese Fahrzeuge können nicht nur vieles, sie sind zudem stets so zuverlässig wie unverwüstlich. Wie auch immer sie aussehen, welche technische Ausstattung und welche Eigenschaften sie auch haben mögen, ihr gemeinsames „Dach“ ist die nun schon legendäre Fahrzeugmarke „Multicar“. Geboren wurde sie am 4. Dezember 1959 im VEB Fahrzeugwerk Waltershausen, wo sie als Siegerin aus einem Ideenwettbewerb unter der Belegschaft hervorgegangen war. Natürlich gab es auch schon zuvor Fahrzeuge für innerbetriebliche und kommunale Transporte, aber wie nüchtern, ja nichtssagend und sperrig sowie wenig einprägsam hören sich doch Bezeichnungen wie „Dieselkarre“ oder „Dieselameise“ an! „Multicar“ dagegen zeitigt viel mehr Wirkung, der Begriff zergeht förmlich auf der Zunge, er vermittelt Modernität und Vielseitigkeit, prägt sich ein und ist zudem werbewirksam. So wurde mit jenem denkwürdigen Tag aus der von 1956n bis 1964 hergestellten, unter Leitung von Hauptkonstrukteur Werner Clausner entwickelten „Dieselkarre 2004“ der erste und für 2 Tonnen Nutzlast ausgelegte „Multicar“-Typ M 21: Mit dem, woran man bei dieser Fahrzeugmarke zuerst denkt, hatte er freilich wenig gemein, war doch der Fahrerstand noch offen und damit jeder Bediener Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt. Einen Sitz gab es ebenso wenig, da der M 21 im Stehen gefahren wurde. Zum Lenken diente eine Fußwippe, in Bewegung gesetzt wurde das Fahrzeug mit dem rechts angebrachten Kupplungshebel, an dem sich auch der Gasdrehgriff befand. In den acht Jahren seiner Herstellung verließen nahezu 14.000 Fahrzeuge in fünf verschiedenen Ausführungen – vom Pritschenwagen bis zum Kranwagen – die Werkhallen. Rund 3.200 Stück fanden ihre Abnehmer in Ägypten, Dänemark, Finnland, dem Iran, Island, den Niederlanden, Polen, Portugal, Schweden und in der Schweiz. Die Einsatzgebiete reichten von Industrie- und Baubetrieben über Städte und Gemeinden bis zu Deutscher Post der DDR, Feuerwehren sowie Straßen- und Wohnungsbau.

Ab 1964 folgte mit dem M 22 der Typ, der in seinen Grundzügen schon Merkmale späterer Fahrzeuge aufwies, die man gemeinhin mit dem Begriff „Multicar“ in Verbindung bringt. Allerdings besaß er nur ein „halbes“ Fahrerhaus auf der linken Seite und konnte deshalb außer dem Fahrer kein weiteres Personal aufnehmen. Auf der rechten Seite befanden sich unter einer niedrigen Haube Motor und Getriebe. Von vorn gesehen war der M 22 somit unsymmetrisch aufgebaut. Auch dieser Typ war in verschiedenen Ausführungen lieferbar, die Palette reichte hier vom Pritschenwagen über den Dreiseitenkipper bis zum Fahrzeug mit ausfahrbarer Drehleiter. Bis zum Ende der Produktion hatten insgesamt 42.500 Stück die Werkhallen verlassen. Nicht verwirklicht wurde das geplante Nachfolgemodell M 23, an seine Stelle trat der M 24, der den späteren und mit dem Namen „Multicar“ zuallererst identifizierten Typen schon recht ähnlich sah. Kennzeichnend für ihn war der in der Seitenansicht trapezförmi ge kurze Motorvorbau. Er stellte gewissermaßen den Übergang vom M 22 zum späteren M 25 dar, zumal es ihn sowohl mit einsitzigem als auch mit zweisitzigem Fahrerhaus gab. Von den bis 1978 ausgelieferten 25.600 Fahrzeugen ging fast die Hälfte in den Export!

Der große Schlager wurde dann der ab 1978 produzierte M 25, der bis 1993 eine Stückzahl von 100.000 und einen Exportanteil von 70 % erreichte. Er schließlich hatte das typische „Multicar“-Gesicht mit der großen Frontscheibe, die unten weit nach vorn geneigt war und so nicht nur ausgezeichnete Sichtverhältnisse bot, sondern auch den kurzen Motorvorbau verschwinden ließ. In Großbritannien entstand aus dem M 25 in Zusammenarbeit mit dem auf Gleisbautechnik spezialisierten Hersteller Harsco-Permaquip ein Zweiwege-Fahrzeug, das sowohl auf Straßen als auch auf Eisenbahngleisen einsetzbar war. Die ab 1991 hergestellten M 25 wurden mit einem Motor von Volkswagen ausgestattet. Die Vollendung des typischen „Multicar“-Gesichts ist unzweifelhaft der von 1993 bis 2010 gelieferte M 26, der übrigens auch mit Doppelkabine angeboten wurde. Bei den Nachfolgemodellen M 27, M 30 Fumo („Funktion und Mobilität“) und M 31 wurde die gerade Form zugunsten eines im Profil gerundeten Fahrerhauses verlassen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, doch ob diese Ausführung der Formgestaltung letzter Schrei ist, bleibt abzuwarten. Der „Fumo“ wird mittlerweile ausschließlich mit Doppelkabine geliefert, die heutigen Stückzahlen erreichen allerdings bei weitem nicht die von einst. Dagegen ist die technische Ausstattung natürlich eine ganz andere: Die Dieselmotoren entsprechen samt und sonders der Euro-5-Abgasnorm, die Leistung liegt zwischen 75 Kilowatt (102 PS) und 107 Kilowatt (145 PS). Damit können Geschwindigkeiten bis zu 90 km/h erreicht werden. Geblieben ist die allen Typen eigene große Vielseitigkeit, für die nicht nur unterschiedlichste Aufbauten, sondern auch zahlreiche Anbaumöglichkeiten stehen. Nichts zeigt diese Vielseitigkeit besser als jene schlichte Zahl: Gut 300 verschiedene Aufbauten und Anbaugeräte machen sie zu wahren Alleskönnern. So kann ein „Multicar“ beispielsweise mit Kehrwalzen zur Straßenreinigung oder Schiebeschilden zur Schneeräumung ausgerüstet werden und das ist längst nicht alles. Für Gehwege und sehr enge Straßen gibt es mit dem „Tremo“ zudem eine Sonderausführung mit verringerter Fahrzeugbreite.

Wenn oftmals hervorgehoben wird, dass „Multicar“ die einzige Fahrzeugmarke der DDR ist, die allen Widrigkeiten der Jahre ab 1990 zum Trotz überlebt hat, so war das keineswegs das Verdienst jener ungetreuen Breuelschen „Treuhand“ gewesen. Wäre es nach deren Plänen und dem von dieser eingesetzten Manager gegangen, dem der Ausspruch „Was es im Westen nicht gibt, wird auch nicht gebraucht.“ zugeschrieben wird, dann wäre in Waltershausen längst das ganz bittere Ende gekommen. Viele Betriebe und Kommunen hätten das Nachsehen gehabt. So wollten die Volkswagen-Werke gemäß einer Vorgabe des Verbandes der Automobil-Hersteller den mit 66 Kilowatt (90 PS) damals stärksten Dieselmotor nicht liefern, weshalb die Herstellung der Lang- und der Allradversion ernsthaft gefährdet war. Die Rettung brachte schließlich die nicht diesem Verband angehörende Firma IVECO. Das nach ungewöhnlich langer Entwicklungszeit zur Verdrängung von „Multicar“ durch Mercedes mittels recht aggressiver Werbemethoden angebotene Kommunalfahrzeug konnte mit den Waltershäuser Erzeugnissen nicht mithalten. Es erreichte weder deren Vielseitigkeit noch deren Standfestigkeit und auch der Kundendienst erwies sich als mangelhaft. Auf Grund der vielen Regressforderungen der Kunden zog sich Mercedes dann stillschweigend aus diesem Geschäftsfeld zurück. Dennoch hat das Waltershäuser Werk mit der Privatisierung gewaltig Federn lassen müssen, sind doch von 800 Arbeitsplätzen im Stammbetrieb und rund 400 in Außenbereichen unter dem Dach der in Bad Oldesloe ansässigen Firma Hako noch ganze 170 übriggeblieben.