7. April 2015

Trotz alledem nie seine Überzeugung aufgegeben

Stephan Hermlin (links) im Gespräch mit dem türkischen Dichter Nazim Hikmet, Deutscher Schriftstellerkongress 1952 in Berlin.

Von Werner Voigt

 

Wie Stefan Heym (*1913) wurde der Dichter in Chemnitz geboren(*1915), wuchs allerdings zunächst in Berlin und in der Schweiz auf, hieß eigentlich Rudolf Leder, Sohn des großbürgerlichen Textilhändlers und Kunstsammlers Leder. In Chemnitz und Berlin setzte er seine gymnasiale Ausbildung fort, schloss sich schon mit 16 Jahren der Kommunistischen Partei Deutschlands an und verfasste erste Gedichte. Er sah zeitig, was sich da politisch gefährlich zusammenbraute, deshalb veröffentlichte er unter dem Pseudonym „S. H.“, wurde darauf der Schule relegiert und lernte in einer zweijährigen Druckerausbildung. Noch in Berlin.

Hermlin muss, wie viele tausende jüdische Deutsche, aufgrund des nach 1933 verstärkten faschistischen Terrors, emigrieren. Sein Weg führt über Ägypten, Palästina, England und Frankreich und er sucht Kampfmöglichkeiten. So folgen Spanien und die Schweiz (zeitweilig hier interniert). Nach der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus kehrt er aus der Schweiz nach Berlin zurück. Er wird Mitglied der SED und des Schriftstellerverbandes.

Der Lyriker, Erzähler und Übersetzer zählt in der frühen Phase der DDR zu den bekanntesten jungen Schriftstellern. Hohe Auflagen erreichen z. B. die Porträts „Die erste Reihe“, und Ernst Hermann Meyer vertonte Hermlins „Mansfelder Oratorium“ (1951). Mich haben als Fünfzehnjährigen, Leiter einer Kinder- und Jugendbibliothek in Halberstadt, diese Porträts sehr stark beeindruckt: durch die Wucht der erzählten Fakten, die einfühlsame sprachliche Gestaltung, durch die Vielfalt der Persönlichkeiten: Was für mutige Menschen, die sich nicht scheuten, ihr Leben einzusetzen gegen die Barbarei! Hans und Sophie Scholl, Lilo Herramnn, Olga Benario, Magnus Poser, Albert Kuntz, Theodor Neubauer, Paul Schneider, Michael Niederkirchner und viele, viele andere ...

 

Bücher gaben Leben Richtung und Sinn

 

Dieses Buch war ein Bildungs-Klassiker der Nachkriegszeit – im Osten! Es gab dem neuen Leben Richtung und Sinn. Im Westen: Politische Restaurierung und Remilitarisierung unter Adenauer (CDU).Hermlin schrieb Erzählungen und Gedichte über seine Erlebnisse in den Exiljahren, übersetzte sehr viel Lyrik aus verschiedenen Sprachen ins Deutsche, schrieb Essays und arbeitete in mehreren internationalen Gremien mit. Eng verbunden war er der Freien Deutschen Jugend. Er förderte in verschiedenen Formen öffentlich die behutsame Entwicklung junger poetischer Talente in der DDR, denen man Vertrauen und Verantwortung zubilligen sollte. Nicht selten geriet er arg in Streit mit der Kulturbürokratie. In der Biermann-Affäre 1976, in der auch seine Handschrift steckte, gipfelte dann die zunehmende Diskrepanz zwischen dem sozialistischen Anspruch und den Methoden des Umgangs mit den offenbarten Widersprüchen, die auszusprechen und auszudiskutieren waren.Trotz alledem hat Hermlin nie seine Überzeugung als Kommunist aufgegeben. In den letzten Jahren der DDR ragten in der öffentlichen Diskussion Hermlins „deutsches Lesebuch“ (1979) und sein essayistisches Lebenscredo „Abendlicht“ (1981) hervor. Nach 1989 blieb er der Partei des Demokratischen Sozialismus verbunden.An Leben und Werk ist klar ablesbar, dass auch einer, der in seiner frühen Phase u. a. Lobgedichte auf Stalin verfasste, nicht automatisch als „Stalinist“ abgestempelt werden sollte.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/6/artikel/trotz-alledem-nie-seine-ueberzeugung-aufgegeben/