28. Juli 2015

Partisanenpfade im Piemont

Auf den Spuren der Italienischen Resistenza, der antifaschistischen Widerstandskämpfer Italiens, begab sich eine Reisegruppe des Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten.

Von J. Powollik

 

Die 23. Antifa-Fahrt des Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten stand im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung von Faschismus und Krieg. Wir widmeten sie den Menschen, die den Widerstand gegen den italienischen und deutschen Faschismus 1943 – 1945 mit dem Leben bezahlen mussten. 

Auf der Passhöhe des Colle del Lys (1.311 Meter) in  der Region Piemont, Provinz Turin, wurden am 2. Juli 1944 auf grausame Weise 26 junge zum Teil unerfahrene Partisanen der Garibaldi-Brigade nach ihrer Gefangennahme während einer Durchkämmungsoperation grausam von SS-Bestien ermordet. 1955 wurde ein Turm des Gedenkens auf der Passhöhe errichtet, der nicht nur an das strategische Zentrum der hier operierenden Partisanen erinnert, sondern an alle 2.024 Partisanen, unter denen auch Internationalisten aus vielen Ländern Europas kämpften, die während der 20 Monate der Resistenza ihr Leben gaben. Vor den heranrückenden alliierten Truppen, die die Partisanen während ihres Kampfes nur unzureichend unterstützten, konnten die Partisanen aus eigener Kraft Städte, wie Turin, im April 1945 befreien. Während bei uns die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald offiziell in Frage gestellt wird, überwiegt hier in Italien die Geschichtsschreibung der Partisanen.

 

Resistenza-Museum zeigt Grausamkeit der Faschisten

 

Das Resistenza-Museum in Turin, welches wir besuchten, zeigt anhand von Aussagen der Zeitzeugen und Filmen die Situation im damaligen Italien, die Grausamkeit der Faschisten gegen jegliche Opposition und den unbeugsamen Willen der Antifaschisten aus allen Kreisen der Bevölkerung. Eine weitere Gedenkstätte in Turin dokumentiert die Hinrichtungsstätte von 59 Italienern durch die Faschisten in der Zeit vom 8. September 1943 bis zum 28. April 1945. Nach dem Niederlegen eines Blumengebindes gedachten wir in einer Schweigeminuten diesen Opfern.

 

Kampf gegen Faschismus tief verwurzelt

 

Der Höhepunkt der Reise war die Gedenkveranstaltung an die Erinnerung der Resistenza auf der Passhöhe. Es sollte eine große Überraschung für uns deutsche Antifaschisten werden. In Italien und speziell in dieser Region ist die Erinnerung an den Kampf gegen den Faschismus sehr tief verwurzelt. Man verspürte einen großen Stolz der Menschen auf ihre Geschichte. Alle Bürgermeister der Region, Carabinieri in ihren Ausgehuniformen und nicht wie bei uns Polizei in Kampfausrüstung anlässlich ähnlicher Gedenkfeiern oder Demonstrationen, Gebirgsjäger, die die Gewehre präsentierten beim Einmarsch der Fahnenträger mit den Traditionsfahnen der Dörfer, jede der Medaillen auf ihnen symbolisieren einen toten Widerstandskämpfer aus der Gemeinde.  Junge Menschen aus Italien und Deutschland trugen Schilder, die an die einzelnen Partisaneneinheiten und die Nationen erinnerten, aus denen Kämpfer sich am aktiven Widerstand beteiligten. Lieder der Partisanen aus Italien und aus Spanien wurden vorgetragen, das berühmte „bella ciao“ erklang mehrfach in den vielen Sprachen der Teilnehmer dieser Gedenkveranstaltung.

Als unsere Gruppe unter der Fahne der VVN-BdA einmarschierte, wurden auch wir mit viel Beifall empfangen. Überall wurden wir nach unserer Herkunft und den Symbolen auf der Fahne und unseren Hals-tüchern gefragt. Mit Händen und Füßen konnten wir uns oft nur, aber gut verständigen. Es war eine große Herzlichkeit überall. Unser Ehrenvorsitzender Prof. Heinrich Fink überbrachte die Grüße der Thüringer Antifaschisten und erinnerte an die italienischen Zwangsarbeiter, die auch in Thüringen schuften mussten und oft ihr Leben dadurch verloren und an den Schwur von Buchenwald, den er an dieser Stelle erneuerte: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Besonders die ehemaligen Partisanen dankten ihm aus tiefen Herzen für seine Worte und erinnerten an den großen Deutschen, Ernst Thälmann. Übrigens, Heiner Fink wird noch heute von der bundesdeutschen Justiz wegen angeblicher, aber unbewiesener Vorwürfe, weiter verfolgt. Ihm, dem aufrechten Christen, galt und gilt unsere Solidarität.

Ein Kranz mit den Schleifen der Ravensburger VVN-BdA und unserer Gruppe zierte neben vielen anderen Kränzen und Blumengebinden den Sockel des Gedenkturmes. Die Ravensburger, die unsere Gruppe bei der Vorbereitung der diesjährigen Fahrt sehr unterstützten, pflegen schon seit 25 Jahren enge Kontakte zu den Partisanen im Piemont. 

Nach der Feierstunde begann ein buntes Volksfest auf der Passhöhe, wir wurden in einem großen Zelt mit italienischen Köstlichkeiten verwöhnt. Das gewaltige Rauschen der vielen hundert Gespräche wurde nur gelegentlich von italienischen Gesängen unterbrochen. Nach einem Bummel über den Festplatz brachte uns unser seit vielen Fahrten bekannter Busfahrer, Achim, sicher durch die engen und steilen Kurven der Passstraße zurück nach Turin/Rivoli. Er lieferte an diesem Tag sein Meisterstück ab. Es gab viel Beifall für diese Leistung.

 

Bejahung des Lebens ist für Antifaschisten eine wichtige Motivation

 

Die Teilnehmer der Fahrt führten unendlich viele Gespräche. Nachkommen ehemaliger Häftlinge aus dem KZ berichtete authentisch von ihren Eltern im Widerstand. Einige Teilnehmer berichteten von ihren neuen Büchern und anderen Vorhaben, die eng mit der Antifa verbunden sind. Beim Rotwein wurde viel gelacht und gescherzt, denn die Bejahung des Lebens ist für uns Antifaschistinnen und Antifaschisten eine wichtige Motivation für unser Tun. Eine Stadtrundfahrt machte uns mit Turin und seiner Geschichte bekannt.

Danke an alle, die zum Gelingen dieser Reise beigetragen haben, besonders möchten wir Elke Pudszuhn und Jupp Kaiser sowie Enzo Savarino von den Ravensburger Kameraden für ihre perfekte Organisation und die Beseitigung von Hindernissen nochmals danken. Im kommenden Jahr wird die Gedenkstätte des KZFriedhofes Birnau und des Goldbacher Stollen bei Überlingen am Bodensee das Ziel sein. Beim Bau dieses Stollen durch KZ-Häftlinge kamen damals auch viele Italiener ums Leben.

Eine Mitarbeit in der VVN-BdA bildet, erweitert den Freundeskreis und ist wichtig für die Zukunft. Ihr seid herzlich dazu eingeladen. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/6/artikel/partisanenpfade-im-piemont/