16. Juni 2015

Kabarett macht das Leben schöner

Vor den Toren der Landeshauptstadt. Ulf Annel mit Tochter Juliane, die für sein Buch „111 Orte in Erfurt, die man gesehen haben muss“, die Fotos beisteuerte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Thomas Holzmann

 

Alle Schreiberlinge der Welt sind schnell zur Hand mit nicht immer sinnvollen Superlativen oder anderen extravaganten, in den Ohren dröhnenden, Begriffen. Beim Erfurter Kabarettisten Ulf Annel liegen klischeehafte, aber wenig sagende Wortfetzen wie „Erfurter Original“, „Thüringer Urgestein“ oder „waschechte Puffbohne“ nahe. Doch die würden diesem Kleinkunst-Multitalent, der im August seinen 60. Geburtstag feiern wird, genauso wenig gerecht wie Thüringen auf Würste und Klöße zu reduzieren.   

 

Glückliche Thüringer Vielfalt

 

Was macht Thüringen nun aus:  Raubritter und Minnesänger im Mittelalter? Und heute: Thügida-Nazis und doch nicht so blühende Landschaften auf der einen – bunte, Weltoffenheit wie beim TFF Rudolstadt und die   Prosperität der florierenden Boom-Städte am A4-Speckgürtel auf der anderen Seite? Für Ulf Annel sind das keine Gegensätze: „Es gibt eine glückliche Thüringer Vielfalt. Die alternative Kulturszene jammert immer, dass sie zu wenig Möglichkeiten hat. Aber das stimmt so nicht.  Man kann in Thüringen, quer durch Kultur, Kunst und Politik, ungestört sehr viel machen. Es gibt keine so extrem großen sozialen Unterschiede zwischen Superreichen und Armen wie in Hamburg oder Frankfurt. Sowohl geografisch wie auch in anderen Fällen sind wir in Thüringen sehr mittig, eher normal. Und das ist auch gut so.“

 

Provinz: Kampfbegriff, der nichts aussagt 

 

Das ganz „Normale“ könnten übel gelaunte Zeitgenossen auch als spießig-hinterwäldlerischen Muff der Thüringer Provinz brandmarken.  „Die Frage ist, wer bestimmt, was provinziell ist und was bedeutet das überhaupt?“, fragt Ulf Annel. „Provinz ist ein Kampfbegriff, der eigentlich gar nichts aussagt. Wer sagt, Thüringen ist Provinz, hat entweder keine Ahnung oder meint etwas ganz Bestimmtes. Ja, das Theater hat hier kein Weltspitzen-Niveau. Aber ich frage: Wozu auch? Wir müssen nicht überall Opernweltstars wie Anna Netrebko haben. Die kostet viel Geld, aber an unserer Oper gibt es Leute, die singen genauso gut. Die sind nur nicht so berühmt und so viel herumgereist“. Ulf Annel fügt hinzu: „In Südthüringen gibt es den Kulturverein Provinzschrei. Die haben den Begriff ironisiert – Kuckuck, wir sind Provinz, aber es ist bei Kunst und Kultur immer etwas los. Das darf man dann auch mal laut herausschreien.“ 

 

Die Heimat gehört uns allen 

 

Zum Schreien, aber nicht im positiven Sinne, finden viele die braunen Umtriebe von Sügida, Thügida und Co., die seit Monaten die Zivilgesellschaft in Alarmbereitschaft versetzen. Diese Leute nehmen auch noch für sich in Anspruch, den Heimatbegriff bestimmen zu wollen. „Ich finde den Begriff Heimat ganz toll. Bei Kurt Tucholsky habe ich gerade erst wieder gelesen, dass wir uns das nicht wegnehmen lassen dürfen. Die Heimat gehört nicht denen, die immer nur schreien Deutschland den Deutschen. Ich lebe hier, bin mit sehr vielen Leuten verbandelt. Das ist für mich Heimat, wo Familie und Freunde leben. 

Ein Drittel meines Lebens habe ich hoffentlich noch vor mir. Ich habe hier meine Balance, bin neugierig, kreativ und mache fast täglich etwas. Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich das nicht tun, um den Nobelpreis zu kriegen. Thüringen ist mir ans Herz gewachsen und ich schreibe gerne darüber. Ich muss nicht nach Berlin, Leipzig oder Dresden. Mir geht es gut in Erfurt.“

 

Puffbohnen im Wandel 

 

Was aber macht Erfurt aus? Kultur? Geschichte? Sprache? Ulf Annel hat den Erfurter Slang drauf aber weiß: „Die Dialekte sterben langsam. Es gibt noch einen gewissen Klang, aber die Worte sterben aus. Es gab mal ein Wörterbuch Erfordsch-Deutsch. Das war klein, weil nicht mehr viele Worte übrig sind, die wirklich Erfordsch sind und die die Leute noch kennen. Bekannt sind nur noch wenige wie lunzen (gucken) oder kuzen (hocken). Leider geht das verloren, weil viele diese Wörter nicht mehr benutzen und sich die Sprache durch alle möglichen Einflüsse ständig wandelt.“ Typisch für diesen sprachlichen Transformationsprozess ist der Wandel des Begriffs Puffbohne, den viele Thüringer schon über ihre Hauptstadt gehört haben. Ulf Annel erläutert: „Früher standen sich die Dörfer und Städte oft feindlich gegenüber. Spott und Häme wurden ausgeschüttet und Spitznamen erfunden. Puffbohne war anfangs ein Neckname wie Schneepullerer oder Fässleseecher und bedeutet eigentlich: Du hast zu viele Bohnen gefressen und furzt zu viel. Im 19. Jahrhundert ist das umgeschlagen, weil die Leute erkannten, dass so ein Name auch ein Alleinstellungsmerkmal sein kann.“      

 

Begeisterung für Geschichte entfachen

 

Mit den Puffbohnen ist es das Gleiche wie mit Christian Reichart, Richard Breslau oder der  Waidpflanze, die meisten wissen nichts damit anzufangen. Schade, dass sich nicht nur in Erfurt so wenige für ihre eigene Geschichte interessieren. Ulf Annel allerdings widerspricht: „Ich habe durch mein Buch „111 Orte in Erfurt, die man gesehen haben muss“, erlebt wie groß das Interesse an Geschichte sein kann. Das Buch wurde so oft gekauft, dass gefühlt jeder Erfurter schon zwei haben müsste. Bei Geschichte ist das wie mit Kunst, es gibt immer Leute, die sich dafür begeistern, aber niemals alle.“ Nicht nur Geschichte, auch die oft als langweilig verschrienen Museen versucht Ulf Annel so darzustellen, dass Begeisterung entfacht werden kann. Fakten bleiben mit Wortwitz und Farbe besser in den Köpfen hängen,  Überraschungen inklusive. „Ich glaubte, ich wüsste schon alles über Erfurt. Bei der Recherche für mein Buch‚111 Orte in Erfurt’ dachte ich, da will mich im Internet jemand veralbern – eine Skisprungschanze in Erfurt! Genauso war es beim Buch über die 111 Museen. Da gab es über 20, von denen ich noch nie gehört hatte. Und da sind auch fünf dabei, die – genau wie ich – von dem Gedanken ausgehen: Es muss Spaß machen! Eines meiner Lieblingsbeispiele ist das Spaßmuseum in einer Scheune im Thüringer Rhön-Zipfel. Oder in Kraftsdorf das Mutzmuseum. Mutz ist ja nur ein Dialektwort für Schwein und die Kraftsdorfer haben etwas im wahrsten Sinn des Wortes Saulustiges geschaffen.

 

Kabarett steht für Vielfalt 

 

Wie viel Aufklärung steckt da noch im Kabarett oder geht es doch nur ums Abschalten? „Aufklärung ist ein großes Wort. Aber ich denke, man kann sehr gut ernsthafte Themen mit ein bisschen Humor transportieren. Das hilft dabei, das tägliche Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Kabarett ist eine Kunstform, die nicht nur politisch ist. Kabarett steht immer für Vielfalt. Aber ich denke, Kunst kann nie die Gesellschaft verändern. Sie kann den Menschen etwas zum Nachdenken geben oder auch Idylle, einen Raum zur Erholung. Und manchmal kann sich so im Kopf eines Menschen etwas bewegen“, sagt Ulf Annel über die Funktion des Kabaretts. Dazu gehört auch, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und sich nicht über andere Menschen zu erhöhen 

Das finden viele gut und deswegen wird es auch das Kabarett in seinen unterschiedlichen Spielformen immer geben. Kabarett macht das Leben der Menschen schöner.“

 

Es muss nicht immer Politik sein

 

Seit 1981 steht Ulf Annel, der zuvor in Leipzig Journalismus studierte, schon auf der Bühne. Mit seiner Frau lebt er in Erfurt-Tiefthal und hofft, „dass ich so lange etwas Kabarettistisches machen kann, bis ich abtrete. Ich würde auch gerne noch mit 102 Jahren meinen Doktortitel vereidigen“, scherzt er über aktuelle Zeitungsmeldungen und fügt süffisant hinzu: „Wenn es körperlich nicht mehr geht, dann mache ich Rollstuhlkabarett. Hauptsache, ich kann in meinem Metier alt werden.“ Das werden viele sich wünschen. Die Vielschichtigkeit will Ulf Annel auf jeden Fall bewahren, auch weil er diese „Abwechslung für sein Gehirn“ braucht. Es muss nicht immer die große Politik sein. Und: „Merkel-Bashing“ allein ändert nichts und erklärt auch nichts. Merkel ist nur sozusagen die Gretel-Puppe und ab und an kommt der Kasper und drischt drauf. Allein zu sagen ‚Merkel ist     doof!’, ist aber noch keine Freiheit im Denken“. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/6/artikel/kabarett-macht-das-leben-schoener/