14. Juli 2015

Heimatliebe zwischen Ettersberg und Belvedere

Der Weimarer Schriftsteller und Drehbuchautor Wolfgang Held (12. Juli 1930 – 17. September 2014) wäre im Juli 85 Jahre geworden.

 

Von Werner Voigt

 

Schon früh schrieb er gern Aufsätze, Geschichten voller Abenteuer und Phantasie. Als Kind einer sozialdemokratisch geprägten Großfamilie, in der Mitte Weimars aufwachsend, sog er die oft befremdlichen Vorgänge in der von Faschisten beherrschten, nationalistisch missbrauchten Kleinstadt auf. Nach dem 11.4.1945, dem Befreiungstag Buchenwalds, suchte er seinen vor Jahren von der Gestapo verhafteten Onkel Rudi, einen Kommunisten, auf dem Ettersberg zu finden, auch, um sich zu überzeugen, was dort im Konzentrationslager geschehen war. Etwas, was die meisten Weimarer nicht gewusst haben wollten ...

An solche emotional tiefen Eindrücke erinnert sich Wolfgang Held in seinem 2014 erschienenen Buch „Ich erinnere mich“ (Eckhaus Verlag Weimar). Damit setzte er einen Schluss-punkt für sein Lebenswerk, das weit in die Geschichte des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Die Zahl seiner Kinderbücher, Reportagen, Romane, Film-szenarien für DEFA und Fernsehen der DDR sowie historisch-abenteuerlichen Erzählungen ist Legion. 

 

Ratschläge von Louis Fürnberg

 

Mut und künstlerische Ratschläge für erste Schritte gab ihm damals der 1954 nach Weimar übergesiedelte Dichter Louis Fürnberg (1909 - 1957). wie am Aufbau einer neuen antifaschistisch-demokratischen Gesellschaft im Osten Deutschlands schöpferisch Kräfte freigesetzt wurden, erlebte er hautnah als Polizist und später als Redaktionsassistent. Kräftezehrend bis zum Umfallen. Die Lunge spuckt Blut und er muss ins Sanatorium (künstlerisch verarbeitet später in dem Film „Einer trage des anderen Last“, DEFA 1988).

Nach der Genesung wandte er sich intensiv dem Schreiben zu, arbeitete aber zunächst Jahre als Journalist bei der Bezirkszeitung „DAS VOLK“. Mit Reportagen („Die Nachtschicht“, 1959) und einigen Kinder- und Jugendbüchern in den sechziger Jahren („Mücke und sein großes Rennen“, 1960, es folgten acht weitere Titel) schrieb er sich frei, wurde in den Verband der DDR-Schriftsteller aufgenommen. Held leitete von 1959 - 1966 den Zirkel schreibender Arbeiter des VEB Büromaschinenwerk Sömmerda. Für ihn eine große Fundgrube an Alltagsgeschichten und ungewöhnlichen Erfahrungen, denn eine landesweite Aufbruchsstimmung, sich die reichen Schätze an Bildung und Kultur anzueignen, bestimmte die allgemeine Lebensatmosphäre in der DDR. Arbeiterfestspiele und gewerkschaftlich organisierte Theaterfahrten zu den Inszenierungen der Klassiker – DNT Weimar – gehörten bald zum Alltag auch vieler Arbeiter.

„Zeit zu leben“: Dieser Titel eines DEFA-Films von 1969, für das der Filmszenarist Held, im Kollektiv mit den Künstlern, einen DDR-Nationalpreis entgegennehmen durfte, drückte jene Stimmung aus. Menschliche Konflikte hatte er im Büromaschinenwerk gefunden. Verdichtet, aber auch humorvoll. Die Musik gab dem Ganzen eine wunderbar poetische Frische und Offenheit. Es war, aus heutiger Sicht, die „Mitte der DDR“. Schwieriger gestalteten sich die siebziger Jahre. An dieser „Nahtstelle“ lernte ich Wolfgang persönlich kennen. Mein Freund und Genosse kam in den ersten 70er Jahren öfter zu Versammlungen der Parteigruppe in der Weimarer Kreisredaktion DAS VOLK, obgleich er inzwischen nicht mehr bei der Zeitung angestellt war. Er besaß mitunter eine überraschend andere Sicht auf die politische und ökonomische Lage unseres Landes, anders als es im Parteilehrjahr vermittelt werden sollte. Denn er kam viel herum, auch über die Grenzen der DDR, und er benannte die Widersprüche, die er erlebt hatte. Das Theoretisieren missfiel ihm. Er sagte: Die Wahrheit ist konkret. Hier müsste angesetzt werden ... Held machte Mut, offen mit „heißen Eisen“ umzugehen, Schönrederei nutze nur dem Gegner. Auch in der sozialistischen Presse. Als der Zirkel schreibender Arbeiter des VEB Weimar-Werk (Leitung: Schriftsteller Walter Stranka) mit dem Literatur- und Kunstpreis 1974 der Klassikerstadt ausgezeichnet wurde, gratulierte er uns spontan, freute sich über unsere starke öffentliche Würdigung. Für Helds Fernsehfilm „Zweite Liebe - ehrenamtlich“ (1977) gab er mir in einem tiefgründigen Werkstatt-Gespräch Einblicke in persönliche Erfahrungen der ehrenamtlichen Hilfe vieler in der DDR-Sportförderung. Immerhin spielte der Autor selbst in einer Weimarer Tennismannschaft, war einige Jahre ihr Vorsitzender. Immer suchte er einen engen Kontakt zur Basis. Einige Jahre später entstand daraus sein Jugendbuch „... auch ohne Gold und Lorbeerkranz“ (1983). Verfilmt wurde später auch sein 1986 erschienenes Buch „Lasst mich doch eine Taube sein“ über den bisher wenig gewürdigten Kampf der jugoslawischen Kämpfer gegen die faschistischen Okkupanten 1944 in Slawonien. Hauptrollen spielten im Film (Koproduktion DEFA und Jugoslawien) Gojko Mitic und Manfred Möck).

Nachdem Harry Thürk (1927-2005) Anfang der 80er Jahre den Vorsitz des Bezirksverbandes der Schriftsteller abgegeben hatte (aus gesundheitlichen Gründen), übernahm Wolfgang Held das Amt. Mit großem Verantwortungsbewusstsein und Feingefühl. 

Auf einer Frühjahrsversammlung des Verbandes 1990 machte er den teilweise von nebulösen Freiheitsvorstellungen befangenen jüngeren Autoren unmissverständlich klar.. was sie nun in der BRD erwartet: Das Diktat des Marktes! Es könne jetzt jeder schreiben, was er wolle, und drucken lassen, was er wolle, er müsse es nur bezahlen können. Es gäbe tausende von Verlagen, die geradezu darauf warten. Politische Zensur gebe es nicht. Oder er könne einen eigenen Verlag gründen, wenn er dafür das Kapital habe ... Die tatsächliche Qualität des Geschriebenen sei nebensächlich. Die Masse der westdeutschen Autoren könne von ihren Büchern nicht leben. Nur ganz wenige. Das Großkapital bestimme, was auf dem Büchermarkt Chancen habe.

 

Weltliteratur wie Müll entsorgt 

 

Es war ein Schock, dass Millionen DDR-Bücher, sogar Werke der Weltliteratur, wie Müll „entsorgt“, hunderte Bibliotheken geschlossen wurden. Markt-Bereinigung im Osten! Bücher- Verramschung und Vernichtung.

Da die meisten DDR-Verlage insolvent oder aufgekauft wurden, griffen einige Autoren zur Selbsthilfe. Durch Wolfgang Held bekam ich den Rat, mich an den Schriftsteller Dietmar Beetz zu wenden, an seine Edition D.B. Erfurt. Beetz, Louis-Fürnberg-Preisträger der DDR (1977), ein beliebter Krimi- und Kinderbuch-  sowie Abenteuerautor, brachte nach 1999 auch einige meiner Bücher heraus. Wir hatten später sogar eine gemeinsame Lesung in Erfurt – Held und ich. Gern und oft besuchte Wolfgang das dicht an Weimar liegende Kromsdorf, sei es wegen der vom Thüringer Filmbüro gezeigten Filme nach Büchern von Harry Thürk, Armin Müller und ihm oder wegen der Auftritte des beliebten Volkschores Kromsdorf.

Wolfgang war ein aufrichtiger Freund, Helfer, Anreger. Es war für viele ein großer Schmerz, als er im Herbst 2014 von uns ging. Sein Wirken ist ein Teil DDR-Geschichte. Und er blieb, wie er immer war: bescheiden und dankbar. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/6/artikel/heimatliebe-zwischen-ettersberg-und-belvedere/