26. Januar 2016

Welcome Jena

Von Christian Engelhardt

 

 

Es war folgerichtig: Gründung eines Arbeitskreises unter dem vorläufigen Namen „welcom Jena“. Erste Kontaktaufnahme im Sinne einer Vernetzung mit gleichgesinnten Bürgern in einer großen Runde im Jenaer Rathaus. Der Zuspruch war unerwartet groß und die Ideen recht vielseitig. Im Mittelpunkt stand die Hilfe und Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache. Vielversprechend das Engagement besonders junger Leute meist aus dem studentischen Milieu. Aus Neugier und an die eigene Ausbildung als Lehrer erinnert, führte mich der Weg in eine Jenaer Gemeinschaftsunterkunft. Einmal wöchentlich trafen sich dort meist junge Menschen aus allen Krisengebieten, die neben der obligaten Sprachausbildung weitere Hilfe und Unterstützung erwarteten. Dort lernte ich B. AlShayeb, einen jungen Syrer kennen. Sehr bald entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis und Freundschaft. Ich erfuhr, dass er bereits eine kleine Wohnung in Jena sein eigen nannte. So entflohen wir künftig dem Stimmengewirr in der Gemeinschaftsunterkunft, um uns ungestört den Tücken der deutschen Sprache systematisch zu nähern. Wie ich erfuhr, wohnte auch sein jüngerer Bruder im gleichen Haus. Es bedurfter keiner Erörterung mit meiner Frau, Hilfe und Unterstützung wurde nun unser gemeinsames Anliegen. Den Wunsch der Brüder, uns zu einem arabischen Essen einzuladen, führte zu einem ersten Kontakt mit unseren Kindern und Enkeln. Beide Akteure zauberten mit Geschick und Rafinesse ein kulinarisches Erlebnis für eine große, erwartungsvolle Runde. Der Beifall für das gelungene Menü wurde beiden zuteil. Abschließend meinten sie, ihre Mutter würde die Topfgucker aber in jedem Fall mit den Kochkünsten übertreffen. Doch die Mutter war zu dieser Zeit noch in Damaskus. Es vergingen nur wenige Wochen und wir konnten die Mutter mit Tochter Eleen, Neffen Hamsa und Cousin Emad in Suhl besuchen. Diese Wiedersehensfreude vor meinen Augen werde ich nicht vergessen. Beide Brüder hatten sich bei ihrer Flucht aus Syrien über Ägypten auf eine fünfzehntägige Odysee über das Mittelmeer nach Italien eingelassen, ungewiss ob es gelingt, ungewiss, ob sie diese Tortur unbeschadet überstehen würden. Nunmehr ist die Familie bis auf den Vater, welcher in Damaskus festsitzt angekommen, angekommen in der Fremde, angekommen mit Erwartungen, aber auch mit Ängsten für die Zukunft. An den Reaktionen und Gesten konnten wir ablesen, wie wichtig Patenschaft bei der schwierigen Eingliederung in eine zunächst fremde Welt und Kultur ist. Viele Ämtergänge und Gespräche waren nötig, um den Wünschen und Erwartungen zu entsprechen. Inzwischen besucht der jüngere Sohn ein Gymnasium, er will sein Abitur machen, um danach Medizin zu studieren. Dem ältesten Sohn konnten wir eine Ausbildung als Mechatroniker in einem Mercedes Autohaus vermitteln. Dem Cousin, er hat bereits eine mehrjährige Berufserfahrung als Ingenieurbauzeichner in Syrien, soll ein Lehrgang der Thüringer Wirtschaftsvereinigung den Berufseinstieg ermöglichen. Neffe Hamsa lernt mit Hingabe für einen regulären Schulbesuch Deutsch. Das Kleinchen Eleen ist mit Freude in einem Kindergarten, fühlt sich wohl unter gleichaltrigen Kindern. Dieses Engagement war für den MdR eine Sequenz wert und in der Summe führte unsere ehrenamtliche Arbeit mit und für Geflüchtete in Jena zur Auszeichnung mit dem Thüringern Integrationspreis. Ein neuer Schritt besteht nun in der Ausgestaltung eines multikulturellen Zentrums in Jena, seit Anfang Dezember nimmt es Gestalt an. Eine Spendensammlung der Gesamtmitgliederversammlung ermöglicht nun auch die Einrichtung eines Computerkabinetts. Patenschaft, so unsere Erfahrung, macht wohl viel Arbeit und bringt manche Sorge bei der Bewältigung der Papierflut, letztlich aber Freude und Genugtuung. Ist sie doch eine konkrete Antwort auf die terroristischen Anschläge in Folge der rassistischen Hetze und menschenfeindlichen Umtriebe rechter Akteure, welche nicht zuletzt der AfD zuzuschreiben sind. Seit dem 18. Januar gibt es den „WeltRaum“ in Jena, eine interkulturelle Begegnungsstätte für Geflohene und Einheimische. Ein täglich besetzter Info-Tresen, Sprachkurse, Teerunden und andere Freizeitangebote schaffen einen Raum für ein buntes Miteinander im Herzen Jenas. Mehr Informationen im Internet unter:

http://welcome-in-jena.de

www.facebook.com/WeltraumJena

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/4/artikel/welcome-jena/