12. Januar 2016

Ohne Kampf kein Sieg

„Hey Sportsfreund, wo gehts zum Hotel Stroganoff?“ Manfred von Brauchitsch besucht Oberhof im Februar 1951. Szene aus dem DEFA-Film „Ohne Kampf kein Sieg“. Dieser fünfte Teil wird selten gezeigt, ist aber auf einer DVD-Box erhältlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Hans-Joachim Weise 

 

 

 

Herzliche Atmosphäre in Oberhof


Im Februar 1951 erlebte das kleine Oberhof turbulente Tage, fanden hier doch die Zweiten Wintersportmeisterschaften der DDR statt. Zu den vielen Sportlern und Sportfunktionären sowie Vertretern aus Politik und Wirtschaft gesellten sich zahlreiche Ehrengäste aus dem In- und Ausland. Einer der Prominentesten unter ihnen war der damals schon eine Rennfahrerlegende gewesene Sieger des 11. Gabel-bachrennens (bei Ilmenau) von 1933, Manfred von Brauchitsch, der mit seiner Frau Gisela aus seinem damaligen Wohnort Kempfenhausen bei München angereist war. Beide waren von der durch Begeisterung, Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit geprägten Atmosphäre in jenen Tagen ebenso beeindruckt wie von der freundlichen Aufnahme durch die Einwohner von Oberhof. So ist es angebracht, den Lebensweg dieses Mannes, dessen Geburtstag sich überdies im August des vergangenen Jahres zum 110. Male gejährt hatte, wenigstens grob nachzuzeichnen.

 

Rennfahrer statt Offizier 


In seinem von Fleiß, Ehrgeiz, Energie, Tatendrang und Zähigkeit geprägten Leben vereinte sich vieles, darunter so manches, das unter unterschiedlichen Bedingungen auch zu mindestens in Teilen einander widersprechenden Bewertungen führt: Den Dienst quittiert habender Offiziersanwärter der Reichswehr, erfolgreicher wie umjubelter Rennfahrer, dabei mehrfach wechselnd zwischen Sieger und „ewigem Zweitem“, Filmheld und Buchautor mit großer Zuschauer- wie Leserzahl, Opfer des Kalten Krieges und populärer Sportpolitiker. Dabei war die Laufbahn des am 15. August 1905 in Hamburg Geborenen bereits mit diesem Tage vorbestimmt gewesen – der Vater war königlich-preußischer Major, in einem Garderegiment noch dazu, weshalb es ohne Rücksicht auf Wünsche, Neigungen, Fähigkeiten und Talente als ungeschriebenes Gesetz galt, dereinst ebenfalls Offizier zu werden. So begann nach einem kurzen Zwischenspiel bei der illegalen „Schwarzen Reichswehr“ am 1. Januar 1924 eine Zeit des Drills beim Infanterieregiment 5, dem vier Jahre später ein schwerer Motorradunfall ein vorzeitiges Ende bereitete. 


Dennoch stand nun sein Wunsch fest – er wollte Rennfahrer werden und er setzte alles daran, um dieses Ziel zu erreichen. Führerscheinprüfung, Lehrzeit in einer Autowerkstatt, erste Trainingsversuche folgten, bevor er mit achtbaren Ergebnissen erregte. Im Mai 1932 gelang ihm auf der Avus der große Durchbruch, als er auf seinem mit anfangs belächelter Stromlinienkarosserie ausgestatteten Mercedes SSKL Rudolf Caracciola mit einem neuen Rekord von 194,4 km/h schlug. Das brachte ihm freilich immer noch keinen Vertrag mit Mercedes-Benz, aber wenigstens erst einmal eine Filmrolle ein, mit der er seine für einen Privatfahrer fast typischen Geldsorgen mindern konnte. Der Ufa-Film „Kampf“ allerdings war für ihn persönlich eine herbe Enttäuschung, zeigte er doch, von den üblichen dramatischen Momenten abgesehen, eine Traumwelt, aber keineswegs das harte Rennfahrerleben. 
Immerhin erhielt er nun erste Unterstützung von Mercedes-Benz, der 1934 endlich ein Vertrag als Werksfahrer folgte. Das bisweilen sehr dramatische Leben des Rennsportlers bescherte ihm zahlreiche Erfolge und beim Ringen um sie oftmals harte Zweikämpfe mit seinem Stallgefährten, schärfsten Konkurrenten und gleichzeitigem Freund Rudolf Caracciola – überragender Sieger des 11. Gabelbachrennens 1933 und ewiger Rekordhalter auf dieser einstigen Rennstrecke, Sieger beim Eifel-Rennen 1934, beim „Großen Preis von Monaco“ 1937 und beim „Großen Preis von Frankreich“ 1938. Dazu gesellten sich noch mehrmals zweite Plätze, meist Ergebnis jener harten Zweikämpfe mit „Karratsch“, was ihm zeitweilig den Spitznamen „Ewiger Zweiter“ einbrachte.

 

"Pechvogel" 


Doch auch einen weiteren Spitznamen hatte er – etliche schwere Unfälle ließen ihn ebenso zum „Pechvogel“ werden: Da war der Sturz beim Vortraining auf dem Nürburgring 1934 mit Prellungen sowie Brüchen von Rippen, Schlüsselbein, Schulterblatt und Arm. Dazu kamen eine nicht voll aufgesogene Gehirnblutung und eine Verletzung des linken Augennervs. 
Dabei hatte er alles in allem immer doch auch unheimliches Glück gehabt, so, als sein Wagen beim „Großen Preis von Deutschland“ am 24. Juli 1938 auf dem Nürburgring infolge beim zu hastigen Betanken verschütteten Kraftstoffs in Brand geriet. Er überstand den Unfall nur, weil ihn Rennleiter Alfred Neubauer geistesgegenwärtig aus dem Fahrzeug gezogen hatte. Den Wagen über und über mit Schaum bedeckt raste er sofort wieder los und musste dennoch endgültig aufgeben, als sich das in der Eile nicht ordentlich befestigte Lenkrad bei 190 km/h auf einer Bodenwelle löste. Das waren dramatische Momente, in denen von Brauchitsch stets mit einem Bein im Grabe stand und dank glücklicher Umstände dem Tod dennoch immer wieder von der Schaufel springen konnte. In diesem makabren Sinne war der „Pechvogel“ durchaus auch ein Glückskind.
Mitten im Rennen um den „Großen Preis von Belgrad“ ereilte die Rennfahrer die Nachricht vom deutschen Überfall auf Polen – der Zweite Weltkrieg bedeutete nicht nur das Ende des Motorsports auf Jahre hinaus, es zwang ihn auch zur Entscheidung. So kehrte er nicht nach Hause zurück, sondern fuhr zu Rudolf Caracciola in die Schweiz, wo ihn angesichts des auf dem kleinen Land lastenden Druckes aus Nazi-Deutschland ein unsicheres Emigrantenleben erwartete. 

 

Krieg zwang zum Nachdenken


Schließlich beugte er sich 1940 dem Verlangen der Familie, war doch sein Onkel Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch Oberbefehlshaber des Heeres und als solcher führend an den Kriegsplanungen beteiligt. Sein privater Intimfeind, Reichsjugendführer Baldur von Schirach, hätte ihn gern den sogenannten Heldentod an der Front erleiden sehen, doch die Interessen der Junkers-Werke waren gewichtiger. 
So wurde er Referent bei Generaldirektor und Wehrwirtschaftsführer Heinrich Koppenberg und schließlich – als dessen Verbindungsmann – von 1943 bis 1945 Referent im Rüstungsministerium. Und doch gingen die schrecklichen Bombennächte in Berlin sowie seine Begegnungen mit an Nazi- und Kriegsverbrechen beteiligt Gewesenen und deren Gewissenlosigkeit nicht spurlos an ihm vorüber, zwangen ihn zu tieferem Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft.

 

Übersiedlung in die DDR 1954


Bei Kriegsende in Kempfenhausen bei München lebend versuchte er nicht nur dem Rennsport wieder auf die Beine zu helfen, sondern musste, 1948 zum ersten Präsidenten des „Automobilclubs von Deutschland“ (AvD) gewählt, erleben, dass die alten Eliten ungeachtet ihrer Verantwortung für die Katastrophe schnell wieder in Amt und Würden kamen. Die Emigration nach Argentinien erwies sich sehr rasch als Fehlentscheidung. Um so mehr setzte er sich nach seiner Rückkehr als Präsident des Komitees für die Vorbereitung der Weltfestspiele der Jugend und Studenten sowie des Komitees für Einheit und Freiheit im deutschen Sport für eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten ein. Das brachte ihn in scharfen Gegensatz zur Konfrontationspolitik der Regierung Adenauer, weshalb sich dem sofort nach seiner Rückkehr aus Oberhof einsetzenden Kesseltreiben in den Medien 1953 die Festnahme wegen Verdachts auf „Vorbereitung zum Hochverrat“, acht Monate Haft und die Anklage wegen „Hochverrats, Geheimbündelei und Staatsgefährdung“ anschlossen. Die Konsequenz für ihn war die 1954 erfolgte Übersiedlung in die DDR, eine Entscheidung, die seine psychisch bereits schwer angeschlagene Frau Gisela nicht mitzutragen vermochte und sich angesichts der jahrelangen nervlichen Belastungen schließlich 1957 das Leben nahm.
Angesichts seiner erfolgreichen Rennfahrer-Laufbahn lag ein Neubeginn als Sportpräsident des Allgemeinen Deutschen Motorsport-Verbandes der DDR (ADMV) nah. Eine Aufgabe, die er allerdings nur von 1957 bis 1960 wahrnahm. Obwohl beide aus den gleichen Kreisen stammten und infolge der Kriegsereignisse eine ähnliche politische Entwicklung genommen hatten, wurden Manfred von Brauchitsch und Dr. Egbert von Frankenberg und Proschlitz als Präsident des Verbandes nicht so recht warm miteinander. So wirkte er schließlich 30 Jahre lang als Präsident der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR – eine Aufgabe, die ihn nicht nur schlechthin ausfüllte, sondern die er mit Leidenschaft und Ideenreichtum wahrnahm. 
Unvergessen sind Aktionen wie „Dein Herz dem Sport“, mit denen beträchtliche Spenden zur Unterstützung der Olympiamannschaft eingeworben wurden. Seine Bücher „Kampf um Meter und Sekunden“ und „Ohne Kampf kein Sieg“ fanden einen großen Leserkreis, der nach letzterem gedrehte fünfteilige Fernsehfilm mit Jürgen Frohriep in der Hauptrolle wurde zu einem in Zuschauerforen und Leserbriefen vieldiskutierten Straßenfeger. So erlebte das Forum mit Manfred von Brauchitsch und Hannjo Hasse, dem Darsteller des Rekrutenschleifers Oberleutnant von Siegel, im vollbesetzten Theatersaal des Suhler Kulturhauses „7. Oktober“ insgesamt 900 Teilnehmer. Der Film fand übrigens auch in Teilen Dänemarks und Schwedens, wo das Fernsehen der DDR empfangbar war, ein großes Echo. Nach der Veröffentlichung der Sendezeiten wurden für ARD und ZDF eilends Kriminal- und andere Filme in den USA gekauft, um Zuschauer im grenznahen Raum davon abzuhalten, sich den Fünfteiler anzusehen. Mit seiner Beteiligung an Veteranenrallies auf dem Schleizer Dreieck zeigte Manfred von Brauchitsch, dass er sich nie endgültig vom Rennsport verabschiedet hatte. 
Der Sieger des 11. Gabelbachrennens und Träger des vom IOC verliehenen Olympischen Ordens verstarb am 5. Februar 2003 im Alter von 97 Jahren in seinem Wohnort Gräfenwarth am Bleilochstausee.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/4/artikel/ohne-kampf-kein-sieg/