1. Dezember 2015

Ausweg aus der Prekarisierungsfalle?

Themtag Grundeinkommen im STZ Herrenberg. Foto: ms

Während das Flüchtlingsdrama seit Monaten die Schlagzeilen bestimmt, sind andere Themen fast völlig in den Hintergrund getreten. Zehn Jahre ist Armut per gesetzt, auch als Hartz IV bekannt, bereits in Kraft. Die schröderschen Agenda-Reformen waren nur der Gipfel der neoliberalen Entwicklung, die sich mit dem Begriff Prekarisierung zusammen fassen lässt. Sinkende Löhne, immer mehr Stress, wachsende Unzufriedenheit im Job und oben drauf gravierende Schwächen im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegesystem. Dazu kommt Angst vor Altersarmut. Kampagnen von Gewerkschaften und Linkspartei versuchen bereits mehr oder weniger erfolgreich auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Wie sehen Alternativen aus der Prekarisierungsfalle aus? Die Gruppe LEiV (Linke Einheit in Vielfalt) hatte im Stadtteilzentrum am Herrenberg im Rahmen eines Thementages eine Ausstellung zum Grundeinkommen von attac organisiert. Bewusst waren die von der Thüringer Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützten Aktiven nicht in die sonst üblichen Orte wie RedRoXX oder Offene Arbeit gegangen, sondern in den von Plattenbauten dominierten Stadtteil im Erfurter Südosten. Das Gespräch mit Betroffenen sollte gesucht werden. Um das ganze aufzulockern hatte der Karikaturist Harm Bengen die Verwendung seiner Bilder genehmigt. Trotzdem interessierte Viele mehr das parallel stadtfindende Fußballspiel zwischen Rot-Weiß und dem FC Hansa – trotz Leitergolf, Kuchen und Kreativwerkstatt. Andere, selbst viele Kinder, waren ängstlich und die meisten Älteren schimpfen lauthals über Flüchtlinge und Asylpolitik. Dabei könnte das Grundeinkommen auch hierbei in eine Alternative sein. Die Soziologen Franziska Diller und Eric Schröder von der Uni Erfurt erläuterten unterschiedliche Perspektiven und Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens. So hatte ein Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen und NGOen in Namibia 2009 Grundeinkommen in ausgewählten Dörfern bezahlt. Das Resultat: Obwohl es nur wenige Euros pro Kopf waren, reichte es für die Mütter das Schulgeld ihrer Kinder zu zahlen und sie mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Das könnte ein für die Entwicklungshilfe nachdenkenswertes Modell sein. In den Industrieländern ist das Thema ungleich komplizierter und auch bei den Anwesenden wurde die Frage gestellt: „Wer geht dann noch arbeiten?“ Fast schon amüsant ist da der Fakt, dass die Mehrheit bei Einführung eines Grundeinkommens weiter, nur vielleicht etwas weniger arbeiten möchte. Die meisten aber glauben, dass alle anderen nur noch faul in der Hängematte liegen würden. Ein interessantes sozial-physiologisches Problem, das so machen bei der abendlichen Diskussionsrunde zum Nachdenken brachte.

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/4/artikel/ausweg-aus-der-prekarisierungsfalle/