9. August 2016

Von unverminderter Aktualität

Vor 60 Jahren verstarb der Dichter am 14. August 1956 in Berlin.

Von Werner Voigt

 

Erfahrungen im Klassenkampf


Wenige Monate nach seinem Tod setzten in der Bundesrepublik (BRD) von hoher politischer Seite eine wüste Diffamierung, Boykotthetze und Aufführungsverbote seiner Theaterstücke ein, Beschimpfung und Beleidigungen von den ultrakonservativen Politikern der Adenauer-Ära. Das Berliner Ensemble hatte in Paris (1954) Triumphe mit Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ gefeiert und es begann eine zunehmende internationale Anerkennung der Kulturleistungen der DDR. Im Westen hatte man dem Dichter verübelt, dass er öffentlich den sozialistischen Weg der DDR unterstützte. Viele westdeutsche Schriftsteller und Theaterregisseure protestierten gegen die westliche Boykotthetze der Ultras, denn auch sie wurden beschimpft: als „Pinscher“. Doch diese Kampagne brach bald kläglich zusammen. 
Den „listigen Augsburger“, wie ihn Erwin Strittmatter einmal in einem seiner „Wundertäter“-Romane nannte, focht das wüste Geschrei der Ultras nicht an. Er hatte genügend Erfahrungen im Klassenkampf gesammelt, und er warnte schon zeitig vor den Gefahren einer durch die NATO betriebenen Aufrüstung Westdeutschlands.
1950/51 hörte ich im Deutschunterricht das Gedicht „An meine Landsleute“. Die vier Strophen enden mit „Ihr Mütter, lasset eure Kinder leben!“ Es war Brechts Reaktion auf die einsetzende Remilitarisierung in Westdeutschland. 

 

Warnung vor atomarer Aufrüstung


Auch Brechts Warnung vor einer atomaren Aufrüstung im Rahmen der NATO wurde zu einem geflügelten Wort. „Das große Carthago führte drei Kriege ...“, wurde berühmt und ist immer noch aktuell, der Schluss heißt: Nach dem dritten war es nicht mehr auffindbar. Der parteilose Kommunist Bertolt Brecht  arbeitete im Deutschen Friedensrat mit, stellte sich öffentlichen Diskussionen in Ost und West, kritisierte und verteidigte den neuen Staat DDR, auch in der gefährlichen Situation im Juni 1953, in einer politischen Krise, die zu einem Krieg hätte führen können. 
Nationalisten hassen Brecht seit 1918
Von „Baal“ und „Trommeln in der Nacht“, den dramatischen Erstlingswerken, für die er 1922 den Kleistpreis erhielt, bis zu den Spätwerken „Leben des Galilei“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Die Tage der Commune“ u.a. in den Jahren des antifaschistischen Exils entstanden, spannt sich ein großer Bogen dramatischer „Versuche“, wie er es bescheiden nannte. Es wäre vermessen, hier die Fülle seines Lebenswerkes nur annähernd zu würdigen. Eines war ihm sehr früh klar: Seit seiner „Legende vom toten Soldaten“ (1918) hassten ihn die deutschen Nationalis-ten und Revanchisten, die auf einen neuen (Welt-)Krieg setzten. Mit dem Welterfolg „Die Dreigroschenoper“ (1928) entlarvte er das Zusammenspiel der Mächtigen in der kapitalistischen Gesellschaft. 

 

Freie Rythmen der Wahrheit und Weisheit 


Im Jahr der weltgeschichtlichen Zäsur 1945 schrieb er „An die Nachgeborenen“, freie Rhythmen, die tief berühren durch ihre Wahrheit und Weisheit:

 
„Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. 
... 
Ihr aber, wenn es soweit sein wird,
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.“


Mit gutem Recht begann Walther Victor 1958 seine weitverbreitete Reihe „Lesebücher für unsere Zeit“, die bis dato bürgerlichen Klassikern und der Weltliteratur vorbehalten war, mit Brecht auf sozialistische Klassiker des 20. Jahrhunderts zu erweitern. Der Aufbauverlag Berlin begann eine sehr umfangreiche Gesamtausgabe in Dutzenden Bänden. Das Berliner Ensemble genoss in der ganzen Welt einen großen Ruhm. Das lässt sich heute nicht mehr so sagen. Denn, für manche ist Bertolt Brecht  ein alter Hut, manche können nichts mit ihm anfangen als seine Texte durch den Fleischwolf zu drehen und manche sind einfach unfähig, Brecht zu verstehen. Die List, die Wahrheit unter die Leute zu bringen, ist von den Kapitalisten und Bankiers nicht gewünscht.


Eine Gesellschaft des Friedens und der Gerechtigkeit 


Jahrzehntelang hatte die Geburtsstadt Augsburg dem Dichter eine angemessene Ehrung verwehrt. Inzwischen gibt es aber seit einigen Jahren „Brecht-Tage“ in Augsburg. Wie hätte Bertolt Brecht noch bemerken können, dieser profunde Bibelkenner? „Ein jegliches hat seine Zeit!“ Allen Kommunistenhassern sei gesagt, das betrifft auch die Klassiker der menschheitlichen ldee einer Gesellschaft des Friedens und der Gerechtigkeit. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/3/artikel/von-unverminderter-aktualitaet/