31. Mai 2016

Kultur zu Grabe getragen

Über 500 Menschen beim symbolischen Trauermarsch in Erfurt. Fotos: th

 

Seit Jahren schon ist die Lage der Erfurter Kulturszene prekär. Zwar mangelte es in den letzten Jahren nicht an Projekten und Initiativen wie dem Kunstrasen, Klanggerüst oder Strandgut, doch das war zumeist im Sozio-Kultur-Bereich: ehrenamtlich und oft ohne jede Förderung. Das Theater „Schotte“, das Tanz-festival Danetzare, die E-Burg, der Stadtgarten und viele andere stehen vor massiven Problemen, weil die Stadt keinen Haushalt hat. Außerdem wurde das kulturelle Jahresthema auf null gestrichen. Planungssicherheit ist so nicht gegeben, Stellen wurden gestrichen, Bestandsleistungen eingefroren. Es findet keine Förderung statt. Am 25. Mai haben deshalb über 500 Menschen die Erfurter Kultur symbolisch zu Grabe getragen. Vor dem Demozug fuhr ein Leichenwagen. Eine Trauerkapelle spielte. Dahinter trugen schwarz Gekleidete einen Sarg und allerlei Transparente kreuz und quer durch die Stadt. Etwas skurril, aber trotz allem gut gelaunt  und vor allem frech, bunt und vielschichtig war die Demo, so wie es die Erfurter Kulturszene ist – noch.Damit die Kukltur wieder besser gedeihen kann, forderten die Protestierenden die umgehende Verabschiedung des Haushalts 2016, keine weiteren Schließungen von Orten für Kunst und Kultur, die Beschlussfassung zu den Anträgen für institutionelle und Projektförderung, die Einnahmen der Kulturförderabgabe („Bettensteuer“) zu 100 Prozent selbstverwaltet der Kulturszene Erfurts zugute kommen zu lassen und Mitbestimmung bei kulturellen Entscheidungen. Die Stadtpolitik täte gut daran, diese Forderungen zu erfüllen, denn eine bunte Kultur ist auch das beste Mittel gegen braune Einfalt.                    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geld für Kunst ist da, nur falsch verteilt 

 

Ein Kommentar von Uwe Pohlitz

 

Es wird viel geschwätzt, wenn es um Kultur geht. Der eigentliche Kulturbegriff  verschwimmt dabei immer mehr und wird einseitig nur in der Kunst gesucht. Wie ein Volk lebt, lernt, arbeitet und miteinander umgeht ist Kultur. Kunst und Kunstgenuss sind wichtiger Bestandteil der Kultur eines Volkes und dient vor allem der Herausbildung einer humanistischen Lebenshaltung. Auf Bühnen, Bildschirmen, in den Museen, Bibliotheken, in Schulen, im öffentlichen Raum, in Ateliers und Galerien spielt sich kulturell, künstlerisches Leben ab.

Wir werden herausgefordert, uns mit verschiedensten Themen und Ansichten auseinanderzusetzen. Was wäre es für ein Leben ohne die Begegnung mit der Kunst? Offensichtlich gibt es unter Voraussetzungen unserer gesellschaftlichen Realität immer weniger Bereitschaft, kulturelle Prozesse ökonomisch zu untersetzen. Es hat keinen Sinn an vergangene Zeiten zu erinnern, denn da gab es andere Prioritäten beim Einsatz finanzieller Mittel.

Die gesellschaftliche Klasse, welche dazu nun in der Verantwortung stehen sollte, erkennt offensichtlich nicht die Gefahr für ein Land, die ein Kulturabbau mit sich bringt.

Selbstgefällig leistet man sich eine „Privatkultur“ zur eigenen Erbauung und zu Höchstpreisen. Wir beobachten wie Millionenbeträge bei Kunstauktionen fließen, um dann als Spekulationsobjekte eingebunkert zu werden. Geld für Kunst ist offensichtlich vorhanden –  leider nur falsch verteilt. Nicht nur Erfurt steht aus ökonomischen Gründen vor einem kulturellen De-   saster. Diesen Trend können wir bundesweit erkennen. Es begann in der Landeshauptstadt Thüringens mit der Zerschlagung des städtischen Schauspielensembles, der Schließung und Abriss einzigartiger kultureller Einrichtungen wie das Kultur- und Freizeitzentrum „Stadt Moskau“ und setzt sich Jahr für Jahr fort.

Die Dauerausstellung „Konkrete Kunst“ auf dem Petersberg wird in Kürze der Geschichte angehören, Erfurter bildende Künstler werden bald vergeblich im Waidspeicher um Einlass bitten, das international renommierte Tanzfestival „Danetzare“ soll aus dem Kulturkalender verschwinden. Der Klub „Anger 1“ fiel dem Kommerz zum Opfer. Die Engelsburg und der Stadtgarten stehen zur Disposition. Wo finden Rock und Jazz noch ein zu Hause? Privates Engagement endet oft an horrenden Mietforderungen. Wo können Musiker noch  proben? Die Bemühungen um sozio-kulturelle Projekte werden mehr schlecht als recht unterstützt.

Zu begrüßen ist allerdings, dass die Geschichtsmuseen der Stadt Erfurt zumindest bildenden Künstlern Möglichkeiten schaffen, in ihren Häusern Ausstellungen zu gestalten. Das kann aber nicht die Lösung sein, denn auch hier hängt ein Gelingen von subjektiven Entscheidungen ab.

Wir hören Reden über die Zukunft unserer Stadt als europäisches Drehkreuz. Nicht nur eine herausgeputzte Altstadt und moderne Hotels bringen diese Attraktivität. Erst eine blühende Kulturlandschaft macht Städte anziehend und lebendig. Eine attraktive Oper  schafft das nicht allein, dazu gehört auch ein kulturell erschlossenes Umfeld in aller Vielfalt. Wurde schon einmal ernsthaft untersucht, wie dünn eigentlich die materielle Decke für künstlerische Erziehung unserer Kinder an den Schulen ist?

Es ist erkennbar, wie schwierig die Verwaltung eines Mangels ist. Wer sich dieser Aufgabe stellt, muss vertretbare Lösungen suchen. Es darf nicht dazu kommen, dass kulturelle Einrichtungen und die dort beschäftigten Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

Dies würde zu irreparablen Schäden führen. Der Trauermarsch für die Erfurter Kultur am 25. Mai sollte als höchstes Alarmsignal erkannt werden und mindestens zu tiefer Nachdenklichkeit der Verantwortung tragenden Volksvertreter führen.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/3/artikel/kultur-zu-grabe-getragen/