26. Juli 2016

Ein Dynastie schmarotzt sich durch Europa

Das Friedenskuss-Symbol am Schloss Friedenstein gehört zu den Thüringer Höhepunkten. Die Ausstellung „Eine Dynastie prägt Europa“ lässt wichtige Fragen aber unbeantwortet.

Von Dr. Bernhard Fisch

 

Die Schlösser in Gotha und Weimar werben für einen Ausstellungsbesuch „Eine Dynastie prägt Europa“. Meine Frau und ich erwarben je ein Combi-Ticket, für beide Orte. Von Weimar kann man schweigen. Im Schloss wird gezeigt, was schon länger steht oder hängt. Eine spezielle Aufarbeitung fehlt. 
Gotha dagegen, einfach großartig. Was da die beteiligten Wissenschaftler hingestellt haben, Hut ab! In die jeweilige Thematik einführende ausführliche Texte, Erläuterungen zu den Exponaten und die meist von hoher Aussagekraft und Anschaulichkeit. Wirklich, die Schau hat echten historischen Wert und pädagogische Wirkung.
Aber was wollten die Ausstellungsmacher bewirken? Unser Bild von den deutschen Kleinfürsten des 18. Jahrhunderts ist vorwiegend von Gotthold Ephraim Lessing („Emilia Galotti“) und Friedrich Schillers („Kabale und Liebe“) geprägt. Deren Figuren sind ränkeschmiedende Lüstlinge, denen jedes, auch unlautere, Mittel recht ist, um mit Hilfe der ihnen zur Verfügung stehenden unbegrenzten Macht jedes ihrer egoistischen Ziele zu erreichen. Die Gründer dieser Ausstellung weichen weithin von jenem Bilde ab.
Von ihnen heißt es in einem Text, mit dem „Ende Schmalkaldischem Krieg 1547 wandten sie sich innerpolitischen Aufgaben zu und [glänzten] mit beispielhaften Leistungen auf diesem Gebiet wie auch in der Kulturförderung.“  Wirklich, verehrte Aussteller? Jeder? Nicht nur der Gothaer? Auch der Eisenberger,  Rhömhilder, Meininger und die anderen? Na schön, in Meiningen ragt der „Theaterherzog“ hervor, aber die anderen seiner Vorgänger und Nachkommen? Steht allen von ihnen dieses positive Urteil zu? Ja, sie bauten repräsentative Schlösser, danach auch entsprechende Lust- und Jagdgebäude. Thüringen ist heute voll von ihnen und wir besuchen sie gerne. Aber kämen wir nicht auch ohne sie zu Rande? Und was hat das gekostet? Wir haben doch die Erfahrung gemacht: Ohne Moos nichts los! Woher nahmen die das Geld? Bei der armen Bevölkerung! Der Gothaer ließ den Friedenstein gegen Ende des an Zerstörungen überreichen Dreißigjährigen Krieges errichten. Das kostete doch einiges!  mmerhin, wenigstens das: „Schloss Friedenstein als Symbol der Macht“. Über die Schäden des Krieges haben wir aber nichts gefunden, auch nichts von der jahrelangen, nie bestraften Geldfälschung der Gothaer, nichts über ihren landwirtschaftlichen Besitz, nichts auch über die geistlichen Güter, die nicht nur ihnen durch die Reformation zufielen. 
Irgendwo, ziemlich versteckt findet der Betrachter wenigstens einige kritische Aussagen wie: „Es gelang ihnen nicht, die gesamtwirtschaftliche Situation positiv zu beeinflussen.“ „Trotz der hohen Steuereinnahmen konnten die Ausgaben für Hofstaat und Armee nicht mehr gedeckt werden.“ „Eine Wirtschaftsförderung zum Wohl der eigenen Kasse“. 
 Danke, liebe AusstellerInnen! Damit habt ihr aber noch lange nicht das Niveau von Lessing und Schiller erreicht!
Und überhaupt, dieses Wort „Ernestiner“, sind das nur die Kinder, die ihnen ihre ehelich angetrauten Gattinen darbrachten? Es ist doch bekannt, dass mancher von ihnen auch außerhalb der Ehe aktiv war. Der Weimarer Carl August erhöhte durch das Beschlafen der Bauernmädchen seines Herzogtums die Zahl der Ernestiner um ein Vielfaches. Sigrid Damm schildert das in ihren Weimar-Werken voll Empathie. Der letzte Altenburger Ernst II. soll am Ort seines Jagdschlosses mit sämtlichen Konfirmantinnen intim gewesen sein. Und, damit die jeweilige Schauspielerin „vom Dienst“ ungesehen zu ihm kommen konnte, ließ er gar in seiner Residenz einen unterirdischen Gang anlegen. Nichts erfahren wir leider über das Schicksal dieser zahlreichen Nachkommen.
Dass die Revolutionen von 1848 und 1918 unterschlagen werden, ist nun schon selbstverständlich. Für 48 findet sich der Ausdruck „unter dem Druck des liberalen Bürgertums“, der zu Zugeständnissen des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha führte. Dass die Herrschaften '18 ihre politische Macht verloren haben und noch Jahre um ihr angebliches Eigentum fochten, vielleicht habe ich das bloß übersehen.
Und nun nur noch ein Wort zu dem bekannten Familienbild von 1894, „Eine Familie von Europa“, das sie vereint zeigt, die Zaren, Kaiser, Könige, Groß- und Normalherzöge nebst ihren Gattinnen. Was für eine liebe und traute Familie! Diese Verwandtschaft hat den deutschen Kaiser, den Sohn der britischen Königin sowie den russischen Zaren, alle Cousins untereinander, nicht gehindert, Millionen Männer im 1. Weltkrieg gegeneinander in den Tod zu hetzen. Getreu dem Vorbild eines ihrer Vorfahren: „Ernst August finanzierte Schlossbauten durch Verleih seiner Soldaten“. Wie das konkret aussah – nichts! Da ist Schiller konkreter.
Müsste die Ausstellung nicht richtiger heißen „Eine Dynastie schmarotzt sich durch Europa“?