19. April 2016

Die Mörder waren unter uns

Brutaler Massenmörder: SS-Hauptscharführer Wilhelm Schäfer.

Von Uwe Pohlitz

 

Es ist schon lange her. In unserem Land herrschte die deutsche faschistische Diktatur, als Variante der schlimmsten Art. Viele dachten, was damals geschah, ist nicht wiederholbar. Die Gegenwart zeigt uns, was alles möglich ist. Inzwischen gibt es auch eine Partei, welche diese Zeit aus den Geschichtsbüchern verbannen möchte. Es ist ein gefährlicher Trend im europäischen Haus, aber auch weltweit erkennbar. Die Ähnlichkeiten zu den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zeichnen sich deutlich ab.
Rechtes und rassistisches Gedankengut entstehen allerdings nicht durch die Frisur oder durch Kleidung. Das sind lediglich Nebenerscheinungen dem Zeitgeist geschuldet. Der Boden für nationalistische Bewegungen wird durch vielfältige Komponenten bereitet.

 

Den Faschismus begreifen 


Die Ideengeber dieser Ideologien verfolgen das Ziel, möglichst viele Menschen mit ihren Idealen zu beeinflussen, um diese dann für niedrigste Gemeinheiten einsetzen zu können. Die Biografien solcher Menschen geben uns Einblicke in tiefe menschliche Abgründe und lassen besser begreifen wie der Faschismus funktioniert.
Der Weg des Massenmörders, SS-Hauptscharführers Wilhelm Schäfer begann im Landarbeitermilieu in Obhausen, einem Dorf im Kreis Querfurt. In einem kleinen Handwerksbetrieb erlernte er das Maurerhandwerk. Nach einem Jahr Gesellenzeit wurde er arbeitslos, fand jedoch im Gutsbetrieb seines Heimatortes eine Stelle als Landarbeiter. Eigentlich war Wilhelm Schäfer unbewusst ein Vertreter der Arbeiterklasse. 
Zu dem links oder gewerkschaftlich organisierten Teil der Arbeiterschaft fand er jedoch keinen politischen Zugang, sondern betrachtete diese als persönliche Feinde. Dieser Hass begründete sich durch seine Erziehung im Elternhaus. In der Zeit nach dem 1.Weltkrieg waren viele Soldaten demoralisiert zurückgekehrt und wurden Anhänger reaktionärer und militaristischer Verbindungen. Wer sich mit dieser Zeit vertraut machen möchte, sollte einmal den Fallada-Roman „Bauern, Bonzen Bomben“ lesen.
Der Vater Schäfers war ein korrumpierter Landarbeiter bei einem streng nationalen Gutsbesitzer angestellt und wurde fanatischer Anhänger der sogenannten „nationalen Kräfte“. Entsprechend erfolgte auch die Erziehung des Sohnes. Der Faschismus gab sich als aufstrebende nationale Bewegung und Hoffnungsträger. Auch Schäfer wollte dazugehören, trat 1932 in die NSDAP ein. Kurz darauf meldete er sich in Querfurt freiwillig bei der SS. Fanatisiert, damals nannte man es begeistert, nahm Wilhelm Schäfer an Naziaufmärschen teil und beteiligte sich an Übergriffen gegen Andersdenkende.
Damit konnte man bei den Nazis schnell Kariere machen. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 setzte die große Hetzjagd auf Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter ein. Hier wurden solche wie Schäfer gebraucht. An solchen Verhaftungsaktionen, den damit verbundenen Gewalttaten nahm der Jungnazi mit Begeisterung teil.

 

Verbrecherische Ideologie


Bereitwillig beteiligte er sich an der antisemitischen Hetze und postierte sich in SS-Uniform vor jüdischen Geschäften, an denen Parolen wie „Der Jude ist unser Untergang“ angebracht waren. So sollten potentielle Kunden vor einem Einkauf bedroht werden. Die nächst höheren Nazis klopften ihn auf die Schulter und sagten: „Solche aufrichtigen deutschen Männer brauchen wir“. Mit dieser Ideologie im Kopf entstand die Bereitschaft für jedes Verbrechen. Er gehörte als frisch ernannter SS-Unterscharführer zu den Auserwählten, welche als Kommandoführer in die ersten KZ eingesetzt wurden. Im KZ Lichtenburg rückte er durch seinen brutalen Einsatz als Wachmann in die SS Stammmannschaft auf. Als Blockführer setzte er die terroristische Lagerordnung durch und kontrollierte den Arrestbau.

 

Aktiver Gestalter des Terrors 


Bei der Errichtung des Lagers Buchenwald im Jahr 1937 war er von Anfang an dabei. Unter der Führung des berüchtigten Lagerführers Koch war Schäfer zunächst Blockführer, bis er 1938 stellvertretender Kommandoführer in der Lagerwäscherei wurde. Neben dieser Funktion war er Blockführer bei verschiedensten Arbeitskommandos zur Errichtung des Lagers. Schäfer war längst kein Mitläufer mehr, sondern aktiver Mitgestalter des faschistischen Terrors. Die Liste seiner persönlich begangenen Verbrechen ist endlos. Er war persönlich beteiligt an der Ermordung von 800-1000 sowjetischen Kriegsgefangenen in der Genick-schussanlage im „Pferdestall“. Nach den Mordaktionen erhielten die Beteiligten Sonderrationen an Zigaretten und Schnaps. Den Empfang quittierte auch Schäfer in vorgefundenen Listen. In den 12 Jahren Nazidiktatur  verbrachte er 10 Jahre als brutaler und mordgieriger SS-Scherge. An die Anzahl seiner persönlichen Verbrechen konnte  sich Schäfer später vor Gericht nicht genau erinnern.

 

Wer brutal war, wurde befördert 


Im SS-System verschaffte man auch bildungsfernen Schichten Aufstiegs-chancen. Wer sich durch Brutalität und Gewaltbereitschaft besonders hervortat, wurde belobigt und befördert. Wer es wollte, konnte sich auch an die Front begeben. Allerdings war das Leben in einer KZ-Wachmannschaft im Vergleich recht ungefährlich. Um dort zu bestehen, brauchten nur die niedrigsten Instinkte instrumentalisiert werden. Das verstand Wilhelm Schäfer vortrefflich. Er war persönlich an 200 bis 300 Auspeitschungen beteiligt. In etwa 30 Fällen war Schäfer am sogenannten Baumhängen aktiv dabei, eine Strafe welche im Lager schon bei geringsten Anlässen verhängt wurde. Dabei wurden dem Häftling die Hände auf dem Rücken gefesselt, dann über diesen hochgezogen, an einem Haken aufgehängt, welcher an einem Baum befestigt war. Die Füße konnten den Boden nicht berühren. Die Schmerzen waren grauenvoll.
Eine solche Szene wurde im neuen Film „Nackt unter Wölfen“ nachgestellt und brachte uns die Grausamkeiten sehr nahe. Eines seiner Folteropfer war auch der evangelische Pfarrer Paul Schneider. Zeugenaussagen bestätigten Schäfers Aktivitäten bei der Miss-handlung jüdischer Häftlinge. Hier lebte er seinen persönlichen Rassenhass in jeder Hinsicht aus. Als ein Arbeitskommando zusammengestellt war, sollte der Vorarbeiter mit folgenden Worten Meldung erstatten: „Häftling 140 mit soundsoviel Mist,- Sau- und Dreckjuden zum Einsatz angetreten“.  Da dieser sich weigerte, seine Kameraden zu verunglimpfen, schlug ihm Schäfer die Faust ins Gesicht. Der stieß mit dem Kopf an die eiserne Lagertür und blieb schwer verletzt liegen. 
Im Jahr 1943 bis Anfang 45 wurde Schäfer als stellvertretender Zugführer einer Kradschützen-Abteilung in die baltischen Staaten versetzt. Die SS-Kompanien wurden durch einheimische Kollaborateure aufgefüllt und waren willige Gehilfen in den Mordkommandos. Schäfers Aufgabe bestand darin, gemeinsam mit seinen neuen Spießgesellen als Partisanen verdächtigte Personen aufzuspüren. Dabei wurden viele Frauen, Kinder und alte Menschen Opfer der SS-Kommandos. Für die Verbrechen im Baltikum erhielt Schäfer das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Schäfers Einheit bemerkte rechtzeitig, dass es keinen Endsieg geben wird und setzte sich von der Front ab. So wie viele versprengte SS-Angehörige entfernte er mit einer Rasierklinge die Blutgruppentätowierung, besorgte sich entsprechende Kleidung und vernichtete persönliche Personaldokumente. In den Wirren nach dem Krieg gelang es ihm, ohne in Kriegsgefangenschaft zu geraten, sich in den Kreis Querfurt und danach in den Kreis Weimar zu begeben. Unter größter Vorsicht gelang es Wilhelm Schäfer in Röhrensee, Kreis Arnstadt, unerkannt unterzutauchen. Er schrieb an seine Frau: „Es ist noch nicht an der Zeit, wo ich wieder zur Geltung komme“.
Gut getarnt wurde er sogar Ortsvorsitzender des VdgB (Eine Art Interessenverband der Bauern in der DDR). Er blieb im Inneren ein unverbesserlicher Faschist, der auf neue Chancen hoffte. Auch in der DDR konnten solche Leute relativ lange unerkannt leben.

 

1961 in der DDR zum Tode verurteilt 


Viele, auch damals verantwortliche Politiker glaubten, dass die Alliierten Truppen die Masse der Nazi-Verbrecher gefasst und interniert haben. In den sechziger Jahren gab es erste Hinweise auf die Vergangenheit Schäfers. Die Sicherheitsorgane untersuchten sofort die Hinweise und konnten mit Hilfe einer Anzahl Zeugen Schäfer identifizieren. Er wurde verhaftet und in die Erfurter U-Haftanstalt in der Andreasstraße verbracht. Nach Abschluss der Ermittlungen, der Aufnahme sowie der Zeugenaussagen, wurde Schäfer wegen mehrfachen Mord und des einhergehenden Kriegsverbrechen vom Obersten Gericht in Berlin angeklagt und am 21. Mai 1961 nach damals gültigen Recht zum Tode verurteilt.
Wer nun denkt, dass Schäfer der einzige Nazi-Mörder in der Erfurter U-Haftanstalt war, der irrt. Die Liste ist ziemlich lang. Dazu gehört auch der SS-Angehörige Blösche, dessen Foto mit der Maschinenpistole hinter einem kleinen jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto weltbekannt wurde.


Die Recherche erfolgte auf der Grundlage von Gerichtsunterlagen und Schriftdokumenten. Die Fotos von Schäfer stammen aus dem Buchenwaldarchiv.

 

Erfurt ehrt NS-Verbrecher

 

Erfurt ehrt Nazi-Verbrecher als „politische Häftlinge“, die „Freiheit und Menschenwürde wollten“. Das war so sicher nicht gewollt, ist aber so geschehen und wird bis heute fortgeführt!

 Anfang der 90er Jahre wurde an der Außenmauer der U-Haftanstalt in der Andreasstraße eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht: Zum Gedenken an die politischen Häftlinge, die in diesem Gefängnis in den Jahren 1945 bis 1989 gelitten haben. 

 Es ist durch nichts erkennbar, dass sich diese Tafel nicht auch auf folgende Personen bezieht, die hier in der U-Haftanstalt des MfS inhaftiert waren:

• SS-Mann Anhalt (Scharführer-Rang), gehörte zum Stammpersonal des KZ Auschwitz und wirkte dort aktiv an Massentötungen mit;

• SS-Mann Joseph Blösche (Scharführer-Rang), war in SS-Einsatzkommandos in der UdSSR und im Warschauer Ghetto an Massentötungen beteiligt., 1969 Todesurteil durch Bezirksgericht Erfurt; 

• SS-Mann Petri (Offiziers-Rang) aus Apolda; war im Raum Lwow Leiter eines SS-Gutes und dort an Erschießungen beteiligt; Todesurteil;

• SS-Hauptscharführer Wilhelm Schäfer, war im KZ Buchenwald aktiv an Massenhinrichtungen beteiligt; 1961 vom Obersten Gericht der DDR in einem international beachteten Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Diese Angaben beruhen auf Erinnerungen und sind somit lückenhaft, müssten aber in der Birthler-Behörde vollständig vorliegen. Eine entsprechende Anfrage über diese und weitere NS-Täter sollte umgehend an diese Behörde gestellt werden.                   

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/browse/3/artikel/die-moerder-waren-unter-uns/