18. Oktober 2016

Und darauf einen Bausewein

Ein Hauch Nockherberg im Erfurter Kabarett „Die Arche“. Nicht nur wegen der Bierkrüge, sondern auch weil der von Ulf Annel, Björn Sauer und Beatrice Thron ,„derbleckte“ Erfurter Oberbürgermeister, Andreas Bausewein, höchstselbst im Publik saß. Foto: Albert Bogensperger

Darf man lachen, wenn man doch eigentlich heulen müsste?

 

Wohl fast jeder politisch links tickende Mensch fühlt sich im Kabarett pudelwohl. Ob im Fernsehen bei der „Anstalt“ und den großen Namen von Pispers bis Priol oder auf den regionalen Kleinkunstbühnen: Die Reichen und Mächtigen werden hier genüsslich durch den Kakao gezogen. Derblecken nennt man das in Bayern. Zum Unterhaltungsfaktor gehört bei gutem Kabarett ein Aufklärungsgedanke. Letzterer lässt sich mit einer gepfefferten Prise Humor leichter bewerkstelligen. „Kabarett macht das Leben schöner“, lautet auch das Motto von Ulf Annel, dessen neues Programm „Mindestens haltbar bis“, mit Beatrice Thron und den vom Liedermacher-Duo „Kalter Kaffee“ bekannten Pianisten Björn Sauer im Waidspeicher am 8. Oktober Premiere feierte. Die eingangs aufgeworfene Fragen: „Darf man lachen, wenn man doch eigentlich heulen müsste“, beantwortete sich da von selbst. 

 

Kabarett in Reinform 

 

In gewisser Weise ist „Mindestens haltbar bis“ Kabarett in Reinform, denn es beginnt musikalisch. Manche mögen den inhaltlich etwas flachen Kalauer-Einstieg als Klamauk abtun, aber zwei Stunden Dauer-Moralkeule würden vermutlich auch ihre Kritiker finden. So steigert sich das Programm sukzessive, bis zum gefühlten Höhepunkt kurz vor der Pause. Ein Hauch von Nockherberg wehte durch den Waidspeicher, denn dem Erfurter OB,  in der zweiten Reihe sitzend, wurde satirisch-kritisch der Spiegel vorgehalten. Im Stile einer Büttenrede wurden die Missstände der Erfurter Stadtpolitik aufgezählt und am Ende mit einem fröhlichen „und darauf einen Bausewein“ angestoßen. So etwa zum zu offenkundigen Demokratiedefizit in der Stadtverwaltung: „Die Verwaltung pisst dir gern ans Bein und darauf einen Bausewein“ oder zur Buga: „die Kosten kriegen wir nie mehr rein, und darauf einen Bausewein“. Das Publikum tobte und der derbleckte OB lächelte, wenn auch einigermaßen gequält.  

 

Mit dem alten Kinderlied (eine Mühle am rauschenden Bach) über Brexit, wird vor den Gefahren des neuen Nationalismus gewarnt:, denn am Ende könnte es heißen

„Heil uns, vielleicht gibt es bald wieder Krieg – so'n Kack, so'n Kack, so'n Kack“. 

Im modernen Gewand kommt auch der gut alte Struwwelpeter daher, der am Ende als „Hans-Guck-aufs-Display“ auf dem Meeresgrund landet: „am Ende tot und gut durchfeuchtet, aber immerhin beleuchtet“.

Und natürlich bekommen auch die neuen und alten Rechten ihr Fett weg. Ein Typ mit Benzinkanister und Baseballschläger als Joguhrt-Werbungs-Persiflage („Mit Zoff ins Weekend-Feeling“) sorgte dafür, dass mancher Lacher im Halse stecke blieb. So wie ein faschistoider Satz am Ende. Doch der kam, wie das Trio kundtat, nicht wie viele dachten von der AfD, sondern vom Original: Adolf Hitler. 

 

 

Thomas Holzmann