1. November 2016

Literatur pur beim Poetry Slam

Skog Okvann aus Sömmerda bejubelt in der Weimarhalle die Thüringer Meisterschaft im Poetry Slam. Foto: Anja Zimmermann

Poetry Slam – schon wieder so eine neumodischer Begriff, mit dem Generationen über 40 meis-tens nichts anfangen können. Das ist vor allem deshalb schade, weil sich gerade auch in Thüringen eine  neue Kulturszene etabliert, die nicht nur vielfältig, sondern auf ihre Art auch durchaus politisch ist.
Dichterwettkampf wäre eine mögliche Übersetzung für Poetry Slam. Quasi hat Thüringen seit den Sängerkriegen auf der Wartburg eine Jahrhunderte alte Tradition. Damals schlugen Walter von der Vogelweide oder Heinrich von Ofterdingen die Laute und priesen ihre Herrscher in den schillerndsten Farben. Manchmal kritisierten sie sie auch. Heutzutage sind bei Poetry Slams keinerlei Hilfsmittel erlaubt, dafür aber Kritik an gesellschaftlichen Zuständen. Poetry Slams sind Literatur pur: ein Autor, ein Text. Ist die Zeit um, wird kompromisslos das Mikro dem Munde entrissen. 
So auch in der Weimarhalle, wo sich am 23. Oktober bei Thüringer Meisterschaft im Poetry Slam gebattelt wurde, wie es neuhochdeutsch heißt.  Die stetig wachsende Beliebtheit der Slams wurde nicht nur hier durch den enormen Besucherandrang deutlich. Die Aktiven der Szene, die mit dem quirligen  Moderator „Aida“ über eine echte Rampensau verfügen, haben mittlerweile einen eigenen Verein, den Highslammer e. V. gegründet und sind deutschlandweit bestens vernetzt. 
In der Vorrunde traten die neu Thüringer Poetry Slamerinnen und Slamer zunächst in dreier Gruppen gegeneinander an. Jeweils einen Text, danach hatte die Jury das Wort. So jung und modern wie Publikum und Künstler sind meist auch die Methoden. Üblicherweise entscheidet das Publikum durch johlen und klatschen, wer in die nächste Runde kommt. Die Juroren, die vorher aus dem Publikum bestimmt wurden, folgten zumeist  Vorgaben der Zuhörer.      
Bunte Vielfalt sind fast schon inflationäre Begriffe, aber treffen sie eher zu als beim Poetry Slam?  Von rasant und witzig, bis traurig und nachdenklich war jeder Stil zu finden. Von Goethes Drogenexzesse bis zum Wunschkind ohne Eigenschaften, thematische Grenzern gibt es keine.  
Einige Texte kommen sogar fast komplett in Reimform daher.  Von den Anfangszeiten des Poetry Slams in Thüringen, Ende der neunziger Jahre, als die Autoren aus Särgen stiegen, um Büttenreden zu halten, ist eine Kunstform entstanden, irgendwo zwischen  Kabarett und Theater. 
Aus den Texten könnte mensch manche pointierte Zeile wiedergeben, aber das würde der Veranstaltung kaum gerecht werden. Erwähnenswert ist aber die Tatsache, dass praktisch jede und jeder Abend, auch bei unpolitischen Texten, kleine Seitenhiebe auf die AfD und den rechten Pöbel einbauten, fast so als hätten sie sich abgesprochen. 
Den Sieg hätten sicher mehrere Slammer verdient gehabt. Am Ende holte sich die Trophäe in Form eines „nicht wackelnden Wackel-Goethes“ Skog Okvann aus Sömmerda. Seine meist gereimten, oft skurrilen Texte, die er mit hohem Tempo vorträgt und die stets auch Nachdenkliches transportieren, hatten schon vergangenen Herbst beim „Highslammer X“ in Erfurt das Publikum überzeugt.          

th