13. Juni 2017

Haben wir das Schicksalsjahr im 21. Jahrhundert schon verpasst?

Gedenken am 7. Mai in Elmshorn beim antifaschistischen Stadtrundgang. Foto: Werner Endter

Von J. Powollik

 

Seit einem Vierteljahrhundert organisiert Elke Pudszuhn, unsere Vorsitzende des Thüringer Landesverbandes des VdN/BdA, Fahrten zu Gedenkstätten, die an den faschistischen Terror und den Widerstand gegen diese Barbarei erinnern. Dafür sind wir ihr sehr dankbar. Unter dem Motto „Erinnern, Gedenken, Mahnen“ besuchten die Teilnehmer in den letzten 25 Jahren eine Vielzahl von Gedenkstätten. In diesem Jahr führte uns der Weg nach Nordfriesland und Dänemark. Unser Ehrenvorsitzender des VdN/BdA, Prof. Heinrich Fink, begleitete uns auch diesmal. Er, ein vom christlichen Glauben bestärkter konsequenter Antifaschist, steht seit Jahren wegen seiner unbeugsamen Haltung im Visier des Verfassungsschutzes. Es ist ein Skandal.


Die erste Station war das ehemalige Außenlager Husum-Schwesing, einem Außenlager des KZ Neuengamme, in dem vom 26.9.1944 bis zum 29.12.1944 2.500 Häftlinge aus 14 Ländern am sogenannten Friesenwall unter unsäglichen Bedingungen schuften mussten. Es war das Lager mit der höchsten Todesrate, bezogen auf die Zahl der dort inhaftierten Häftlinge. Viele starben infolge von Zwangsarbeit, Unterernährung und Misshandlung. Für 297 namentlich bekannte Opfer wurden Gedenkstelen errichtet. Rolf Burgard und Kameraden der VVN/BdA aus Nordfriesland erläuterten uns das dort geschehene Schreckliche und welche Mühen es macht, diese Stätte zu gestalten und zu erhalten. 
Am folgenden Tag besuchten wir das Internierungslager Frøslev in Dänemark. Anne und Ludwig Hecker von der Kreisvereinigung der VVN/BdA  Flensburg berichteten uns auf dem Weg nach Frøslev über ihre Zusammenarbeit mit der Nationalen Gedenkstätte Dänemarks in Frøslev.


Es war ein Internierungslager für dänische Gefangene von Gestapo und SS nach der Besetzung Dänemarks durch die faschistische Wehrmacht. Von 13. August 1944 bis 05. April 1945 durchliefen das ständig überfüllte Lager mindestens 12000 Menschen. Die Angst vor der Deportation war ihr ständiger Begleiter. 1.625 von ihnen wurden in deutsche Konzentrationslager überführt. Unter ihnen waren viele dänische Polizisten, die im September 1944 in das KZ Buchenwald eingeliefert wurden. 220 von ihnen kamen dort zu Tode. 
Das Mahnmal am Grenzbahnhof Harrislee erinnert an die Deportation aus Frøslev. Es wurde von Schülern der Duborg-Skolen gestaltet. Auch hier, wie an den anderen Gedenkstätten,  legte unsere Gruppe ein Blumengebinde zur Erinnerung nieder und gedachte den Opfern in einer Schweigeminute.


In Flensburg erinnerten wir uns am Denkmal für die Deserteure an den Mut der Soldaten, die Schluss sagten zu dem Morden und widerstanden.       „ ... für Menschen, die sich nicht miss-brauchen ließen für einen verbrecherischen Krieg“ steht auf dem Gedenkstein. Ein mutiges Denkmal in der heutigen Zeit. Es wurde vor drei Jahren eingeweiht. Die Kameraden der VVN-BdA Schleswig-Holstein, L. Hecker und J. Brüggemann, führten uns während eines Antifaschistischen Stadtrundgangs zu Orten des Widerstandes und zu Stolpersteinen, die an die Opfer erinnerten.


Auf Helgoland erfuhren wir etwas über eine Widerstandsgruppe, die die sinnlose Zerstörung der Insel am Ende des Krieges verhindern wollte. Die Gruppe wurde von zwei ihrer Mitglieder jedoch verraten. Etwa zwanzig Männer wurden am 18. April 1945 auf der Insel verhaftet und vierzehn von ihnen nach Cuxhaven transportiert. Nach einem Schnellverfahren wurden fünf der Widerständler am Abend des 21. April 1945, kurz vor der Befreiung, auf dem Schießplatz Cuxhaven-Sahlenburg erschossen. Heute erinnern Stolpersteine an die Erschossenen. 
Wir bewunderten natürlich auch die Schönheit der Insel, auf der Narben noch von den schweren Bombardierungen zeugen, die damals 285 Tote forderten. 


Am Vorabend des Tages der Befreiung fuhren wir nach Elmshorn. Dort kam es wieder zu herzlichen Begegnungen mit Kameraden der VVN-BdA. Sie berichteten während des   Antifaschistischen Stadtrundgangs vom Kampf der Elmshorner in der Nacht des Faschismus. An der ehemaligen Synagoge von Elmshorn sprach eine Zeitzeugin über ihre rassistische Verfolgung. Am ehemaligen Gewerkschaftshaus erfuhren wir von einem Gewerkschaftler viel über den Arbeiterwiderstand in der Nacht des Faschismus. Als die Befreiung nahte, handelten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter gemeinsam und bildeten am 3. Mai 1945 gemeinsam einen antifaschistischen Ordnungsdienst, der maßgeblich die Selbstbefreiung Elmshorns organisierte und die Stadt bis zum Einmarsch der Britten sicherte. Sie verhinderten so den Tod vieler Zivilisten und die totale Zerstörung der Stadt. Gemeinsam bauten sie für eine kurze Zeit basisdemokratische Strukturen auf. Mit dem Eintreffen des britischen Militärs wurde dieser Keim einer echten Demokratie jedoch zertreten und viele der Akteure wurden verfolgt. Die Taten der Elmshorner erinnerten uns auch an die Republik Schwarzenberg im Erzgebirge am Ende des Krieges. Elmshorn ist stolz auf diesen Teil der Geschichte. Leider zeigten die Wahlergebnisse der Landtagswahl am gleichen Tag, dass  auch hier das Vergessen voran schreitet. 


An der Gedenktafel am Rathaus erinnerten zwei junge Antifaschistinnen  an Leben und Tod des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Reinhold Jürgensen. Gemeinsam sangen wir mit ihnen das Moorsoldatenlied. Ein bewegender Moment.


Unser Dank gilt den Kameraden der  VVN-BdA Schleswig-Holstein mit ihrem Landesvorsitzenden Jürgen Brüggemann, die die Reise mit vorbereiteten und gestalteten sowie dem  Busunternehmen Schmidt-Reisen, der Inhaberin Frau Wurmehl, welches uns seit 15 Jahren sicher an unsere Ziele bringt. Wir konnten bestätigen, unser diesjähriger Fahrer Hans, der kann´s. Wir hoffen auch im kommenden Jahr auf eine weitere gute Zusammenarbeit. 
Während der Fahrt wurde viel diskutiert, gesungen und abends in fröhlicher Runde gefeiert. Es war wieder eine gelungene Komposition, wie unser Ehrenvorsitzenden Heiner Fink zum Abschied in Elmshorn dankend im Namen aller sagte.


In mindestens 44 Ländern weltweit wurden unzählige Gedenkstätten, die an die Opfer des 2. Weltkrieges, den Terror der Faschisten, an das Leiden, Sterben, Widerstehen und die Solida-rität der Geschundenen erinnern, errichtet. Einen Teil davon konnten wir in den letzten 25 Jahren besichtigen. Sie zeigen den Menschen auch heute auf, dass der Schwur von Bu-chenwald: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ auch nach 72 Jahren nicht erfüllt ist und welche Gefahren derzeit aus dem Wiedererstarken faschistischer Strömungen in vielen Ländern für die Menschheit entstehen. 


1958 erklärte Erich Kästner: „Die Ereignisse von 1933 - 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät.“ Als Teilnehmer von mehreren Antifa-Fahrten und Gedenkveranstaltungen anlässlich des Tages der Befreiung frage ich mich: „Haben wir das Schicksalsjahr 1928 im 21. Jahrhundert schon verpasst?“ Die Zahlen der Teilnehmer bei antifaschistischen Veranstaltungen ist leider oft sehr überschaubar. Woran liegt es, dass die Menschen so geschichtsvergessen sind oder, dass sie die Gefahr für die Demokratie nicht sehen wollen oder können?


Unser Kampf für eine liebenswerte Heimat, ob in Schleswig-Holstein oder Thüringen, ohne die Bedrohung durch faschistische Organisationen, kann nur erfolgreich sein, wenn auch Staat, Justiz und die noch schweigenden Bürger  sich gemeinsam dafür einsetzen, damit auch Deutschland weiter lebenswert und friedlich bleibt. Es gibt noch viel zu tun, bleiben wir wachsam und standhaft.