7. März 2017

Gewehrläufe gen Osten

NATO-Kriegssschiff im Hafen von Winoujscie als Schutz vor der angeblichen Gefahr aus Russland. Fotos: Uwe Pohlitz

Polen – ein faszinierendes Land In den letzten Jahren reisten wir, meine Frau und ich, individuell  und unabhängig von Reiseveranstaltern, zu unseren Nachbarn jenseits der Oder und Neiße. Viele Eindrücke und Erlebnisse kamen bei diesen Streifzügen zusammen. Tausende Fotos sowie  schriftliche Aufzeichnungen haben sich dabei angesammelt. Mit den menschlichen und persönlichen Begegnungen sammelten wir viele gute Erinnerungen und können empfehlen: Besucht unsere Nachbarn – das erweitert den Horizont, schafft Verständnis und fördert freundschaftliches Zusammenleben. Dies haben wir mit allen europäischen Anrainern so gehalten. Polen ist ein faszinierendes Land, welches dem Gast auch einiges an Einfühlungsvermögen abverlangt. Mit dem volkstümlich verwurzelten Katholizismus wird der Besucher allerorts konfrontiert. Der Tourist kann damit gut leben, wenn er darauf verzichtet, Glaubensfragen zu diskutieren oder anzuzweifeln. In den Masuren sind wir auf eine der wenigen kleinen evangelischen Gemeinden getroffen, welche in einem gepflegten Ambiente seit Jahrhunderten unbehelligt ihren Glauben lebt. Das hat in Polen Seltenheitswert und wird offensichtlich stolz den Touristen präsentiert.Neue Autobahnen kaum genutztDie Reise mit dem PKW und dem Wohnanhänger entlang der Ostseeküs-te bis zu Grenze nach Russland und Litauen ist eine echte Herausforderung. Der Straßenverkehr erschien uns sehr gewöhnungsbedürftig bis gewagt. Die Straßenzustände erforderten jedenfalls höchste Konzentration. Auf Grund der hohen Maut-Gebühren wird die neue Autobahn von einheimischen Kraftfahrern auffallend wenig genutzt. Der Verkehr konzentriert sich entsprechend auf die Landstraßen. Wir steuerten meist hervorragend geführte Campingplätze an, nutzten aber auch private Angebote, um auf Grundstücken gastfreundlicher Menschen gegen eine geringe Gebühr Quartier zu machen.Renten weiter unter der ArmutsgrenzeDie niedrigen Löhne und hohen Preise für Waren aller Art führen für unsere Sicht zu solchen Angeboten. Im letzten Jahr waren wieder deutliche Preisanstiege erkennbar. Das ist mit normalen Lohneinkünften kaum noch zu stemmen. Die Renten liegen für unsere Begriffe weit unter der Armutsgrenze. Trotzdem ist Polen für uns immer noch recht günstig. Wir erkannten ein Problem, welches auch bei uns ehemalige DDR Bürger eine Rolle spielte. Einheimische Produkte werden immer stärker aus den Regalen der Einkaufcenter verdrängt und durch teure Importe ersetzt. Herr Schwarz (Lidl und Kaufland) aus Neckarsulm hat mit seinem Imperium Polen bereits überrollt. Es gibt kaum eine polnische Familie, welche nicht versucht, im westlichen Ausland etwas mehr als in der Heimat zu verdienen. Neue Oberschicht lebt ihren ReichtumGegenwärtig zeichnet sich ein neues  Problem ab; in Polen fehlt es an Handwerkern, um wichtige Reperaturleis-tungen durchzuführen. Sie sind in Westeuropa unterwegs. Ungelernte und nicht genügend ausgebildete Arbeitskräfte sind nicht in der Lage, anspruchsvollere Tätigkeiten auszuüben. Sie ersetzen vielerorts Maschinenkraft, sind mit Schippe und Spitzhacke für wenig Geld unterwegs. Wer das Mehrwertgesetz von Karl Marx kennt, der erlebt wie immer noch auf diese Art und Weise schnell in kurzer Zeit viel Geld für Wenige entsteht. Die neue Oberschicht lebt ihren Reichtum öffentlich aus und zeigt sich gern in Protzkarossen und Luxusyachten oder in gediegenen Landhäusern. In vielen Gesprächen wurde klar, dass es enormen Reichtum und demzufolge eine noch größere Armut gibt. Eine Mittelschicht ist fast nicht vorhanden. Die wirklichen Gründe dieser Zustände werden nicht wirklich wahrgenommen. Eine Entwicklung, welche uns allerdings nicht fremd ist. Der gegenwärtigen polnischen Regierung ist es auch ohne Pegida gelungen, eine feindliche Stimmung gegen Flüchtlinge und Emigranten zu erzeugen. Wir haben allerdings keine getroffen, aber den Hass und die Abneigung gegen diese Menschen zur Kenntnis nehmen müssen.Besser kein Russisch sprechenVom Versuch, die russische Sprache als Verständigungsmittel einzusetzen, kann nur abgeraten werden. Wir muss-ten erleben, dass in einem Gespräch mit einer Marktfrau, welche russisch konnte, die Unterhaltung durch junge Leute bedrohlich unterbrochen wurde. Der Hass und die Abneigung gegen die östlichen Nachbarn werden beängstigend angeheizt. Der Stolz auf die Mitgliedschaft in der NATO ist nicht zu übersehen. Eine Armada von Kriegsschiffen wurde uns Anfang dieses Jahres bei einer Hafenrundfahrt in Swinoujscie als Schutz vor der angeblichen Gefahr aus Russland präsentiert. Bei unseren Reisen registrierten wir auch eine auffallende und offensichtlich geförderte Neigung zu Militaria bei Kindern. Die Gewehrläufe werden ersichtlich gen Osten gerichtet. Es wäre dringend notwendig, den Willen zur Völkerverständigung zu fördern und nicht einen Krieg herbei zu reden. Das könnte man  im christlichen Polen eigentlich erwarten.Die wunderbaren Landschaften und auch die meisten Menschen strahlen viel positive Kraft aus und lassen hoffen, dass die Zukunft verantwortungsvoll gestaltet wird. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung ist keine Anhänger der gegenwärtigen Politik, welche offensichtlich auch aus Demokratieabbau besteht. Als reisender Beobachter bekommt man das nur in persönlichen Gesprächen mit. Uns fiel auf, dass es in den letzten Jahren immer weniger deutsche Presseerzeugnisse gibt, obwohl oder gerade weil viele unsere Nachbarn die Sprache gut beherrschen. Diese Beobachtung ist zumindest nachdenkenswert.  Viele deutsche Besucher nutzen die günstigen Reisemöglichkeiten entweder als Rentner noch einmal die ehemalige Heimat in Pommern, Schlesien oder Ostpreußen zu besuchen oder als deren Enkel das Land ihrer Herkunft kennen zu lernen. Sie alle werden in Polen herzlich aufgenommen. Deutsch/polnische Landkarten oder alte Ansichtskarten vor 1939 sind überall erhältlich und weisen auf das Vertrauen auf die Oder-Neiße Grenze.