27. Februar 2018

Kunst in einem völlig anderen Rahmen

Von Christine Schirmer 

 

Neben zahlreichen etablierten Plätzen der  kommerziellen wie alternativen Kulturszene in Erfurt besteht auch immer wieder einmal die Möglichkeit, Kunst in einem völlig anderen Rahmen zu besichtigen. Die Nutzung verschiedenster Räumlichkeiten, um auch den Vertretern von weniger bekannten Stilen oder neuartigen Ideen eine Bühne zu geben, wird derzeit beispielsweise vom AZURIT Seniorenzentrum in Erfurt praktiziert. Dort sind noch bis zum 9. März Fotografien von verlorenen Orten, sogenannten Lost Places, zu bewundern. Aufgenommen wurden sie von zwei begeisterten Hobbyfotografen, über deren Person man nur wenig erfährt, in Deutschland, Frankreich und Tschechien haben.


Das steigende Interesse an Lost Places, sowohl von Fotografen als auch von den sogenannten „Urbexern“, von Geocachern und letztendlich auch von einfach Geschichte- oder Kulturinteressierten, führt einerseits zu einer Verschiebung einer schon seit langer Zeit bestehenden Subkultur in die Mitte der Gesellschaft, verdeutlicht aber auch den Wunsch vieler Menschen, einerseits geheimnisvolle Orte zu entdecken und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, andererseits aber auch die wachsende Beschäftigung mit einem Phänomen, das sehr viel über geschichtliche, politische und gesellschaftliche Tendenzen offenlegt. Nicht umsonst finden sich überdurchschnittlich viele verlassene Orte in Grenzregionen, gerade jenen, die zahlreiche geschichtliche Veränderungen erlebten. Auch das Gebiet der ehemaligen DDR weist eine sehr hohe Dichte von derartigen brachliegenden Gebäuden auf. Häufig handelt es sich dabei um Firmen, Fabriken und Geschäfte, die sich nach der Wende aufgrund der Umstrukturierung nicht länger halten konnten. Somit handelt es sich bei dem spannenden, aber oftmals auch nicht ungefährlichen Besuch derartiger Plätze um gelebte Geschichte. Das eröffnet gerade bei der jüngeren Generation die Möglichkeit, vergangene Zeiten zu verstehen und nachzuempfinden.


Dass es inzwischen geführte Foto-Touren an verlassene Plätze wie beispielsweise die Heilstätten in Beelitz, zahlreiche Horrorfilme sowie Romane zum Thema, aber auch einen regelrechten Wettbewerb um die besten Lost Places in diversen Foren und Facebookgruppen gibt, wird auch die beiden Fotografen der kleinen, aber umso sehenswerteren Ausstellung weniger begeistern. Ihre Fotografien zeigen einige zum Zeitpunkt der Aufnahme noch sehr unbekannte Orte, etwa „Das Haus der Anna L.“, eine verlassene Arztpraxis in einer maroden Villa, die heute durch die leichtere Zugänglichkeit der Adresse im Internet vor allem von Verwüstung geprägt sind. Doch auch Aufnahmen von überwucherten, beinahe mit der Natur verschmolzenen Trabi, das Innere eines mit Holzsitzen ausgestatteten Busses oder Details ehemaliger Fabriken sind zu sehen und erwecken beim Betrachter den Wunsch, selber einmal einen derartigen Ort zu besuchen, aber auch den umfassenden Eindruck von Vergänglichkeit, der jeder Zeit innewohnt.