5. September 2017

Keine Angst vor Amazon

Christiane Mock hat im April die Contineo-Buchhandlung von Steffi Hornbostel übernommen und freut sich, auch die Tradition mit linker Literatur fortzusetzen. Foto: th

Von Aaron J. Warnecke 

 

Wenn man den kleinen Buchladen, der bis vor einem halben Jahr noch von Steffi Hornbostel geleitet wurde, betritt, dann fühlt sich dieser an wie eine Wohnzimmeroase im Kontrast zur etwas grauen Magdeburger Allee. Christiane Mock, die den Laden kurzfristig übernommen hat, begrüßt einen mit einem einladenden Lächeln und man hat das Gefühl, man befindet sich in einem Gemälde, das einen den zu wünschenden kleinen Buchladen um die Ecke mit einer fachkundigen Händlerin zeigen will. Das Gespräch findet auf Hockern zwischen Zeitungsständern, Sofa und Jugend-buchecke statt. Die drei Bände des „Kapitals“ blicken einen an, aber man sieht auch Bücher wie das Harry Potter-Theaterstück oder was man alles im heimischen Garten machen kann. Bunt ist der Laden und bietet viel auf wenig Platz. So viele Bücher wie noch nie erscheinen jedes Jahr neu und das bemerkt man wohl vor allem als Buchhändler. Drei meterhohe Stapel an Verlagsvorschauen sind schon nach einem Drittel des Jahres angekommen. Alle zu lesen und so alle Zielgruppen bei Empfehlungen abdecken zu können, ist fast unmöglich, aber Christiane Mock versucht ihr Bestes dabei. „Für jeden gibt es irgendein Buch“, und auch Sachbücher können gefallen. Vor allem haben sie den Vorteil gegenüber Texten aus dem Internet, die immer aktualisiert werden können, dass sie am Ende dann sogar ein Zeitzeugnis sind.

 

Ursprünglich kommt Christiane Mock aus dem Eichsfeld, wo es ihr aber als Jugendliche „zu katholisch“ und zu eng war. Mit dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit und der Begeisterung für Bücher entschied sie sich für die Ausbildung zur Buchhändlerin, die ihr sehr gefiel. Man hat jeden Tag mit Geschichten aus allen Ländern zu tun und die Gespräche mit den Kunden findet sie faszinierend. Nachdem sie bereits in einigen alternativen Wohnprojekten gelebt hat, lebt sie derzeit in der „klassischen“ Kleinfamilie und ist aber immer noch auf der Suche nach einem anderen Wohnen  jenseits der  herkömmlichen Stadtwohnung, sie würde gerne wieder, wenn die Kinder erwachsen sind, in einer Kommune leben.

 

Vor der Übernahme von Contineo hat sie in einer anderen Buchhandlung gearbeitet. Fast hätte sie dieses Jahr angefangen zu studieren, aber dann kam die Ladenübernahme dazwischen: Steffi Hornbostel hatte schon länger eine Nachfolgerin gesucht, bevor Christiane Mock auf den Laden aufmerksam wurde. „Ich habe hier keinen Tag vorher gearbeitet, fühlte mich aber sofort wohl.“ Wenn sie sich nicht entschlossen hätte, den Laden zu übernehmen, wäre die Buchhandlung Ende März geschlossen worden. Nun freut sie sich, die Tradition mit linker Literatur fortzuführen. Hinzu kommen auch noch mehr Bücher über Ökologie und Nachhaltigkeit z.B. über alte Obst- und Gemüsesorten, Klassiker, spannende Neuerscheinungen, Regionales, Kinderbücher und vieles mehr. Was auch weitergeführt wird, ist die Reise zur Leipziger Buchmesse. Nächstes Jahr Mitte März wird wieder ein Bus gebucht, um gemeinsam zur Messe zu fahren. An weiteren Ideen arbeitet sie noch, jetzt war erstmal so viel mit der Übernahme zu tun. Für Vorschläge und Wünsche von anderen ist sie jederzeit offen.

 

„Buchhandlungen sterben zwar“, aber Angst vor der Zukunft scheint sie keine zu haben. Der Riese „Amazon“ macht ihr keine Angst und die paar Pfennige, die die Bücher dort manchmal weniger kosten, wenn sie antiquarisch angeboten werden, seien es nicht wert, dort zu bestellen. „Jeder hat die Verantwortung, wo er sein Geld hingibt und was das bewirkt.“ Gibt man es lieber dem Nachbarn, der wirklich Steuern zahlt und  regionale Arbeitsplätze schafft, oder unterstützt man Großkonzerne? „Kunden müssen sich ihres Handelns bewusst werden und sich über die Konsequenzen Gedanken machen“, appelliert sie. Zum Glück entwickle sich Erfurt in die richtige Richtung und für die Magdeburger Allee hofft sie, dass es bald wieder bunter und lebhafter wird.

 

Irgendwann beichtet sie im Gespräch, dass sie bis kurz vorher noch das Gespräch absagen wollte, weil sie nicht gern in der Öffentlichkeit steht. Als ich sie dann frage, ob es denn so schlimm gewesen sei, lacht sie. Mit Belustigung erzählt Christiane Mock von den Momenten, wenn Leute sie bei Büchertischen auf Veranstaltungen oder direkt im Laden darauf angesprochen haben, ob sie „die neue Steffi Hornbostel“ sei. Sie muss verneinen, denn das kann sie auch nicht sein, man kann die Menschen nicht einfach so austauschen. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/artikel/keine-angst-vor-amazon/