13. Februar 2018

Flucht betrifft uns alle

Die Dokumentation zeigt in Spielfilmlänge die Geschichte einer Flucht über mehrere Jahre.

Von Christine Schirmer

 

Paul Nkamani aus Kamerun

 

Melilla: Ein bis zu sechs Meter hoher Zaun, der die gesamte Stadt, in Wirklichkeit jedoch die EU, vor Einwanderung schützen soll. Auf der anderen Seite: Menschen, die alles hinter sich gelassen haben, um im Wald nahe der Grenze, nahe des Zaunes, auf ihre Chance zu warten, endlich in Richtung Europa aufbrechen zu können. Einer von ihnen ist Paul Nkamani, der aus Kamerun stammt, dort aber keine Perspektive für sich sieht. Der Berliner Dokumentarfilmer Jakob Preuss reiste vor einigen Jahren nach Melilla, um einen Film über die Flucht- und Migrationsbewegungen und die politischen wie sozialen Zustände vor Ort zu drehen. Durch Zufall lernte er dort, in einem provisorischen Camp im Wald, Paul kennen. Obwohl viele der Menschen, die ihre Flucht dort vorbereiteten, ihm ihre Geschichte erzählten, entstand gerade mit Paul, der ihm durch seinen Optimismus und seine gelassene Lebensart auffiel, eine Beziehung, aus der sich eine Freundschaft entwickelte. 

Am 1. Februar bestand in der Franz Mehlhose in Erfurt im Rahmen der Ausstellung „Gesichter des Mittelmeeres“  die Möglichkeit, durch eine Filmvorführung mit anschließendem Gespräch mit dem Regisseur mehr über diese Beziehung, aber auch über die gesamte Situation von Flüchtenden aus Afrika zu erfahren.

 

Spanien als Sündenbock

 

Die Dokumentation „Als Paul über das Meer kam“ zeigt in Spielfilmlänge nicht nur die Geschichte einer Flucht über mehrere Jahre hinweg, sondern auch das Geflecht von Beziehungen zwischen Europa und Afrika, zwischen EU und Spanien als Land, das –  wie sogar die Flüchtenden immer wieder feststellen – sämtliche Spannungen aushalten muss, das dadurch geradezu prädestiniert für die Rolle als Sündenbock in dieser Thematik ist. 
Jakob Preuss gelingt es jedoch auf eindrucksvolle Weise, objektiv zu berichten. Dabei bezieht er auch Organisationen wie Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache sowie deutsche Polizisten, die auf den Autobahnen nach illegal eingereisten Menschen fahnden, mit ein, ohne sie per se zu verurteilen. 


Die Gespräche zeigen auf, dass auch in Melilla, in dieser angespannten Lage, letztendlich auf beiden Seiten Menschen agieren; Menschen, die unter Umständen Gewalt anwenden, um die Grenze zu überqueren, aber auch Menschen, die vor keinem Mittel zurückschrecken, um die Flucht derer auf der anderen Seite zu verhindern.

 

Verschiedene Lebensgeschichten 

 

Trotz aller allgemeinen Informationen, ist es in erster Linie die Geschichte von Paul, die hier erzählt wird, die aufgrund der entstehenden Freundschaft zwischen ihm und dem Regisseur aber auch Fragen aufwirft, die nicht nur die beiden betreffen: Wie weit darf, kann und muss man gehen, um einem fremden Menschen zu helfen? Wie verhält man sich, wenn man um etwas gebeten wird, das man selber für falsch hält? Spätestens in dem Moment, in dem Paul, gerade in Deutschland angekommen, meint, man sollte strenge Gesetze für die Regulierung und Reglementierung der Ausreise von Flüchtlingen aus Afrika nach Europa einführen, wird auch die Spannung zwischen Jakob Preuss und ihm deutlich, die Differenzen zwischen ihnen und ihren Vorstellungen, die aber bis zu einem gewissen Grad auch auf deren völlig verschiedene Lebensgeschichten zurückzuführen sind: Paul studierte in Kamerun, hatte ambitionierte Ziele, wurde dann jedoch von der Uni suspendiert, weil er politisch aktiv in einem Studentenrat war. Ein Stipendium für ein Studium in Kanada konnte er nicht wahrnehmen, da ihm das benötigte Visum verwehrt blieb. Nachdem sein Vater aufgrund einer Erkrankung, die man mit Medikamenten hätte heilen können, für die jedoch das Geld fehlte, starb, beschloss Paul, sein Glück in Europa zu suchen. Jakob Preuss begleitet seine Flucht über die knapp 3.000 Kilometer, von Melilla bis Berlin. Ein gescheiterter Fluchtversuch, der fast mit dem Tod geendet hätte, eine Inhaftierung über zwei Monate, leere Versprechungen von Schleusern – nichts von alledem bringt Paul von seinem Ziel ab. Der Glaube an Gott und die Zuversicht, in Deutschland ein besseres Leben führen zu können, lassen ihn nicht aufgeben. 

 

Paul wird immer noch Asyl verwehrt

 

Der Film geht nach dem offiziellen Ende, das Paul in einer Unterkunft für Asylsuchende in Eisenhüttenstadt zeigt, noch weiter und zeigt ein besseres Ende: Paul lebt nun in der Einliegerwohnung von Jakob Preuss‘ Eltern, hat sich mit diesen angefreundet und begonnen, Deutsch zu lernen. An dieser Stelle endet der Film, nicht aber die Geschichte. Im an die Filmvorführung anschließenden Gespräch erzählte der Regisseur, dass Paul inzwischen Deutsch gelernt hat, einen Vollzeitjob in einem Seniorenheim ausübt und sich gut eingelebt hat. Aufgrund seiner Herkunft aus Kamerun wurde ihm bisher jedoch Asyl verwehrt. Zwar wehrt er sich gegen diese Entscheidung, doch die Wartezeiten für die Bearbeitung seiner Klage sind lang. Spätestens an dieser Stelle, die den Zuschauer mit einem Gefühl der Ungewissheit zurücklässt, wird deutlich, dass Flucht nicht nur Spanien, nicht nur die EU, sondern jeden Einzelnen von uns betrifft.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/artikel/flucht-betrifft-uns-alle/