16. Januar 2018

Flucht aus Kambodscha

Gedenken an die Toten für die Freiheit und kämpfen für die Zukunft – Berlin vor der Kambodschanischen Botschaft 9.12.17. Foto:breakdeportation.blogsport.de

Von Christine Schirmer

 

Offiziell ist Kambodscha seit der neuen Verfassung, die 1993 in Kraft trat und die politische Instabilität beenden sollte, auf einem guten Weg und verfügt allmählich mehr und mehr über demokratische Strukturen, eine wachsende Wirtschaft und viele weitere allgemein als positiv bewertete Faktoren. Dass dies nicht ausreicht, um Kambodscha als friedliches Land ohne größere Probleme zu bezeichnen, wird deutlich, wenn man die Geschichte der bereits seit einigen Jahren in Deutschland lebenden Kanha Chhun kennenlernt.

Wie Hunde geschlagen 


Die 36-jährige Kambodschanerin kam auf der Suche nach Asyl nach Deutschland, da sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur oppositionellen Partei CNRP politisch verfolgt und bedroht wurde. Zahlreiche ihrer Familienmitglieder und Freunde wurden im Zuge der staatlichen Restriktionen unter Hun Sen, dem Ministerpräsidenten und Generalsekretär der Kambodschanischen Volkspartei PPC, bedrängt und verfolgt. Des Weiteren kam es durch dessen Schwester zu mehreren Fällen von Landraub. Hun Sen, ein ehemaliger Kommandant der Guerillabewegung der Roten Khmer, macht eindrücklich in der Öffentlichkeit klar, wie seine Sichtweise bezüglich der demokratischen Entwicklung Kambodschas aussieht: „Ich schwäche die Opposition nicht nur, ich mache sie tot. Und wenn sich welche für stark genug halten, um Demonstrationen zu veranstalten, werde ich die Hunde schlagen und in Käfige sperren.“ Der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, die von 1975 bis 1979 unter Pol Pot in Kambodscha an der Macht waren,  fielen ca. zwei Millionen Einwohner des Landes zum Opfer. Doch auch trotz des kurz vor der neuen Verfassung abgeschlossenen Friedensvertrages (den Hun Sen ebenfalls in der Öffentlichkeit bereits für nichtig erklärte) kam es in der jüngeren Vergangenheit neben der Zensur der Medien und des Verbotes der CNRP immer wieder zu politischen Morden, beispielsweise in den Fällen des Gewerkschafters Chea Vichea (2004), des Umweltschützers Chut Wutty (2012) und des Regimegegners Khem Ley (2016). Auch die letzten Wahlen, die angeblich die demokratische Intention des Landes bestätigen würden, gingen mit zahlreichen Angriffen und Morden einher.

 

Viel Solidarität 


Im Rahmen der Cambodian Campaign des „The Voice Refugee Forum“ fand am 11. Januar 2018 im Retronom in Erfurt eine Veranstaltung statt, die nicht nur einen ausführlichen Vortrag, sondern auch eine aktive Diskussion beinhaltete. Kanha Chhun erzählte von ihren Erfahrungen in Kambodscha, aber auch in Deutschland. 2014 sollten sie und ihre Tochter abgeschoben werden, im weiteren Verlauf kam es zu einem Verfahren des BAMF, wobei ihr Sachbearbeiter Ho Ngoc Thang in Jena-Hermsdorf ihren Asylantrag ablehnte. Aufgrund der Tatsache, dass genau dieser Mitarbeiter wenig später entlassen wurde, weil er in einem Interview die mutmaßliche Entführung eines  Politikers aus Vietnam, der in Deutschland Asyl suchte, durch den vietnamesischen Geheimdienst, befürwortete, ist dessen Urteil eigentlich nicht (mehr) tragfähig. Dennoch verweigert das BAMF jegliche Überprüfung oder Neubewertung des Falles, weshalb Kanha Chhun nun, nach mehreren Briefen und der Organisation von zahlreichen Protesten, vor Gericht geht. Mit der Solidarität von vielen Unterstützern gelang es immerhin, unter anderem durch Demonstrationen, auf die Entwicklung in Kambodscha aufmerksam zu machen, die sich bedrohlich in Richtung einer Diktatur bewegt und die in Deutschland, wenn überhaupt, nur am Rande wahrgenommen wird.
„The Voice“ klärt auf 


Die lebhafte Diskussion, die im Anschluss an den informativen, zweisprachigen Vortrag erfolgte, verdeutlichte eindrucksvoll den Willen der Teilnehmer, aktiv zu werden und Kanha, aber auch andere Betroffene, zu unterstützen. Möglichkeiten hierfür stellen neben Geldspenden für die Prozesskosten auch die Teilnahme an weiteren Demonstrationen sowie die Unterstützung durch die Anwesenheit vor Ort bei den Gerichtsterminen dar. Interessierte können sich direkt beim „The Voice Refugee Forum Jena“ (http://www.thevoiceforum.org, 0176/24568988) über die aktuellen Entwicklungen informieren. 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/land_leute/detail/artikel/flucht-aus-kambodscha/