7. November 2017

„Ein Höllenritt unbekannten Ausmaßes“

Foto: https://www.facebook.com/Knochenhaus/

Von Christine Schirmer

 

Außergewöhnlich war der Live-Auftritt des Duos Janus mit dem dazugehörigen Ensemble am 27. Oktober nicht nur aufgrund der Location, des Mendelssohn-Saales im Gewandhaus Leipzig, sondern auch  deshalb, weil Janus in ihrer etwa zwanzigjährigen Bandgeschichte bisher nur etwa fünfzig Live-Auftritte veranstaltete. Diese zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass kein Konzert dem anderen gleicht. Sänger RIG und Pianist Tobias Hahn lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. So verwundert es auch nicht, dass einen Tag nach dem Konzert ein weiterer Auftritt der beiden im Gewandhaus stattfand, dieses Mal als Duo und mit anderen Stücken.

Der Name Janus ist programmatisch, denkt man an den namensgebenden zweigesichtigen Gott der Mythologie. Ihre Musik lässt sich keinem Genre zuordnen, bewegt sich fließend zwischen Gothic, Kammermusik, Metal und Klassik, ist mal elektronisch, mal ins-trumental, doch geht immer unter die Haut. Die „alten Männer“, wie die beiden sich ironisch nennen, verstehen es, mit wenigen Worten Geschichten in den Köpfen ihrer Zuhörer entstehen zu lassen, die einen nicht mehr loslassen. Einen schöpferischen Höhepunkt bildet das im Jahr 2000 erschienene Album „Schlafende Hunde“, das die Geschichte einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten, auf einem Mord basierenden Dreiecksbeziehung zwischen zwei Brüdern und einer ehemaligen Prostituierten erzählt. Auf den anderen Alben geht es um die menschliche Psyche, Traumata wie Missbrauch in der Familie oder dominante Vaterfiguren, aber auch um gesellschaftliche, historische und politische Themen: Die 2005 erschienene CD mit dem bezeichnenden Titel „Nachtmahr“ befasst sich mit den Auswirkungen des Krieges, hier speziell des Ersten und Zweiten Weltkrieges, wobei der Fokus auf tragischen Einzelschicksalen liegt. Ein Stück ist der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch gewidmet, die die Inhaftierung in Auschwitz aufgrund ihres musikalischen Talents überlebte. „Die Ballade von Jean Weiss“ erzählt die Geschichte des jüdischen Helfers Jean Weiss, der in Auschwitz seinen eigenen Vater in den Raum des SS-Sanitäters Josef Klehr bringen musste, wo er vor seinen Augen ermordet wurde.

Die Texte von Janus sind anspruchsvoll, lyrisch und so beschaffen, dass man bei jedem Hören neue Facetten entdeckt. Man könnte von subtilem Aktivismus sprechen, denn ganz ohne die Thematisierung von politischer Ausrichtung oder auch aktuellen Geschehnissen in der Welt wird dem Zuhörer deutlich, wie Janus sich positioniert: Die Musik regt zum Nachdenken und Hinterfragen an, zeigt auf, wie zerbrechlich die Seele ist und was unmenschliches Verhalten und Kriege anrichten.


Trotz der ernsthaften, oft traurigen Themen, schaffen RIG und Tobias Hahn es ohne Probleme, das Publikum auch mit ihrem Humor zu unterhalten, für den sie innerhalb ihrer kleinen, aber umso treueren Fangemeinde bekannt sind. Dass das Konzert eigentlich ein Jahr früher stattfinden sollte und aufgrund verschiedener Umstände so weit nach hinten verschoben werden musste, tat der Begeisterung der Zuhörer keinen Abbruch. Der extra auf die Akustik von Kammermusik abgestimmte Saal war bis in die letzte Reihe gefüllt. Dem aus sechs Musikern bestehenden Ensemble gelang es großartig, den gespielten Stücken einen eigenen Charakter zu verleihen, der sie von den Albumvarianten unterschied und so einen bekannten und doch völlig neuen Eindruck  vermittelte. Janus ist eben keine Band unter vielen, sondern ein vielfältiges und einzigartiges Projekt, das dem ebenso einzigartigen Ambiente des Gewandhauses mehr als gerecht wurde. Es bleibt also nur zu hoffen, dass sich die Möglichkeit, die beiden exzentrischen Musiker live zu erleben, in den nächsten Jahren wieder einmal bieten wird!

 

Webseite der Band:

http://neues.knochenhaus.de