20. September 2011

Technisch ist alles möglich, es fehlt nur der politische Wille

Karsten Treffurth (vorne links) auf dem Dach seiner Firma in Saalfeld mit der neuesten Generation von Kleinwindkraftanlagen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich unternehmerisch mit erneuerbaren Energien beschäftigen?


Ausgangspunkt dafür war die Sirena GmbH, die vor allem Sicherheitstechnik, wie z. B. Brandmeldeanlagen herstellt. Es kamen dann die ersten Anfragen, von Leuten, die alte LPG-Anlagen gekauft hatten, wie sie kostengünstig einen Stromanschluss bekommen könnten. Damals, vor zehn, zwölf Jahren, gab es nichts derartiges auf dem Markt. Was die großen Elektronikketten angeboten haben, war im Grunde nur Spielzeug. So haben wir selber angefangen, an Kundenlösungen zu basteln und sind dadurch immer mehr in das Thema der erneuerbaren Energien hineingewachsen. Zusammen mit der Uni Jena haben wir die Chancen für Kleinwindkraftanlagen am Markt untersuchen lassen. Der Tenor war sehr positiv, auch weil wir der Zeit weit voraus waren. Wir haben den 6. Thüringer Businessplan Wettbewerb mit unseren Geschäftsplan gewonnen, bei dem man eigentlich von einer Vorzugsförderung durch die Thüringer Aufbaubank ausgehen konnte. Am Anfang war man dort sehr aufgeschlossen. Doch je höher diese Frage in der Hierarchie gestiegen ist, desto weniger wollte man von uns wissen und wir haben nie eine Unterstützung des Landes Thüringen bekommen. Heute schweigt man uns regelrecht tot.    


Hatte das auch politische Gründe?


Das hat NUR politische Gründe. Damals war Umwelttechnik oder regenerative Energie überhaupt nicht im Fokus der Thüringer Wirtschaftsförderung. Statt dessen hat man z. B. die Multimediabranche massiv gefördert.

  

Haben die früheren Landesregierungen die Energiewende verpennt?

 

So ist es. In Thüringen gab und gibt es z. T. unter dem Schlagwort „Verspargelung“ eine absolute Antihaltung was die Windenergie angeht. Egal ob groß oder klein, man wollte einfach alles abwürgen, was zum Bild des Landes Thüringen gepasst hätte.


Wirtschaftsminister Machnig sagte gegenüber der UNZ vor einem Jahr, er würde nicht nur über die Energiewende reden, sondern sie vorantreiben. Hat sich die Förderung verbessert? 


Herr Machnig redet viel und hat auch den einen oder anderen guten Gedanken, aber wenn ich mir die Situation anschaue, dann muss ich sagen, es wird wieder genauso eine Monokultur gemacht wie früher. Früher war es z. B. Intershop und die Medienbranche, jetzt geht es fast nur noch um Photovoltaik. Man merkt nicht mal, dass dieser Zug längst abgefahren ist, weil in Asien viel günstiger produziert wird.


Heißt das, die in Thüringen ansässigen Unternehmen der Solarbranche haben keine Chance auf dem Markt?


Wenn man nur als reiner Modulhersteller auftritt, wird man auf Dauer keine Chance haben. Wenn man aber den Sprung schafft, komplette Systeme anzubieten, bei denen der Kunde nur noch plug and play (Anm. d. Red. frei übersetzt: anschalten und loslegen) machen muss, sieht es anders aus. Bis auf wenige Handwerksfirmen gibt es aber niemanden, der so etwas anbietet.

 

Das hört sich an, als ob es in Thüringen kaum Möglichkeiten gibt, Häuser schnell und effizient auf erneuerbare Energien umzurüsten?


Das Problem habe ich ja schon benannt: es stehen nur die Großen im Vordergrund. Herr Machnig und auch Herr Matschie sollten sich mal überlegen, wie man für jede Schule in Thüringen einen Bausatz für alternative Energien anbieten kann, mit dem Schüler selber bauen und ausprobieren können. Diese Generation braucht dieses Wissen, denn sie muss es nutzen und weiterentwickeln. Statt dessen werden aber Millionen von Steuergeldern in Projekte gesteckt, die einen fragwürdigen Effekt oder gar eine Alibifunktion haben.


Warum gibt es kein großes Projekt, bei dem alle öffentlichen Gebäude in Thüringen nach dem neuesten Stand der Technik energetisch saniert und auf erneuerbare Energien umgestellt werden?

 

Größere Kampagnen gibt es in Thüringen in jüngster Zeit z. B. für öffentliche Immobilien. Jedoch vermisse ich neue Anreize für den einzelnen Bürger sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Die Politik benutzt neuerdings in diesem Zusammenhang den Begriff  „Gesamtgesellschaftliche Aufgabe“. Die kann man nur schwer erkennen.  Das Grundproblem ist, dass wir alle Konsumenten grüner Energie sein sollen, aber ja keine Anwender, damit wir uns bloß nicht von den Monopolisten im Energiesektor lösen können.  


Deswegen sagt DIE LINKE: Energierevolution, statt grüner Kapitalismus. Kann man überhaupt 100 Prozent erneuerbare Energien erreichen, ohne die vier großen Monopolisten zu vergesellschaften? 


Mit den vier Großen in der jetzigen Form geht es sicherlich nicht. Ganz wichtig ist die Rolle der Stadtwerke. Sie zu stärken muss Punkt eins bis drei auf der Agenda sein. Wo kann sich der Bürger hinwenden? Da brauchen wir einen starken öffentlichen Partner, der die Bürger richtig beraten und individuelle Lösungen finden kann. Dazu müssten Fachleute bereitgestellt und auch geschult werden. Jetzt kann der Bürger bestenfalls zur IHK oder Verbraucherzentrale gehen. Ein anderes Problem sind die Stromtrassen. Wenn wir die nicht verstaatlichen, wie eine Bundesautobahn, dann werden wir immer im Würgegriff der vier Großen Energieversorger bleiben. 


Ist eine Art Energiewende von unten denkbar, mit der die Macht der vier Großen gebrochen wird, weil nur noch Strom dezentral erzeugt wird? 


Es gibt schon jetzt einzelne Stadtwerke die durchaus versuchen, den Großen Paroli zu bieten. Nach Fukushima sollte doch allen klar sein, dass die Energieriesen versagt haben. Die Antwort kann deshalb nur lauten, die Energie dort zu erzeugen, wo sie gebraucht wird. Bei der ganzen Debatte um die 380-KV-Leitung wird ja immer vergessen, dass man bis 30 Prozent Übertragungsverluste hat. Dezentrale Energieerzeugung ist einfach viel effektiver. Technisch ist das alles möglich, es ist nur eine Frage des politischen Willens, es durchzusetzen. Aber auch der einzelne Mensch ist gefordert. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir nicht immer ohne nachzudenken einfach aus den Vollen schöpfen können. Wir haben auch eine Verantwortung für künftige Generationen! An der Uni  Kassel wird schon an intelligenten Lösungen geforscht. Wenn man z. B .weiß, morgen wird es viel Wind geben, wodurch ein Überschuss im Netzt ist, dann gebe ich den Verbraucher die Nachricht, wenn ihr morgen eure Waschmaschine oder etwas anderes energieintensives benutzt, bekommt ihr einen ordentlichen Rabatt. Auch das ist ausgereift, es fehlt nur wieder der politische Wille, es auf den Markt zu bringen. Solche Beispiele gibt es viele. Wenn man die alle nutzen würde, dann hätten wir längst die Energiewende.


Das spricht wieder dafür, dass Thüringen seine Potentiale zu wenig nutzt. Wo sehen Sie die größten Probleme im Kreis Saalfeld-Rudolstadt?

 

Wir sind hier verkehrstechnisch ganz schlecht angebunden. Wir versuchen da auch parteiübergreifend Druck auf die Landesregierung zu machen, damit wir endlich einen Autobahnanschluss bekommen. Ein weiteres großes Problem ist, dass in zwei Jahren kein ICE mehr in Saalfeld halten soll. Auch die Aktion Thüringer Meer, bei der wir uns als Kreisverband, zusammen mit Bodo Ramelow, frühzeitig beteiligt waren, geht nicht schnell genug voran. Deshalb werden wir einen langen Atem brauchen. 


Was benötigt Thüringen für diesen langen Atem?


Wir bauchen Leute, die etwas machen, die klare Ziele und Visionen haben. Es ist doch Wahnsinn, dass man im Supermarkt fast nur Erdbeeren oder Salat aus Spanien bekommt. Nach Fukushima habe ich die Hoffnung, dass sich solche Dinge ändern. Es wird  nicht so schnell gehen, wie man es sich gedacht hat, aber es wird kommen. Mein Credo ist: entweder machen wir es jetzt freiwillig und nutzen die Zeit, die uns durch die Rahmenbedingungen gegeben ist oder wir werden eines Tages dazu gezwungen werden und dann wird es richtig weh tun. Dazu müssen wir uns aber jetzt schon von manchen lieb gewonnen Gewohnheiten trennen und auch mal Querdenken.


Thomas Holzmann