16. Januar 2018

Generäle als Partner der SPD

Dr. Steffen Kachel promovierte zum Thema: Ein rot-roter Sonderweg? Sozialdemokraten und Kommunisten in Thüringen 1919 bis 1949. Die Dissertation wurde vom Böhlau-Verlag veröffentlicht und ist im Handel erhältlich.

 

„Das Gerede von der Gegenrevolution, dass die Spartakisten und Unabhängigen führen, wäre nicht so unrichtig, wenn es in Deutschland jemals eine echte Revolution geben hätte.“
Der „rote“ Graf Harry Kessler 

Hat es 1918 eine echte Revolution in Deutschland gegeben?

 
Aber natürlich war die Novemberrevolution eine klassische Revolution! Die oben konnten nicht mehr so weiter regieren wie bisher und die unten wollten nicht mehr. Das monarchistische System ist zusammengebrochen. Freilich sah die Ablösung der alten Autoritäten vor Ort jeweils anders aus, gerade in Thüringen: während in Meiningen der Herzog selber anfragen musste, wann denn nun jemand käme, um die Abdankungsurkunde vorzulegen, kam es in Gotha zu einem richtigen revolutionären Marsch aufs Schloss. Ob die Novemberrevolution aus Sicht der späteren Geschichte ihre Aufgabe erfüllt hat, ist eine ganz andere Frage.


Wie sah die Friedensbewegung und die radikale Linke zu Beginn des Jahres 1918 in Thüringen aus?


Die im Zuge der Oktoberrevolution an der Ostfront eingetretene Waffenruhe führte zu einem Aufflammen von Friedensforderungen. Im Januar 1918 kam es in einigen Städten, in Thüringen unter anderem in Gotha, Jena und Erfurt, auch in Altenburg, zu teilweise erheblichen Streiks, die die Militärbehörden aber noch durch Zwangseinberufungen unterdrücken konnten. Im parteipolitischen Bereich hatte sich zu dieser Zeit aber bereits eine wesentliche Verschiebung vollzogen: Durch das Vorgehen der SPD-Reichsführung gegen die kriegskritischen Teile der eigenen Partei (massenweiser Ausschluss von Mitgliedern und ganzen Ortsgruppen) hatte sich im April 1917 in Gotha die linkssozialistische USPD gegründet. Ihr hatten sich in Thüringen die Mehrheit der SPD-Kreisorganisationen angeschlossen, etwa im Verhältnis 2:1. Das war etwas Einmaliges. 
Haben Friedrich Ebert, Gustav Noske und die MSPD sich von den alten Eliten benutzen lassen? 
Das glaube ich nicht. Sie haben ganz bewusst mit den alten Eliten zusammengearbeitet. Der von ihnen repräsentierte Teil der SPD hatte sich längst von der Bebelschen Antikapitalismus-Doktrin getrennt. Ihr Streben galt einer parlamentarischen sozialen Demokratie. Naiverweise haben sie geglaubt, hier eher die Generale als Partner gewinnen zu können als die Linke in der Arbeiterbewegung, aus der sie kamen. Wie schon Sebastian Haffner an vielen Fakten gezeigt hat, eine vollkommene Fehleinschätzung, hervorgerufen durch das Fehlen von ehrlicher sozialistischer Überzeugung und mangelnder Theoriefähigkeit.


Inwieweit war dieses naive Verhalten die eigentliche Grundlage für die spätere Dolchstoßlegende?


Die Dolchstoßlegende hat meiner Meinung nach damit nichts zu tun. Sie wurde auf diejenigen Teile der Politik des alten Kaiserreiches angewendet, denen die Generale die Abwicklung des Waffenstillstands und die Verhandlung des Versailler Friedens zugeschoben hatten. Aus der Sicht waren Luxemburg, Ebert und Erzberger alle gleichermaßen am Dolchstoß in den Rücken des im Felde angeblich unbesiegten Heeres beteiligt.


Wann kam der Bruch von Liebknecht und Co. mit der SPD genau? Bzw. (wie) wäre der Bruch von 1914 noch zu kitten gewesen?


Liebknechts Bruch mit dem Burgfrieden kam bei der zweiten Abstimmung über die Kriegskredite am 2. Dezember 1914, nachdem er am 4. August sich der Fraktionsdisziplin noch gebeugt und bei der ersten Abstimmung mit Ja votiert hatte. Der Bruch mit der Partei kam 10 Tage später, es war genauer gesagt ein Bruch der SPD mit Liebknecht. Am 12. Dezember wurde Karl Liebknecht mit 60 gegen 25 Stimmen aus der Reichstagsfraktion ausgeschlossen. Unter den 25 Gegenstimmen etliche Politiker aus Thüringen, die drei Jahre später – Liebknecht war inzwischen in Haft – dort an der Spitze der USPD zu finden waren. Das macht schon deutlich, wie scharf der Riss war, und da die SPD-Spitze um Ebert und Scheidemann absolut gewillt war, ihre Linie – auch bei Strafe der Parteispaltung – durchzuziehen, gab es zu keinem Zeitpunkt eine Chance, den Bruch zu kitten. 1920 war die USPD auf dem Weg, die MSPD im Masseneinfluss zu überholen, und vielleicht hätte hier wieder eine große plurale antikapitalistische Partei die MSPD beerben können. Aber die unter Verantwortung Moskaus herbeigeführte Spaltung der USPD hat die Chance vertan.

 
Wird zur Zeit 1918/19 derzeit ernsthaft geforscht? Kann man neue Literatur empfehlen?


Über neue Literatur kann ich wenig sagen. Sicher sind gerade in der letzten Zeit einige Bücher erschienen, die sich mit der Revolution von 1918 beschäftigen. Was ich empfehlen würde, sind die Bücher von Sebastian Haffner, die eine ungeheure Nähe zur Zeit und ihren Menschen haben und die Bedeutung dieser Monate sehr gut nachvollziehen lassen.


Warum gelang es Spartakus nicht, eine eigene schlagkräftige Armee aufzubauen wie es die Bolschewiki in Russland schafften? 


Die Bolschewiki in Russland waren eine politische Formation innerhalb der russischen Sozialdemokratie und schon ab 1903 und seit 1912 faktisch als selbständige politische Partei tätig, die mit den Menschewiki und anderen Gruppen unter den Bedingungen der zaristischen Herrschaft um Anhängerschaft konkurrierte. Nachdem die gemäßigten Gruppen der russischen Sozialdemokratie 1917 immer länger am Krieg festhielten, konnten die Bolschewiki innerhalb von Monaten zur landesweit vernetzten, in allen Räten vertretenen, stärksten organisierten Gruppe innerhalb der sozialistischen Bewegung Russlands anwachsen. Die Verhältnisse in Deutschland und der Organisationsgrad und Masseneinfluss der Spartakusgruppe sahen ganz anders aus.  


Inwieweit wurde beim Kapp-Putsch 1920  die Chance auf Einheit der Arbeiterbewegung und der Linken verspielt?


 
Die Chance auf Einheit gegen den Kapp-Putsch wurde nicht verspielt – jedenfalls nicht in Thüringen. Sie war die Antwort, die zum Scheitern des Putsches durch den Generalstreik führte. Klar war das keine parteipolitische Einheit, sondern eine im Handeln. Sie hat die tieferliegenden Unterschiede – schaffen wir nun den Kapitalismus ab oder nicht unbedingt? – zugedeckt, war aber wichtig und notwendig zur Abwehr der Reaktion. 


Inwieweit existiert die von 1918/19 herrührende Spaltung der Arbeiterbewegung noch heute?


Nach mehreren Epochenumbrüchen haben sich die Gesellschaft und die Selbsterfahrung der Menschen ungeachtet der nach wie vor bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsgrundlagen so stark verändert, dass man vom Bestehen einer Arbeiterbewegung schon lange – ich würde sagen, spätestens seit den 1950er Jahren – nicht mehr sprechen kann. Freilich gibt es heute noch verschiedene politische Kräfte, die sich von ihren Wurzeln oder in ihren Zielen zum Teil auf die Arbeiterbewegung beziehen, und die, wenn sie es ernst damit meinen, zur Erreichung dieser Ziele zusammenarbeiten sollten.                                    

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