Wir leben in einer Zeit, in der gute Musik, vielleicht sogar noch mit intelligenten, humorvollen und sozialkritischen Texten aus den Charts komplett verschwunden ist. Die Realität heute heißt Justin Bieber und Lady Gaga. Gibt es denn gar keine gute Musik mehr? Doch! Einer, der schon seit mehr als zehn Jahren richtig gute Musik, jenseits von Viva, Mtv und all den kunstzerstörenden Kommerzinteressen macht, ist der Liedermacher Götz Widmann. Vor mehr als zehn Jahren begann er nach einem abgeschlossen BWL-Studium – einen Job in der Branche wollte er nie bekleiden – gemeinsam mit Martin „Kleinti“ Simon eigene Lieder zu schreiben und mit der Gitarre zu begleiten. Sie nannten sich Joint Venture und ihre Lieder haben heute Kultstatus. Nach dem tragischen Tode von Simon machte Götz Widmann als Solist weiter – ehrlich, witzig, ein Philosoph des Alltags, der die Sprache des einfachen Mannes – oder Frau – spricht.
Wenn man sich Deine Lieder anhört, wird man Dich schnell links verorten? Wie siehst Du das, was heißt für Dich links?
Ich sehe mich gar nicht als besonders politischen Liedermacher. Wenn ich eine Ausrichtung habe, dann ist das vielleicht eher linksromantisch. Ich sehe ja, in welchen Verhältnissen wir leben und das wir sehr weit davon weg sind, linke Träume verwirklichen zu können. In meinem Hirn spuken die schon herum, aber ich muss mit einer Realität umgehen, die völlig anders ist. Ich glaube nicht, dass die Marktradikalen Recht haben, man muss schon irgendwie regulierend eingreifen. Trotzdem bin ich kein Linker im klassischen Sinne, der an ein kommunistisches System glaubt. Was mich antreibt, ist das Ziel ein gutes Lied zu schreiben und das darf dann auch mal politisch sein.
In dem neuen Lied „Proletarier sucht Frau“ schwingen schon größere Sympathien für ein System jenseits des Kapitalismus mit. Gleichzeitig kritisierst Du aber auch in Liedern wie „Idealist“ die Heuchelei auf linker Seite ...
Naja, „Proletarier sucht Frau“ ist ja eher eine Satire. Vor allem kritisiere ich die Eindimensionalität. Die Welt ist wesentlich komplexer als in irgendwelchen herrschenden Lehren beschworen wird. Das Kommunistische Manifest habe ich neulich mal gelesen und fand die extreme Radikalität eher gruselig. Mir ist so etwas immer fremd, weil das Denken schnell viel zu starr wird und eine menschenfeindliche Haltung einnehmen kann.
Trotzdem gab es von Joint Venture damals das „Streikpostenlied“ ...
Da ging es aber ganz konkret um Bildungspolitik. Das hat DIE LINKE (zu dieser Zeit noch PDS Anmerkung d. Red.) damals auch aufgegriffen, was mir sympathisch ist. Genau wie ihr Einsatz für die Legalisierung von Cannabis. Vermutlich würden sie es in einer Regierung auch am ehesten durchsetzen, die anderen reden ja immer nur davon, so lange sie noch im Jugendflügel ihrer Partei sind. Leider hat DIE LINKE aber auch viele Schattenseiten.
In dem Lied Che Guevara singst Du, Du wärst gerne ein Revolutionär. Ist ein Musiker von deinem Charakter nicht immer ein Revolutionär?
Naja, vielleicht eher ab und zu mal ein Rebell. In dem Lied ist das auch ein bisschen ironisch gemeint. Es geht vor allem darum zu zeigen, wie pervers es ist, ausgerechnet an einer Nachttankstelle des Shell-Konzerns, der früher die Militärregimes in Mittel- und Südamerika unterstützt hat, ein Feuerzeug mit dem Chefoto zu finden. Es zeigt die extremen Abgründe unserer Gesellschaft und dass man bei den Konzernen nicht das kleinste bisschen Moral erwarten darf. Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben.
Illusionen hatten früher auch die 68er und die Hippies, die dachten, sie können mit der Macht der Musik die Welt verbessern. Wie schätzt Du die Möglichkeiten eines Musikers ein?
Mit Blumen kann man gegen Maschinengewehre nun mal nur in historischen Sondersituationen etwas ausrichten. In unserem System, in dem viele Leute außer ihrer eigenen Situation gar nichts verändern wollen, sieht das anders aus. Wenn irgendwelche Revolutionäre vor mir stehen und alles umschmeißen wollen, würde ich auch erst mal genau fragen, was sie überhaupt erreichen wollen. Ich liebe das Lied „Revolution“ von den Beatles, weil da mit eindimensionalen, revolutionären Konzepten aufgeräumt wird. John Lennon war das Idol der Hippie-Bewegung und hat in diesem Lied ganz klare Grenzen gezogen. Man kann nicht alles mit einfachen Parolen lösen. Die Leute nur zu manipulieren oder gar zur Gewalt aufrufen – das ist für mich immer ein Versuch, die Dummheit der Menschen zu irgendwelchen Zwecken auszunutzen.
Kann man draus schließen, dass Du Pazifist bist?
Sagen wir ein heimlicher Pazifist. Natürlich wäre es mir am liebsten, in Frieden Pazifist sein zu können. Die Realität ist aber anders und es kann Situationen im Leben geben, in denen man sich wehren muss. Ist Che Guevara ein Mörder oder ein Befreiungskämpfer? Da kann man genauso von zwei Seiten argumentieren.
Du bist viel in der Welt rumgekommen. Wie fällt Dein Urteil über Thüringen aus?
Ich mag Thüringen und die Thüringer sehr und komme immer wieder gerne. In den frühen Joint-Venture-Tagen hatten wir unsere ersten Konzerte in Ostdeutschland in Thüringen. Ich hatte damit eigentlich zum ersten Mal überhaupt so richtig Kontakt mit Menschen, die in der DDR aufgewachsen waren. Das war alles irgendwie anders – angenehmen anders. Uns hat gefallen, dass die Menschen im Osten besser zugehört haben. Seitdem verbinde ich mit Städten wie Jena und Erfurt tiefe Sympathie. Heute hat sich vieles angeglichen, aber ich habe den Eindruck, dass hier die Texte und Inhalte immer noch eine größere Rolle spielen, während im Westen doch eher der Party-Faktor im Vordergrund steht. Es gibt schon eine andere Liedermacherkultur. Im Westen war die mal fast ganz verschwunden, weil auch ein verdammter Markt daraus geworden war und die Glaubwürdigkeit dadurch extrem gelitten hatte. Im Osten gab es sie immer. Das liegt vielleicht dran, dass es in der DDR eine Zensur gab. Im Westen gab und gibt es sie auch, aber da ist es mehr die Zensur der Ignoranz: was den Werbekunden missfallen könnte, wird von den Medien freiwillig weggeschnitten. Im Osten wurde es von oben verboten. Aber dafür konnte man mit feinen Worten Dinge zur Sprache bringen, die die Zensoren nicht bemerkt haben. Auf so einem Boden wächst eine Liedkultur natürlich besser.
Vielleicht können sich die Parteien nach der nächsten Landtagswahl wieder nicht auf den Ministerpräsidenten einigen. Wäre das ein Job für Dich?
Früher habe ich immer gesagt, mit 50 gehe ich für zwei Legislaturperioden in den Bundestag, dann habe ich wenigsten meine Rente sicher (lacht). Vermutlich könnte ich das aber nicht wegen der ganzen Klüngelei und dem Machtgehabe. Da muss man ja einen Stiernacken haben, um die Schläge der Feinde aushalten zu können. Den Marsch durch die Institutionen haben schon viele versucht, aber am Ende haben die Institutionen meistens eher die Leute verändert als umgekehrt. Wenn Menschen an die Macht kommen, die man sympathisch findet, bauen die am Ende doch immer den größten Mist. Den Abgang möchte ich mir dann doch lieber ersparen.
Thomas Holzmann