8. Mai 2018

Plakative Solidarität mit Israel

Torsun, aka Thorsten Burkhardt, ist Gründer und Frontmann der Punkband Egotronic. Foto: Andreas Hornoff

 

 

Woher kommt der klassische Egotronic Sound, der an alte Atari und Nintendo Spiele erinnert?


Ich war Commodore 64 Spieler. Anfänglich war das bei Egotronic ein Dogma. Es durften nur alte C 64 und Low-fi-sounds verwendet werden. Jetzt ist das aber nicht mehr so.


Punk-Musik war immer schon simpel, aber nicht jeder kann sich eine Gitarre leisten. Macht das den Elektropunk zur egalitärsten Musikform, weil jedes selbst auf uralten Computern Beats erstellen kann?


Das kann man schon sagen. Dass man es mit dem Computer machen kann, anfangs auch mit kostenlosen Programmen, macht die Sache sehr günstig. Mit minimalsten finanziellen Aufwand wurde es möglich, gute Produktionen zu machen. Man kann es auch Demokratisierung von Musik machen nennen. Es wurde für eine breitere Gruppe von Menschen machbar, während mit einer Band in ein Tonstudio zu gehen, wahnsinnig viel Geld kostet – selbst bei einer Punkplatte.


Egotronic ist sicher für viele andere Electro-Musiker ein großes Vorbild?


 Wir waren schon mit die Ersten, die so etwas gemacht haben, aber vor uns gab es Mikron 64. Den habe ich damals vergöttert. Der war schon sehr poppig. Ich habe das ganze etwas punkiger gemacht. Die politischen Texte waren dann schon ein Unterschied zu dem er poppigem Flügel.  

 

Wie politisch ist denn Punk heute eigentlich noch?

Eigentlich ist er nicht mehr so politisch. Mittlerweile wird ja jeder, der seine Gitarre ein bisschen verzerrt schon Punk genannt. Ganz am Anfang hatte der Punk etwas massiv destruktives. Es war auch ein Gegenpol zu dem ganzen Hippikram. Das waren viele Arbeiterklasse-Kids, die gesehen haben uns wird es nicht gut gehen und wir werden wohl auch nicht alt werden. Da war eine No-Future-Attitüde dabei. Das war schon auch politisch. Als ich in den späten Achtzigern politisiert wurde, war Punk für mich immer  anirassistisch und antikapitalistisch. Auch, wenn ich heute Punk mache, dann will ich diesen Teil dabei haben. Feine Sahne Fishfilet macht das ja auch. 


Egotronic ist für manche ein Sprachrohr der Antideutschen. Versuche bitte mal antideutsch zu definieren!


Am Anfang waren wir eine klassisch antideutsche Band. Jetzt sagen Leute aus dem antideutschen Spektrum, wir sind Bewegungslinke. Während die Bewegungslinke uns immer noch als Antideutsche sieht. Wir sitzen da ein bisschen zwischen den Stühlen, was ich aber gar nicht so schlecht finde. Der antideutsche Flügel, die Leute haben sich immer geweigert, sich Bewegung zu nennen, kam vor allem aus der Wertkritik. Soviel zu Marx. Antideutsche waren schon Kommunisten. Dazu kommt plakativ und offensiv die Solidarität mit Israel. Das führte dann auch zu Konflikten, die bis heute anhalten. 


Praktisch bedeutete dies, dass sich in Berlin Antideutsche und Antiimps auf der Straße geprügelt haben ...  


Antiimps sagen, Israel wäre der Brückenkopf des Kapitalismus im Nahen Osten. Die Antideutschen haben immer gesagt, Israel ist der Schutzraum der Juden, die die Verfolgung in Europa überlebt haben. Sie brauchten einen Raum, wo sie sich selber verteidigen können. Für Antideutsche ist Israel auch eine Konsequenz aus dem Antisemitismus in Europa gewesen und ist es bis heute. Wenn man sich anschaut, wie weit Antisemitismus noch immer grassiert, hat man da auch Recht behalten.


Antisemitismus äußert sich in Erfurt zum Beispiel dadurch, wenn beim Fußball z.B. lautstark „Juden Jena“ gebrüllt wird ... 


Das ist echt krass. Ich erinnere mich aber auch noch an die Zeiten, als es das besetzte Haus noch gab. Da war die Linke in Erfurt schon sehr weit vorn dabei. Ich habe das besetzte Haus geliebt  und wir haben sehr oft dort gespielt. Man muss den Besetzern außerdem zugute halten: Ohne sie gäbe es die Gedenkstätte nicht. Ich erinnere mich noch an die allererste Party. Da wurde von Anfang an thematisiert, dass dort die Brennöfen für Auschwitz hergestellt wurden. Es gab auch Rundgänge bei denen alles über die Geschichte des Geländes erzählt wurde.


Gut, dass Erfurt auch mal in positiver Erinnerung bleibt. Die nach Dresden größten Naziaufmärsche von Höcke und Co. sind die andere Seite. Wie wäre es denn mal mit einem Lied gegen Höcke?


Mit unserer neuen Platte haben wir ja sowieso einen kompletten Rundumschlag gemacht. Sie ist schon sehr böse und plakativ. Deswegen heißt sie auch keine Argumente, weil viele Beleidigungen darauf sind. Und auf dem Cover ist, in abgeänderter Form Höcke  wie er da steht und sich einen abheilt. Bei ihm braucht man sich keine Illusionen zu machen, dass er ein Nazi mit klassischem völkischen Geblubber ist. Und dieser Flügel hat sich in der AfD durchgesetzt. Das ist wirklich gefährlich. Es ist ein Wahnsinn, wie die es geschafft haben, den ganzen Diskurs nach rechts zu verschieben. Die CSU oder auch die Sachsen-CDU gratuliert jetzt ihrem Freund Orban, einem Antisemiten und Rassisten.  Das spricht Bände.


Antisemitismus gibt es auch in anderen Parteien ... 


Die SPD ist sowieso die Partei, die ich am meisten hasse. Bei der AfD braucht man ja nicht zu diskutieren. Die SPD hasse ich persönlich seit dem ersten Asylkompromiss von 1992. Das war die erste Asylgesetz-Verschärfung. Die SPD hätte die Macht gehabt, das zu verhindern. Nur mit ihren Stimmen hat es überhaupt geklappt, dass das durchgewunken wurde. Man kann sie auch wegen früher hassen, aber da war ich live dabei, als man sehen konnte, dass sie im Zweifelsfall wirklich jede Schweinerei mitmacht. Die SPD ist die Partei, die den ersten Angriffskrieg der Bundesrepublik möglich gemacht hat und die Partei der schärfsten Sozialleistungskürzungen. Es gibt unendlich viele Gründe, die SPD zu hassen, nur Nazis sind sie nicht unbedingt.

 
Du machst Musik in erster Linie, damit Leute tanzen und feiern können. Was kann Kunst, die eine politische Aussage hat, generell bewirken? 


Feine Sahne Fischfilet zeigt schon, dass man auch was reißen kann. Die haben Kampagnen gemacht wie „noch nicht komplett im Arsch“, bei der sie über die Dörfer gefahren sind.  Da war zumindest mal ganz kurz die Hegemonie auf der Straße eine andere. Was man machen kann und was ich ja auch immer versuche ist, dass man den Leuten mit Punkrock etwas mit gibt. Aber das passiert in erster Linie nur, weil ich über etwas singe, das mich selber bewegt.

 
Inwieweit kann durch Egotronic, Feine Sahne Fischfilet oder KIZ ein Gegengewicht zum rechten Mainstream a la Freiwild und Onkelz geschaffen werden?


Das finde ich extrem wichtig. Aber ich mach mir keine Illusionen, dass es arg viel bringt. Es gab das auch direkt nach dem Mauerfall. Da haben Hamburger Bands versucht, durch den Osten zu tingeln. Die wollten der rechten Hegemonie, gerade in den Käffern, etwas entgegensetzen: Wir haben die geilere Musik, die geileren Klamotten. Aber das hat nicht richtig funktioniert. Trotzdem ist es gerade jetzt total wichtig, dass sich Künstler politisch äußern, denn zum Teil kommt es auf jede Stimme an, die sich erhebt. Aber ich glaube nicht, dass man damit die Welt verändert.


Deswegen hat man ja auch das Gefühl, dass man direkt auf die nächste große Krise, den nächsten großen Krieg zusteuert.


Wenn der Nationalismus in Europa so weiter wächst, und das sieht ganz danach aus, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch wieder innereuropäisch kracht. Ich glaube, dass wir das noch erleben werden. 


Andererseits könnte es doch gerade durch die schnelllebigen Zeiten sehr kurzfristig wieder in eine ganz andere, positive Richtung gehen? 


Wenn ich so etwas wie Feine Sahne Fischfilet sehe, dann hilft mir das, zumindest kurzfristig die Dinge wieder positiv zu sehen. Ansonsten muss ich zugeben, dass ich mittlerweile ziemlich desillusioniert bin. Es passiert genau das, was ich in meiner Musik oder in den Interviews schon seit Jahr und Tag sage. Ich habe die Pogromwellen der frühen Neunziger erlebt und bin dadurch Antifaschist geworden. Ich habe immer gesagt, es braucht nur die Fünkchen, damit es wieder kracht. In den letzten Jahren konnte man sehen wie schnell das geht und wie viele Länder jetzt kippen. Oder was in Deutschland alles umgesetzt wird, zum Beispiel in Bayern das neue Polizeiaufgabengesetz. Mit demokratischen Mitteln hat das alles nichts mehr zu tun. Die Polizei ist mittlerweile definitiv einfach gleicher als gleich. Du als normaler Mensch bist dem vollkommen ausgeliefert. Vorher hatte man wenigstens mit ein bisschen Glück noch die Chance vor Gericht. Aber jetzt musst du ja nur niesen, wenn ein Bulle neben dir steht und schon sagen sie: Du hast sie attackiert. Dann drohen sofort Minimum sechs Monate Knast. Im Fall Bayern kann man nur hoffen, dass das Verfassungsgericht dagegen schießt. Man muss sich vorstellen, was die Polizei alles darf: Zum Beispiel den Inhalt einer E-Mail verändern. Wahnsinn!


In Thüringen und bei euch in Berlin regiert immerhin Rot-Rot-Grün. Hast du den Eindruck, dass wenigstens dadurch etwas besser wird?


Katharina König hat mal einige Sachen aufgezählt, die schon anders sind. Das ist auch wirklich so. In Berlin wird  versucht, wirklich viel für die Kultur zu machen. Man merkt in Nuancen schon den Unterschied, ob Schwarz-Gelb oder Rot-Rot-Grün dran ist. Aber das gelobte Land ist es dadurch auch nicht geworden.


Gibt es denn keine Perspektive mehr, keine neuen Ideen, damit tatsächlich mal nachhaltig irgendetwas besser wird?


Ich kann da nicht mit einer guten Idee kommen wie es zukünftig besser werden wird. Alle Kämpfe, die wir im Moment führen, sind nur Abwehrkämpfe. Das muss man auch so benennen. Es gibt kaum die Möglichkeit, etwas zu entwickeln, was darüber wieder hinausgeht. Ob Flüchtlingshilfe oder Antifaschismus, man ist immer irgendwie in einer Passivität. Wir sind leider nicht in der Position zu sagen: Kommt, wir machen das soundso. In dieser Position sind leider momentan die Rechten. 


Aber irgendeine Hoffnung, dass die Hegemonie der Rechten durchbrochen wird, muss es doch noch geben?


Total! Logisch! Wenn ich sämtliche Hoffnung hätte schleifen lassen, dann wäre ich jetzt schon nicht mehr hier.  Ich wünsche mir, dass die jungen Leute endlich kapieren, dass Rassismus und Antisemitismus der falsche Weg ist.  

 

 

Thomas Holzmann