3. Juli 2018

Permanent zu wenig Personal

Marlen Klette hat Gesundheit und Pflegewissenschaften studiert und arbeitet seit 14 Jahren als Bereichsleiterin Pflege bei der Volkssolidarität in Erfurt.

Pflegenotstand oder Pflegekatas- trophe, es gibt viele Superlative mit denen die Situation beschrieben wird. Wie stellt es sich aus ihrer Sicht dar?

  
Ich kenne seit 14 Jahren die Situation nicht anders. Wir arbeiten permanent mit viel zu wenig Personal, weil der Nachwuchs nicht vorhanden ist und es eine Berufsgruppe ist, die sehr viele Menschen schon im Vorhinein für sich ausschließen. Die Leute können kein Blut sehen, nicht mit Gerüchen umgehen oder wollen nicht sehen, wie sie selbst vielleicht einmal enden könnten. 


Wie geht die Volkssolidarität mit dem Problem um?  


Wir als Träger beschäftigen uns schon lange mit dem Thema Personal-Akquise. Auf der einen Seite versuchen wir, intern das Personal weiter zu qualifizieren und auf der anderen, die Ausbildung von jungen Menschen zu forcieren. Das reicht aber nicht und so bleibt nur noch, Fachkräfte und Azubis aus dem Ausland zu gewinnen.


Oft hört man, die Hauptprobleme seien zu niedrige Gehälter und schlechte Arbeitsbedingungen.  


Wir sind ein tarifgebundenes Unternehmen und zahlen ordentlich. Mit dem Zeitdruck, der in den Medien immer thematisiert wird, gehe ich nicht so ganz mit. Klar müssen unsere Pflegekräfte auf die Uhr schauen. Aber vieles hängt von der Cleverness des jeweiligen Mitarbeiters ab. Er muss genau wissen, wie das Leistungskomplexsystem im SGB XI aussieht und was man dem Patienten noch empfehlen kann, damit er die Zeit, die er benötigt, auch bekommen kann. Privat kann jeder Patient natürlich alles bekommen. 


Da zeigt sich wieder die Zwei-Klassen-Versorgung.   


Das ist zum Teil richtig, da das Geld eigentlich im System vorhanden ist. Leider zählen zu viele Menschen das Pflegegeld zu ihrem Lebensunterhalt dazu. Was dem Gesetzgeber natürlich preiswerter kommt, als eine professionelle Pflege. Im Moment haben wir noch die Rentnergenration, die vielfach ausreichend Geld hat. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern, wenn die Menschen in Rente gehen, die z. B. in der Wendezeit und danach länger  arbeitslos waren. Neben dem Grundpflegebereich, welchen wir in den Entgeltverhandlungen selbst in der Hand haben, haben wir auch noch die Behandlungspflege, sprich den Bereich SGB V. Dort gibt es bundeseinheitliche Richtlinien zur vom Arzt verordneten häuslichen Krankenpflege: Katheterwechsel, Verbandswechsel usw. Die Preise dafür verhandelt unser Dachverband. Wir als tarifgebundenes Unternehmen erhalten bisher für diese Leistungen deutlich zu wenig Geld von den Krankenkassen.


Was passiert mit dem Geld, was unter dem Strich bleibt?

 
Ich weiß nicht genau, was andere Träger machen. Bei uns bleibt das Geld im Unternehmen. Das Geld wird investiert, zum Beispiel in Werbung. Wir brauchen auch Rücklagen für die Tarifsteigerungen, welche im Zeitraum der laufenden Vergütungsvereinbarung ausgehandelt werden. Aktuell sind das immerhin 3 Prozent. Das Gesetz sagt: Gewinn und Verlust verbleiben beim Träger. Deswegen benötigen wir Rücklagen. Das gilt im Übrigen auch für das notwendige Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland. Auch das kostet Geld.

 
 Es muss doch  Möglichkeiten geben, den Beruf attraktiver zu gestalten? 


Über das, was darüber in den Zeitungen dazu geschrieben wird, ärgere ich mich. Zum Beispiel lese ich immer wieder, der Bruttolohn für Pflegekräfte beträgt in Thüringen 1.700 Euro. Das ist nicht richtig. Bei der Volkssolidarität geht es bei knapp 2.400 Euro (zzgl. Zulagen und Zuschlägen) für eine Fachkraft, als Berufsanfänger, los. Mittlerweile verdient man in der Pflege nicht mehr zu wenig. Pflege attraktiv zu machen geht nur, indem wir die Arbeit interessant machen. Allerdings wissen wir bald nicht mehr, was wir noch besser machen sollen. Wir haben generell eine niedrige Fluktuation beim Personal und das zeigt, dass die Bedingungen stimmen. Wir haben schon vor Jahren geschaut, welche Autos sind für unsere Mitarbeiter am sinnvollsten und wie können wir die Strukturen so gestalten, dass die eigentliche Pflegearbeit möglichst leicht fällt. Wir stellen die Arbeitskleidung. Wir bezahlen im Fachkraftbereich sogar die Kinderbetreuungskosten. Was sollen wir sonst noch machen? Die Pflege können wir nicht attraktiver gestalten. Wenn immer mehr Krebserkrankungen auftreten, wenn ältere Menschen einsam und krank sind, dann ist das etwas Trauriges und das können wir nicht anders darstellen. Wir müssen aber genau schauen, welches Bild in den Medien dargestellt wird und wie die tatsächliche Praxis ist. Was natürlich nicht schön ist, wenn wir Patienten nicht aufnehmen können, weil wir das Personal nicht haben.  


Das heißt, wer auf dem Lande lebt und zum Pflegefall wird, kann Pech haben und es kommt niemand?


Die Kostenträger haben einen Sicherstellungsauftrag für ihre Versicherten. Sie sorgen dafür, dass es genügend Pflegedienste, Pflegeheime usw. gibt. In der Praxis funktioniert das momentan so nicht mehr. D. h., dass Patienten abgelehnt werden müssen. Das sind die Auswirkungen des Personalmangels. Und den haben wir nicht nur im Pflegefachkraftbereich, sondern sogar im Pflegehilfskraftbereich.  


Was ist der Unterschied zwischen Pflegefachkraft und Pflegehilfskraft?


 
Pflegefachkräfte haben eine dreijährige Ausbildung mit Examen. Die dürfen alle Leistungen im vollen Umfang durchführen. Alten- oder auch Krankenpflegehilfskräfte haben eine einjährige Ausbildung. Die dürfen zum Beispiel keinen Katheter legen und keine Medikamente stellen. Dann gibt es noch die Berufsgruppe des angelernten Personals. Das sind gute Leute, die sehr engagiert sind, jedoch weniger Leistungen ausführen dürfen. Meine Erfahrung ist aber, dass gerade auch diese Mitarbeitenden ihre Arbeit hervorragend machen. Aber selbst in diesem Bereich fehlt es.  2016 haben wir gesagt, wir müssen Fachkräfte aus dem Ausland akquirieren.
 
Wie läuft das ab? 


Wir haben uns auf den Westbalkan, vor allem  Serbien, spezialisiert. Das ist ein sehr aufwändiges Verfahren und es wird jedes Jahr mehr erschwert, statt vereinfacht. Alle politisch Verantwortlichen sagen, sie haben verstanden, dass es Fachkräftemangel gibt, aber es werden die Bedingungen zur Anwerbung aus dem Ausland nicht erleichtert. Die Fachkräfte können sich aus dem Ausland bewerben. Wir laden sie zur Hospitation ein und sie schauen sich an, ob sie sich ein Leben in Deutschland vorstellen können. Wenn wir es geschafft haben, dass die Bewerber zu uns kommen, beginnt das ganze Antragsverfahren. Im Moment dauert das zwischen sieben und zwölf Monaten. Das kann doch nicht wahr sein! Selbst einen Termin bei der deutschen Botschaft in Belgrad zu bekommen, dauert mehrere Monate. Das Anerkennungsverfahren kann aus dem Ausland bereits angestoßen werden und liegt dann in den Händen des Landesverwaltungsamtes. Auch dies dauert zu lang. Wenn sie dann in Deutschland ankommen, werden sie zunächst als Pflegehilfskraft angestellt, solange ihr Beruf noch nicht anerkannt ist. Den Beruf des Altenpflegers gibt es nur in Deutschland. Das bedeutet, da immer im Herkunftsberuf anerkannt wird, dass der neugewonnene Mitarbeiter seine Anerkennungszeit als Krankenpfleger, im Krankenhaus absolvieren muss. Wir bezahlen in dieser Zeit das volle Gehalt und haben nichts von dem Mitarbeiter. Dieses Anerkennungssystem ist nicht mehr zeitgemäß. Wir haben 2016 extra eine Integrationsbeauftragte eingestellt. Diese macht den ganzen Tag nichts anderes, als sich um private Dinge unserer neuen ausländischen Mitarbeiter zu kümmern und ihnen ein Stück Heimatgefühl zu geben. Wir leisten uns das, weil es gar nicht mehr anders geht.   

 

Und warum reden Politiker nur über das Geld und nicht über das Anerkennungsverfahren?
 

Das Anerkennungsverfahren ist Ländersache. Unsere Auszubildenden bekommen im ersten Lehrjahr 900 Euro. Es bewirbt sich trotzdem kaum jemand. Es geht also nicht um mehr Geld oder einen Branchentarifvertrag. Das Hauptproblem ist, das der Nachwuchs nicht da ist. Und es gibt auch noch hunderte andere Betriebe in Thüringen, die auch Nachwuchs benötigen. Deshalb gehen wir in die Schulen und stellen den Beruf vor. Die Pflege ist aber genauso wie die Stadtwirtschaft oder der Restaurantbetrieb nicht der Traumberuf.  


Bei der Stadtwirtschaft wird es bald volle Automatisierung geben. Dagegen scheint der Pflegeroboter eine sehr gruselige Vorstellung zu sein.  


Aus ethischer Sicht sind Pflegeroboter für mich völlig undenkbar. Wir haben so viele Patienten, die keine Angehörigen mehr haben. Da geht es auch um das „einfach nur da sein“. Diese Menschen warten den ganzen Tag, damit mal eine Person da ist, mit der sie sich unterhalten können. Unsere Mitarbeiter sind für viele Patienten die engsten Vertrauten überhaupt. Das kann ein Roboter niemals ersetzen. Statt solcher Science-Fiction würde ich mir lieber wünschen, dass der Zugang zu den Schulen für uns vereinfacht wird, um auch für die Pflegeberufe Chancengleichheit mit allen anderen Tätigkeitsangeboten herzustellen.


Das heißt konkret?  


Den Pflegeberuf vorstellen. Wenn wir die Schulen anschreiben, bekommen wir in der Regel keine Antwort. Ohne Beziehungen über den normalen Antragsweg, ist es ganz schwierig, in den Klassen den Beruf vorzustellen. Was wir brauchen, sind Projektwochen oder besser ein Wahlpflichtfach Pflege. Mit Technik setzt sich heutzutage jeder Jugendliche selbst auseinander, das muss man nicht unbedingt noch im Unterricht erklären. Man könnte auch eine bestimmte Anzahl von Pflichtstunden in der Schule einführen, in denen man in einen sozialen Beruf hineinschnuppert. Dort sehen sie dann, was die Pflege von kranken und auch alten Menschen wirklich bedeutet, nämlich ganz viel Selbstverwirklichung, Anerkennung, aber auch ganz viel Dank und Freude vom Patienten. Das sollte doch für ein langes Arbeitsleben etwas sehr Ansprechendes sein.  

th