12. August 2014

Das Bildungssystem steht vor einer Wende

Christian Schaft studiert Kommunikationsforschung an der Uni Erfurt. Seit 2012 ist er Sprecher der Konferenz Thüringer Studierendenschaften. Der 23-jährige tritt als Kandidat des Jugendverbandes [‘solid] auf Platz vier der Landesliste an und wird voraussichtlich jüngster Abgeordneter im nächsten Landtag sein.

Sie sind 2006 zur LINKEN gekommen, weil Schüler politischen Entscheidungen ausgeliefert waren. Hat sich seit dem etwas verbessert?

 

Im Prinzip gibt es heute noch die gleichen Widerstände gegen eine bessere Beteiligung von Schüler*innen und Studierenden. Ich war in den letzten drei Jahren in der Studierenden-Vertretung aktiv und stelle immer noch fest, dass sie oft nicht ernst genommen werden, ihnen die inhaltliche wie fachliche Kompetenz abgesprochen wird und sie von vielen zentralen Entscheidungsprozessen – so wie auch der  akademische Mittelbau – ausgeschlossen werden. Es gibt zwar Gremien, wie Schulsprecher*innen oder den Studierendenrat (StuRa), aber das hat oft nur den Charakter einer formellen Beteiligungskultur. 

 

Das heißt: Gremien wie Schulsprecher oder der StuRa erfüllen nur eine Alibi-Funktion für diese formelle Beteiligungskultur?

 

 Vertreter*innen der CDU oder auch des RCDS (Ring-Christlich-Demokratischer-Studenten) werfen  den Studierenden oft  vor, sie würden ein Mitspracherecht verlangen, für das sie, aufgrund der geringen Wahlbeteiligung von 10 bis 25 Prozent bei den Stura-Wahlen, keine ausreichende Legitimation haben. Sie sollten erstmal bei sich anfangen, heißt es dann. Das Problem ist aber, weil es in der Regel  nur diese formelle Beteiligungskultur gibt, haben viele das Gefühl, der StuRa, AstA oder auch die  Schulsprecher*innen können nicht viel ausrichten. Das ist oft Grund, warum die Leute nicht wählen gehen. 

 

DIE LINKE strebt im Politikfeld Bildung eine Reihe von Reformen an. Inwieweit kann das Ziel vom längeren gemeinsamen Lernen mit der Demokratisierung von Schule und Hochschule kombiniert werden?

 

Ich denke, das längere gemeinsame Lernen ist sicherlich ein Punkt, der bei vielen Schüler*innen anklang findet. Vielen wird erst spät bewusst, dass sie die Entscheidung, auf welche Schule sie nach der vierten Klasse gehen wollen, gar nicht bewusst getroffen haben. Ebenso können dadurch Effekte reduziert werden, dass vor allem Kinder sozial und/oder finanziell benachteiligter Familien durch die frühe Trennung nach Klasse vier auch beim Bildungsweg benachteiligt werden. Darüber hinaus gibt es an den Hochschulen den Wunsch nach mehr Mitbestimmung, aber durch den Bologna-Prozess, mit dem strikt durchstrukturierten Bachelor- und Mastersystem, ist der Leistungsdruck oft so hoch, dass viele ihre Zeit nicht mehr für ein Ehrenamt „opfern“ wollen, denn sich in der Studierendenvertretung zu engagieren heißt dann oft auch, den Bachelor oder Master nicht in Regelstudienzeit zu schaffen, was u. a. mit finanziellen Nachteilen einher gehen kann. 

 

Inwieweit taugt das Politikfeld Bildung – Lehrermangel, extremer Stress bei Schülern und Lehrern, Unterrichtsausfall, längeres gemeinsames Lernen usw. – als mobilisierendes Wahlkampfthema? 

 

Es wird ein großes Thema sein, selbst CDU und FDP setzen darauf. Gründe dafür gibt es viele. Der Landesrechnungshof hat unter anderem gerade den Unterrichtsausfall an Thüringer Schulen überprüft und kommt – anders als die Landesregierung (3-4 Prozent Ausfall) – auf 12 Prozent Unterrichtsausfall. Auch die Proteste der Studierenden und der Hochschulbeschäftigten im letzten Jahr haben gezeigt, wie wichtig das Thema ist und dass nach 25 Jahren CDU-Herrschaft in Thüringen das Bildungssystem vor einer Wende steht. Zentrale Frage ist: Geht es nur noch um reine Effizienz oder soll ein humanistisches und emanzipatorisches Bildungsideal die Grundlage von Bildung sein? Nicht dabei vergessen dürfen wir die Auszubildenden. Hier müssen wir uns beispielsweise die Frage stellen: Warum können Schüler*innen und Studierende vergünstigt den Weg zum Ausbildungsort wahrnehmen, während es noch immer kein Azubi-Ticket gibt?  

 

Es gab einige sehr beeindruckende Studierenden-Proteste in Thüringen in den letzten Jahren. Hat das zu ernsthaften Veränderungen geführt?

 

Zu gravierenden Veränderungen sicherlich nicht, aber die Proteste waren und sind notwendig, um das Thema überhaupt auf die Agenda zu setzen und zwar so, dass darüber politisch diskutiert wird. Davor wurde das Thema Bildung oft von anderen sicherlich auch wichtigen Debatten wie um die Verwaltungsreform überlagert. Aber im Bereich Bildung brennt es ebenso an allen Ecken. Für die Landtagswahl stellt sich wie schon erwähnt die Frage: Wollen wir ein Bildungssystem in Thüringen, das nur auf Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichtet ist oder soll es mit einem Politikwechsel ermöglicht werden, die Interessen und Fähigkeiten der einzelnen Menschen und die Persönlichkeitsentwicklung in den Vordergrund zu stellen? 

 

Mit „Campus Thüringen“ hat DIE LINKE Reformkonzepte in der Schublade. Dort wird eine Kooperation von Hochschulstandorten thematisiert. Die CDU polemisiert: DIE LINKE will Hochschulen schließen …

 

Man sollte das Gutachten „Campus Thüringen“ nicht mit der Parteiprogrammatik verwechseln. Im Landtagswahlprogramm steht ganz klar, dass alle Thüringer Hochschulstandorte erhalten werden sollen. Die Kooperation zwischen den Hochschulen ist eine ganz andere Frage, diese Frage sollte das Gutachten jenseits des Wahlprogramms beantworten. Nicht umsonst haben wir von der LAG Wissenschaft & Hochschule im Nachgang eine Campus-Tour gemacht und mit den Leuten über die Inhalte des Gutachtens geredet. Dabei hat sich gezeigt, dass an den Hochschulen ganz anders als auf dem politischen Parkett diskutiert wird. In Nordhausen hatten wir ein Gespräch mit dem Rektor und der fand einige Ideen aus dem Gutachten interessant. So z. B. die Überführung der Vewaltungsfachhochschule Gotha vom Innenministerium in den Bereich des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur durch die Angliederung an die FH Nordhausen oder die Zusammenführung des Hochschulraumes Harz. Insofern sollte man weniger darauf hören, was CDU und SPD polemisch vor sich hinschimpfen, sondern Kontakt mit den Betroffenen suchen, so wie wir es mit der Campus-Tour getan haben.  

 

Wie beurteilen Sie die Politisierung der Studierenden mit Blick auf Einmischung und Protest?  

 

Studierende sind in der Regel drei bis vier Jahre an einer Hochschule, dann gibt es einen Wechsel. Das erklärt die Wellen an Protesten, die alle paar Jahre aufkommen, ein wenig. In Jena haben politische Hochschulgruppen sicher eine andere Bedeutung als in Erfurt. Potential ist aber überall vorhanden. Auch in Erfurt gibt es eine linke  Hochschulgruppe, die das Thema Bildungsstreik aufgreifen will. Das sind noch kleine Strukturen, aber unter der Oberfläche gärt es kräftig. Es kommt nicht nur auf Proteste an, sondern darauf, vor Ort kontinuierlich zu arbeiten und klar zu machen, dass die Menschen seit der Schule in einem Verwertungssystem stecken, welches sie in ihrer freien Entwicklung massiv einengt. 

 

Wo wollen Sie, jenseits Ihrer bildungspolitischen Expertise, die Arbeit der zukünftigen Landtagsfraktion als junger Mensch bereichern?

 

Ich gehe da nicht blauäugig ran und sage, dass ich die ganze Fraktion umkrempeln werde. Aber ich will versuchen, meine Akzente auch im Sinne des parteinahen Jugendverbandes ['solid] zu setzen. Dazu gehört natürlich auch die Frage der Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in allen Lebensbereichen. Es gibt in Thüringen hier und da einen Jugend- oder Kinderbeirat, aber das ist auch wieder nur so eine formelle Beteiligungskultur: Ihr dürft euch mal treffen und über jugendpolitische Probleme reden, doch am Ende entscheiden andere. Genau das schafft Politiker*innen- und Institutionenverdrossenheit. Ich will mich so z.B. dafür einsetzen, dass Vertreter*innen der Jugendbeiräte ein Mitspracherecht in den Kommunalparlamenten bekommen. Dazu kommt – und da gibt es bei LINKEN, SPD und Grünen eine große Übereinstimmung – das Wahlalter ab 16 einzuführen. Die Jugendlichen haben mit 16 Jahren das Recht Bier zu trinken, den Führerschein zu machen oder freiwillig den Wehrdienst zu leisten, aber dürfen nicht am demokratischen Protest teilnehmen, das ist nicht hinnehmbar. 

 

Sie stehen als Vertreter des Jugendverbandes auf Platz vier der Landesliste. Wie sehen Sie Ihre  Kontrollfunktion als Abgeordneter, insbesondere wenn es zu einer von der LINKEN geführten Regierung kommt?

 

Auch der Jugendverband hat sich auf einem Landesjugendtreffen intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Kati Grund und ich, die ein Stück weit den Jugendverband ja repräsentieren, sehen uns – im Falle einer Regierungsbeteiligung – sozusagen ein bisschen vielleicht auch als innerparteiliche  „Opposition“. Außerdem wollen wir die Verknüpfung zu den verschiedenen außerparlamentarischen Bewegungen erhalten und ausbauen. Diese kritische Begleitung der eigenen Arbeit muss eine LINKE Regierung, die den Anspruch auf eine emanzipatorische Politik erhebt, aushalten können und auch leben.

            

Thomas Holzmann