26. August 2014

Bleibe im Land und wehre Dich täglich

• geboren am 16. Februar 1956 in Osterholz-Scharmbeck

So genannte Spitzenpolitiker, erst recht, wenn sie  für wichtige Ämter kandidieren, werden oft als perfekt hingestellt. Besonders in Wahlkämpfen tritt der Mensch, der auch immer seine Schwächen hat, in den Hintergrund. Zu den Schwächen von Bodo Ramelow gehört die Legasthenie. Mag Ramelow Probleme beim Schreiben haben, so gibt es vermutlich in der ganzen Thüringer Politik keinen besseren Redner und schon gar keinen besseren Zuhörer! „Hauptsache Mensch“ ist immer ein Motto der LINKEN gewesen, dass sicher auch Bodo Ramelow teilt. 

Wer regelmäßig UNZ ließt, kennt schon die Konzepte zur Energiewende, Verwaltungsreform oder zum längeren gemeinsamen Lernen – Reformen, die ein Ministerpräsident Bodo Ramelow ab Herbst gerne als „Chefsache“ mit anschieben würde. Aber was ist eigentlich mit dem Menschen Bodo Ramelow und seiner ganz persönlichen Sicht auf die Dinge? 

 

Wollten Sie eigentlich schon immer Politiker werden oder gab es in ihrem Leben noch andere Träume?

 

Mein Wunschberuf? Ich wollte nach der kaufmännischen Lehre und dem Abschluss der Fachoberschule unbedingt Weinbauer werden und ein Studium zum Weinbau-Ingenieur absolvieren. Das war sogar mehr als ein Wunschberuf – es war ein Lebenstraum. Schon beim Traktorfahren während eines vorgeschalteten Praktikums ist aber schnell klar geworden, dass meine Wirbelsäule nicht mitmachen würde. Neben neuen Erfahrungen hat mir das auch eine  Zeit in einem Ganzkörperkorsett eingebracht …

 

Für viele Akademiker und erst Recht für viele Berufspolitiker ist der Umgang mit Sprache auch in Schriftform essentiell. Wie gehen Sie mit ihrer Legasthenie um? 

 

Legasthenie ist nichts was vorüber geht, sondern sie ist dauerhaft. Es gibt verschiedene Formen und bei mir betrifft sie nur das Schreiben, insbesondere bei Diktaten, wenn ich schnell aufschreiben musste, was jemand anderes sagt. Wenn ich Zeit habe zum Schreiben, dann weiß ich in der Regel auch, wie die Wörter geschrieben werden. Und Lesen konnte ich schon immer gut. Für meine Deutsch-Note in der Schule hieß das, dass es am Ende meistens auf eine Vier hinauslief. Für das Lesen bekam ich eine Eins, bei den Aufsätzen kam ich mit Kreativität und relativ wenigen Fehlern auf eine Drei und für die Diktate hagelte es eigentlich meistens Sechsen. Die Legasthenie wurde leider erst sehr spät erkannt. Lange galt ich in der Schule als faul – was mir zu Hause zusätzlichen Stress eingebracht hat.

 

Stress kann sich schnell auch in Wut und Aggression verwandeln ...

 

Sie meinen, ob ich aufbrausend bin? Es ist zumindest so, dass ich weder phlegmatisch noch schüchtern bin. Ich streite engagiert um die Sache und in der Regel bringt das die Prozesse auch voran. Frau Taubert hat ja in einem Interview davon gesprochen, dass ich 2009 Türe knallend aus den Sondierungsgesprächen gegangen sei. Es gab damals tatsächlich einen Moment, an dem ich gesagt habe, hier ist erstmal Schluss, aber Türen wurden dabei nicht geknallt. Das ging auch gar nicht, weil wir in einem Raum mit einer Schiebetür saßen. Und ich finde auch heute noch, dass es nicht verwerflich ist, Gespräche zu beenden, die festgefahren sind. Das ist besser als sich schlecht gelaunt anzuschweigen. Das war auch so, als mich Herr Fleischhauer vom SPIEGEL interviewt hat.

 

Das hört sich schon fast nach biblischer Weisheit an. Warum sind Sie eigentlich als stets bekennender Christ aus der Kirche ausgetreten?

 

Ich bin damals aus der Amtskirche ausgetreten, nicht aus dem christlichen Glauben – auf diesen Unterschied lege ich großen Wert. Hier in Erfurt habe ich auch den Weg zurück in die Kirche gefunden.

 

Und wie standen Sie als junger Mensch generell den politischen Parteien gegenüber?

 

Ich wollte nie Mitglied einer Partei sein. Als Gewerkschafter konnte man in die SPD gehen oder in die SPD oder in die SPD (lacht). Einzige Alternative war die CDA, der „Arbeitnehmerflügel“ der CDU, die damals noch echte Bedeutung hatte – im Übrigen vertritt heute auch der CDA-Flügel in der Thüringer CDU gute Positionen, von denen die ganze CDU profitieren könnte. Es ist wohl schon eine Besonderheit Marburgs, dass es verhältnismäßig viele bekannte DKP-Mitglieder gab, von denen ich mit einigen gut befreundet war. Ich fand und finde das auch nicht schlimm. Es gab in Westdeutschland einen massiven Antikommunismus, wann immer jemand sich als DKP-Mitglied oder Sympathisant zu erkennen gab, hieß es: „Was? DKP? Dann mach doch rüber!“ So etwas ärgerte mich.

 

Dieser Antikommunismus manifestierte sich doch jahrelang anhand der Überwachung Ihrer Person durch den Verfassungsschutz!

 

Der politische und juristische Kampf gegen diese  besondere „Fürsorge“ des Geheimdienstes Verfassungsschutz hat viel Kraft gekostet. Er lässt sich durch die Zahlen 30, 15 und 10 charakterisieren: 30 Jahre geheimdienstliche Bespitzelung und 15 Verfahren in einem zehn Jahre andauernden Rechtsstreit. Erst das Bundesverfassungsgericht hat gestoppt, dass über mich eine „Personenakte“ geführt wurde – dass man mich, im Klartext ausgedrückt, als Abgeordneten bespitzelt hat.

 

Man fragt sich, wer hier nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, wo immerhin Sätze wie „Eigentum verpflichtet“ drin  stehen. Da werden bei Ihnen doch sicher Erinnerungen wach? 

 

Natürlich kann ich mich an diese Worte erinnern: „Bis hierher und nicht weiter“ – das war die Überschrift der „Erfurter Erklärung“ von 1997! Eingeleitet wurde sie mit einem Grundgesetzartikel: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Die „Erfurter Erklärung“ hat seinerzeit vor allem bei der CDU bis nach ganz oben für viel Nervosität geführt. Helmut Kohl persönlich hat sich dazu geäußert. Erstmals wurde von Vertretern aus der Kultur, Kirchen, der Wissenschaft und aus Gewerkschaften ein breites Reformbündnis von SPD, Grünen und der damaligen PDS öffentlich gefordert – mit dem ausdrücklichen Ziel eines Regierungswechsels. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht nur zu den Erstunterzeichnern gehörte, sondern dieses wichtige Bündnis koordiniert habe.

 

Wenn der Ministerpräsident bald Bodo Ramelow heißt, darf dann eigentlich ihr Hund mit in die Staatskanzlei?

 

Die Frage, ob Attila mit in die Staatskanzlei darf, habe ich frühzeitig geklärt. Sie wurde als „Sonderdrucksache 5/1“ im Landtag behandelt. Er darf – wenn auch nur mit einer Ausnahmegenehmigung.

 

Haben Sie so etwas wie ein Lebensmotto?

 

Drum bleibe im Land und wehre Dich täglich!

 

th