18. Juni 2014

Das System bricht bald zusammen

Uwe Steimle ist Kabarettist und Schauspieler aus Dresden.

Synapsieren, politisieren und es mit der Wahrheit probieren

 

Zum Glück gibt es noch viele gute Kabarettisten in Deutschland, die sich im Gegensatz zur Mehrheit in diesem Land trauen, die Wahrheit zu sagen. Den ganz großen dieses Genres, wie Urban Priol, Georg Schramm oder Volker Pispers, gelingt fast immer die perfekte Symbiose aus guter Unterhaltung, Aufklärung und dem Versuch, die Leute zum Selber-Denken anzuregen. 

Uwe Steimle, der Volker Pispers, Georg Schramm und Georg Polt als  Vorbilder benennt, gehört ohne Zweifel mit diesen Namen zur Championsleague des Kabaretts. Doch Uwe Steimle ist nicht nur Kabarettist, sondern auch als Schauspieler aus der Krimi-Reihe „Polizeiruf 110“ bekannt. Andere wiederum kennen den Dresdner vor allem wegen seiner Parodien auf Erich Honecker. Schon das zeigt die Vielschichtigkeit dieses hochtalentierten und dennoch bescheidenen Menschens. In seiner Jugend war er Leistungssportler und  Industrieschmied im Freitahler Stahlwerk. Später studierte er an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und kam 1989  zum  Dresdner Kabarett „Herkuleskeule“. 

Bei der Wende war er dabei, aber  behauptet nicht, der große Revolutionär gewesen zu sein, und schon gar nicht tritt er alles von damals „in die Tonne“. Dabei erlebte er die Schattenseiten der DDR. In seiner Kaderakte las er über seine NVA-Zeit: Soldat Steimle ist im Ernstfall sofort zu internieren. Er ist in der Lage ganze Kompanien auf seine Seite zu ziehen. Wer seine Auftritte, wie am 4. Juni im Köstritzer Spiegelzelt erlebte, kann sich das mühelos vorstellen. 

Zum DDR-Bürger ist Steimle nach eigener Aussage erst durch die Bundesrepublik geworden. Seine Sicht auf die Dinge kommt bei vielen gut an, bei manchen aber auch weniger. Dabei sagen selbst seine Kollegen Schramm und Priol, die ihn um Hilfe bei „Neues aus der Anstalt“ baten: „Hätten ihr nur noch zwei, drei Jahre durchgehalten, wir waren doch kurz davor den Kohl abzuschießen.“ Kein Witz, das ist ernst gemeint! 

Witzig allerdings ist Uwe Steimle durchaus, und nicht umsonst ist der Grimmepreisträger Ehrenmitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache. Auf seine unnachahmliche Art nutzt er den sächsichen Dialekt um zu zuspitzen, zu polemisieren oder um mit Schocklachern, die im Halse stecken bleiben, zum Nachdenken anzuregen. Dabei kreiert er neue Worte wie „synapsieren“, das eigentlich sofort in den nächsten Duden aufgenommen werden müsste. Doch am wichtigsten – und das unterscheidet Uwe Steimle von den „Nasen mit den Phrasen“ in der „inszenierten Mediendemokratie“: Er ruft dazu auf, es mit der Wahrheit zu probieren!

 

 

Wenn man dem, was in ihrem Programm gesagt wird lauscht, drängt sich die Frage auf: Ob das Kabarett der einzige Ort ist, wo man noch ungestraft die Wahrheit sagen kann?

 

Ich weiß gar nicht, was die Wahrheit ist, aber das Kabarett ist auf jeden Fall ein Ort, wo man laut denken darf. Bertolt Brecht hat ja nicht umsonst gesagt: Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse. Ich versuche natürlich, den geschützten Raum Kabarett genau dafür zu nutzen. Das Schönste ist für mich immer, wenn ich feststelle, dass ich mit meinen Fragen Leute erreiche, die ähnlich denken und das gibt dann wieder Trost. Für Vieles, was wir tagespolitisch erleben habe ich oft schon gar keine Worte, wie dafür, dass der Generalbundesanwalt beim Abhörskandal gegen Unbekannt ermittelt. Aber wir müssen gelassen bleiben, denn das System bricht so oder so bald zusammen. Das geht nicht mehr lange gut und das wissen die auch.   

 

Die Frage ist: Was kommt danach?

 

Ich wünsche mir eine wirklich bürgerliche Gesellschaft.  

 

Eine Gesellschaft von mündigen Bürgern?

 

Ja, mündig! Es gab doch schon mal den Ansatz: Der, der am meisten Ahnung hat, wird Bürgermeister. Der ist der Meister Bürger, wird vom Volk bestimmt und muss es dann auch machen, weil er weiß, wie der Laden geführt wird und weil er den Kontakt zur Basis hat, ohne Ansehen der Person. Ich würde auch eine Wahlpflicht einführen, wie z. B. in Belgien, damit hinterher niemand sagen kann: Wir haben das ja nicht gewusst. Über die Hälfte hat bei der letzten Wahl gar nicht gewählt. Was ist das für eine merkwürdige Demokratie? Es muss doch nur noch so aussehen als ob. Wir leben in einer inszenierten Mediendemokratie. Und wer das Maul ein Stück zu weit aufmacht, der ist schnell weg vom Fenster. Den treffen sie höchstens noch im Spiegelzelt. Da kann ich froh sein. Ich halte nichts von Verschwörungstheorien, aber … Nein, ohne aber, Punkt! Dass ich im Fernsehen nicht mehr die Präsenz habe, ist im Endeffekt auch gut so. Jetzt kann ich wieder das sagen und die Fragen stellen, die ich so nicht stellen könnte, wenn ich noch in diesem Fernsehsystem wäre. Mann muss sich als Kabarettist doch fragen, was man falsch gemacht hat, wenn man im Fernsehen auftritt.  

 

Aber sind nicht gerade Auftritte bei „Der Anstalt“ im ZDF eine Adelung für jeden Kabarettisten? 

 

Absolut! „Die Anstalt“ ist eine rühmliche Ausnahme, das Feigenblatt des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Was die machen ist ganz groß.  

 

Gerade bei „Der Anstalt“ geht es ja nicht nur um’s Lachen, sondern auch um’s Denken. Heutige Generationen nennen denken oft nur Kopfkino.

 

Kopfkino kenne ich nur, wenn einen Leute manipulieren wollen, wenn man gar nicht weiß, was ist eigentlich Gut und Böse.  Als Kompass dafür sind die zehn Gebote gut. Ich rede jetzt nicht von der Kirche als Institution, sondern von den zehn Geboten als eine Art Geländer, an das man sich selber hält. 

 

Sie sagen auch, der Glaube hilft Ihnen. Ist Glaube als Gegenteil von Wissen nicht der falsche Begriff, für das was Sie hier meinen?

 

Nein. Was Jesus gemacht hat, die Geldwechsler und Phillister vom Tempelberg zu vertreiben,  das sind Tatsachen. Was dann andere daraus gemacht haben, hat damit nichts zu tun.  Gegen Ungerechtigkeit aufzutreten, daran glaube ich schon, dass das ein Ziel ist. Ich sage das immer wieder ganz klar, dass ich vor den Leuten die Hochachtung habe, die wirklich die Arbeit machen. Aber wir haben ja im Fernsehen immer nur die selben Phrasen und die selben Nasen. Das ist doch alles grauselig.  

 

Diese „Nasen“ versauen mit ihren ewig gleichen Phrasen doch die deutsche Sprache derart, dass viele die Wahrheit nicht mehr sehen können

 

Ja, das wird sogar ganz systematisch gemacht. 

 

Kann das Kabarett da einen Beitrag leisten, etwas dagegen zu tun?

 

Das leistet es doch. Auch ich leiste  jeden Abend vor mehreren hundert Leuten, Gott sei Dank, etwas dafür. Ich glaube, das ist nicht sinnlos. Das ist etwas, was mir bei der Linken fehlt. Die meinen immer die Welt, aber um die Ecke, da ist es dann nicht ganz so und das stört mich.  

 

Was genau heißt für Sie Heimat?

 

Heimat ist für mich die deutsche Sprache, ohne die könnte ich nicht leben. Heimat ist für mich Brot, es gibt für mich kein besseres auf der Welt als deutsches Brot. Heimat ist für mich zu Hause mein Garten, meine Familie. Wenn ich ganz großes Glück habe, dann bin ich mir sogar selber Heimat. Heute Abend war das so ein Moment. (gemeint ist sein Aufritt im „Köstritzer Spiegelzelt“ in Weimar am 4. Juni, die Red.)

 

In wieweit hat Heimat auch etwas mit der DDR zu tun, die auf positive wie negative Art und Weise, eine gewisse Einzigartigkeit hatte?

 

Ich sage es immer wieder: Wir waren die Guten, die Besseren. Dass die Sache so diffamiert, so in den Dreck getreten wird, ist furchtbar. Dem Sieger würde es gut anstehen, wenn er die Sachen, die gut waren, auch als solche benennen würde. Die DDR ist nun seit 25 Jahren platt, aber sie ist nicht weg. Wenn das alles so blöde und scheiße gewesen wäre, dann müsste man doch nicht immer wieder draufhauen. Genau das mache ich den neuen Machthabern zum Vorwurf, dass sie noch auf jemanden, der schon am Boden liegt, herumtrampeln. Das ist unanständig. Das machen nur blöde Leute.  


Ist das nicht ein Grundprinzip des Kapitalismus, während die da oben alles hinterhergeworfen bekommen?

 

Ich weiß nicht, ob das der Kapitalismus ist. Das gab es auch in der DDR.  Ich sage immer: Es ändern sich die Systeme, aber nicht die Menschen. Wer damals anständig war, ist es heute und wer früher blöd war, der ist es auch heute. Demokratie ist ein ganz schmaler Grad, und die wird jeden Tag, leider Gottes, scheibchenweise abgehobelt.  Deswegen ist es für mich ja nur noch eine inszenierte Mediendemokratie. 

 

Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/8/artikel/das-system-bricht-bald-zusammen/