13. Januar 2015

Eine andere Form der Geschichtsschreibung

Bernd Fischerauer (* 11.3.1943) ist Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor. Mit der vom Bayrischen Rundfunk produzierten Film-Reihe vom „Reich zur Republik“ ist ihm und seinem Team eine bisher noch nicht gesehene Form der Geschichtsdarstellung gelungen, die „unterhaltend belehrt“. Der gebürtige Grazer lebt mit seiner Frau in München. Foto: Bayrischer Rundfunk / Ralf Wilschewski 22316-1-04.

 

Unterhaltend belehren

 

 

Sie interessieren sich für Geschichte und haben die ewig gleiche Leier und die nicht enden wollenden Wiederholungen knoppscher Einseitigkeit satt? Sie wollen sehen wie Marx persönlich Wilhelm Liebknecht das kommunistische Manifest erklärt? Oder wie Rosa Luxemburg den Genossen Ebert und Scheidenmann im SPD-Vorstand die Leviten liest? Dann sind bei der vom Bayrischen Rundfunk produzierten Reihe „Vom Reich zur Republik“  richtig.

In Form von insgesamt zehn Spielfilmen mit historischen Figuren, teils auch mit fiktiven Charakteren, wird die deutsche Geschichte von der Reichsgründung 1871 bis zum Verfassungskonvent von Herrenchiemsee 1948 erzählt.   

Ob Julikrise 1914, Kriegsende und Spartakusaufstand 1918/19, Kapp- und Hitler-Putsch oder die Machtergreifung der Nazis: In allen Filmen gelang es dem Team um Regisseur Bernd Fischerauer Geschichte so erfrischend lebendig zu erzählen, dass die Motivation deutlich steigt, sich mit den Ursachen des 1. Weltkriegs oder den Hintergründen der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch fanatisch-rechtsextreme Freikorps im Januar 1919 zu beschäftigen. Im Film Gewaltfrieden wird das Telefongespräch, bei dem Gustav Noske (SPD) Hauptmann Waldemar Pabst den Freibrief zur Ermordung („sie müssen selber verantworten, was zu tun ist) gab, dargestellt 

Während auf den Straßen im Winter 1918/19 das Blut von Aufständischen in Strömen floss, weil SPD und alte Eliten gemeinsame Sache machten, pulsierte in Berlin das Nachtleben. Dort traf sich die revolutionäre Kunst- und Kulturszene. Dank Charakteren wie dem „roten Grafen“ Harry Kessler, Johannes R. Becher, den Herzfelde-Brüdern oder dem dadaistischen Maler Georg Grosz gelingt der Spagat zwischen Bildung und Unterhaltung. 

Auch durch  fiktive Figuren wie die Familie Wölke aus Berlin, deren Söhne in Krieg und Revolution sterben, wird Geschichte lebendig und regt zum Nachdenken an, ohne die Zuschauer zu bevormunden. 

Gewürzt wird das Ganze gelegentlich mit einer Prise Humor. Wenn August Bebel den Genossen bei einer SPD-Versammlung vorschlägt, dem Spitzel der preußischen Geheimpolizei  eine Fettbemme und Bier zu spendieren, damit er Bismarck tüchtig berichten kann, darf auch bei einem so ernsten Thema herzhaft gelacht werden. Denn, wenn der Zuschauer sich langweilt, wird er sich kaum mit Geschichte beschäftigen. Doch das Thema ist zu wichtig, um es allein Politikern und Professoren zu überlassen.  

 

 

Wie kam es zu der Idee, deutsche Geschichte in Form von unterhaltsamen Spielfilmen, aber gleichzeitig anhand historischer Quellen zu drehen?

 

Wir haben diese Filme gemacht, damit es mal eine andere Form von Geschichtsschreibung gibt als immer nur die Knoppsche. Nach einer sehr gründlichen Recherche, die vielen der angeblichen Dokumentationen fehlt, haben wir uns dazu entschlossen, die Geschichte in Form von Fernsehspielen zu erzählen, auch um einen emotionalen Anknüpfungspunkt zu finden.

 

Heißt das, Sie sind mit der üblichen Geschichtsaufarbeitung in Film und Fernsehen nicht zu frieden?

 

Wir haben uns vor allem darum bemüht, keine Meinung zu haben. Zeitzeugen erinnern sich immer nur an das, an was sie sich erinnern wollen, können oder dürfen. In der Nachkriegsgeschichte war es so, dass viele Menschen aus verschiedensten Gründen ihre Vergangenheit verschwiegen und verdrängt haben. Die kommen bei diesen so genannten Dokumentationen zu Wort. Ein Gesamtbild eröffnet sich für den Zuschauer auf diesem Weg aber kaum. Egal ob es um politische oder philosophische Fragen geht, mir geht es darum, möglichst objektiv zu berichten und nicht bestimmten Menschen und deren Sichtweisen einen Vorzug zu geben.

 

Es geht sozusagen um Anregung zum Nachdenken statt Bevormundung? 

 

In 90 oder 180 Minuten ist es nicht möglich, alles darzustellen. Wir versuchen repräsentative Figuren heraus zu greifen, die für ein bestimmtes Spektrum stehen. Die können echt sein wie Politiker oder Künstler oder auch fiktiv. Mir geht es primär darum, Menschen sehr genau zu informieren. Wenn es gelingt, sie damit neugierig zu machen und sie anschließend mehr wissen wollen, dann freut mich das natürlich sehr. 

 

Wie schwer ist der Spagat zwischen Bildung und Unterhaltung? Bei Privatsendern nennt sich das Infotainment, wobei da eher Entertainment als Information ganz oben steht. 

 

Der Bayrische Rundfunk und generell das öffentlich-rechtliche Fernsehen haben einen Bildungs- und Informa-  tionsauftrag. Aber in allen Filmen, die ich gemacht habe, war immer auch ein Unterhaltungswert vorhanden. Wenn man dem Zuschauer ein Thema näher bringen will, darf man ihn nicht langweilen. Aber Infotainment überlasse ich lieber anderen.  

 

Schaut man ins Internet, liest man teils ätzende Kommentare aus der rechten Ecke, die sich über eine angeblich zu positive Darstellung linker  Kräfte echauffieren. Welches Feedback kommt bei Ihnen an?

 

Das ist eher positiv. Es gibt natürlich viele selbst ernannte Historiker, die behaupten, das alles ganz anders war.  Wir hatten einige fast unendliche Briefwechsel an deren Ende wir gesagt haben: Die haben ihre Meinung und wir haben unsere. Würden diese Leute nicht nur ihre Quellen, die wir natürlich auch verwendet haben, sondern auch unsere benutzen, hätten die wahrscheinlich einen anderen Standpunkt.

 

Gibt es Pläne, die Filmreihe fortzusetzen? 

 

Wir wollten ursprünglich 100 Jahre deutsche Geschichte erzählen, denn da gibt es noch sehr große Lücken.  Ich hätte gerne schon mit der Revolution von 1848 begonnen. Aber es sieht leider im Moment so aus, dass wir das Projekt nicht zu Ende bringen können, weil der Sender für so was angeblich kein Geld mehr hat. Der Bayrische Rundfunk war ohnehin der letzte, der dafür noch Geld aufgebracht hat. Es ist doch völlig verrückt, wenn sie überlegen, dass eine Serienproduktion, bei der ein paar Zeitzeugen zu Wort kommen, Komparsen Könige, Feldherren, Päpste und Politiker mimen oder als Soldaten durch den Schlamm stolpern und nur ein Sprecher erzählt, was das Publikum hören möchte, in der Zwischenzeit mehr kosten als die Filme, die wir mit erstklassigen Schauspielern und großem Aufwand produziert haben. 

 

Bei allem Lob für ihre Filme, muss man sagen, dass sie ohne gewisse historische Vorkenntnisse kaum zu verstehen sind. Kann man so überhaupt die breite Masse der Gesellschaft erreichen?

 

Wir waren uns immer bewusst, dass wir mit diesen Filmen keine Blockbuster produzieren. Der Zweiteiler „Gewaltfrieden“ hat, ohne Werbung und Vorankündigung, nachts von 23:00 Uhr bis 2:00 Uhr immerhin sechs Prozent Einschaltquote gehabt. Manch andere, wie zum Beispiel die Serie Kanzleramt (2005), haben das trotz massiver Werbung nicht geschafft. Das zeigt, dass der Zuschauer sehr wohl an Geschichte interessiert ist und wenn er sich gut unterhalten belehrt fühlt, sich auch gerne unterhaltend belehren lässt. Wir sind froh, dass die Filme an Schulen, Universitäten und sogar Kasernen gehen. Da erreichen wir viele Menschen, von denen die Einschaltquote gar nichts weiß. 

 

Im Zuge der Regierungsbildung in Thüringer wurde viel und kontrovers über DDR-Geschichte diskutiert. Wie wäre es denn mit einem Film dazu?

 

Es wäre allerhöchste Zeit so etwas zu machen. Vermutlich ist der Abstand da noch zu klein, etwas über die bisherigen Ost-West-Filme hinaus zu produzieren.  Aber vielleicht erlebe ich das ja noch und ich freue mich über jede Unterstützung, die ich dafür bekommen kann. 

 

Thomas Holzmann