23. September 2014

Wir müssen eine Willkommenskultur schaffen

Torsten Wolf war bislnag Vorsitzender der GEW. Der 47-Jährige ist Instandhaltungsmechaniker und studierte, nach dem Abi über den zweiten Bildungsweg, in Jena Politikwissenschaft, Wirtschaft und Geschichte.

In Jena haben Sie die CDU und auch starke Gegner wie Matschie oder Siegesmund hinter sich gelassen. Wo sehen Sie die Gründe für den Erfolg? 

 

Wer nicht kämpft, hat schon verloren – das war immer mein Motto. Für mich als Politikwissenschaftler lag es nahe, zunächst mal die Wählerinnen und Wähler zu analysieren. Wir wussten: Wir haben einen extrem jungen Wahlkreis (54 Prozent sind jünger als 45) und wir können nur gewinnen, wenn wir die ansprechen. Diese jungen Menschen konnten wir mit Themen wie Familie, Bildung oder Kitas erreichen, die mir persönlich sowieso gut liegen. Außerdem sind viele städtisch und intellek-tuell geprägt. Ich habe mir ein entsprechend junges Team zusammengestellt.  Aber auch die Unterstützung der Basisorganisationen war ganz toll. Am meisten hat mir genutzt, dass wir unsere inhaltliche Ausrichtung optimal mit meiner Person verbinden konnten. Gegen den Hauptkonkurrenten von der CDU habe ich das Thema „gute Arbeit“ ins Feld geführt. Wenn 37 Prozent der Thüringer unter 8,50 Euro verdienen, fühlen diese Menschen sich abgehangen. Mit den Themen „gute Bildung“ und „gute Arbeit“ konnte ich genauso punkten wie mit meinen Möglichkeiten, die ich als GEW-Vorsitzender habe.  Ich habe mein junges Team im Wahlkampf ganz schön „geschliffen“, aber dafür waren meine Veranstaltungen, auch zum Thema NSA, stets gut besucht. Auch mein originelles Wahlkampfvehikel, die TA nannte es „Ramelow-Rikscha“, hat viel Aufmerksamkeit erregt. 

 

Als GEW-Vorsitzender fordern Sie 585 neue Lehrer. Die Finanzierung erscheint realistisch, doch kann Thüringen überhaupt so viele Lehrer ausbilden oder anwerben? 

 

Das ist kompliziert, denn es hängt von dem Lehramt, ob Grund- oder Realschule, und von der Fachspezifik. Die  Landesregierung hinterlässt ein riesiges Problem: 11 Prozent aller Lehrerstellen, bei den Sonderpädagogen sogar 17 Prozent, wurden abgebaut – eine regelrechte Wüste.  Die Verantwortlichen einer möglichen rot-rot-grünen Regierung werden jede Unterstützung brauchen, um dieses Problem anzugehen. In den nächsten Jahren werden weiter 300 Sonderpädagogen den Dienst verlassen. Die können wir aus eigenen Kräften nicht ersetzen. Ähnlich sieht es bei den musisch-künstlerischen Fächern aus.  Wir können deshalb keine Unterrichtsgarantie geben, aber wir wollen den Unterrichtsausfall stoppen. Unterrichtsausfall ist hoch-gradig unsozial, denn Besser- verdienende können ihre Kinder zur Nachhilfe schicken. Die alleinerziehende Krankenschwester z. B. kann das nicht. Thüringen muss, nicht nur bei Lehrern, sondern bei allen Fachkräften, Personal aus anderen Bundesländern anziehen. Wir brauchen eine Willkommenskultur in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft. In den Betrieben werden in den nächsten zehn Jahren 25 Prozent der Beschäftigen in den Ruhestand gehen, zeitgleich haben wir 30 Prozent weniger berufsbildende Schüler. Deswegen brauchen wir den Politikwechsel mit Bodo Ramelow.

 

Im Vergleich zur Willkommenskultur dürfte das Ziel längeres gemeinsames Lernen leichter umzusetzen sein. 

 

Ja, aber schwieriger wird die Frage der Schulnetzplanung. Pädagogisch sinnvoller ist, die Gemeinschaftsschule als räumliche Zusammenführung zu denken. Thüringen hat Duzende kleine Grund- und Regelschulen, die nur schwer die einzelnen Klassenstufen abbilden können. Da ist die Regierung genauso wenig rangegangen wie an das Berufsschulnetz. Wir stellen uns einen Schul-Campus vor, wo alle Klassenstufen miteinander lernen und die Gemeinschaftsschule im Mittelpunkt steht. Die gymnasiale Oberstufe hat da eine Existenzberechtigung wie die Regelschulphase. Dazu kommt eine ent-  sprechende Infrastruktur: eine Bibliothek, gesundes Essen usw. 

 

Wenn man als GEW-Vorsitzender in den Landtag wechselt und vielleicht Teil der Regierungskoalition wird, wie verändert sich da die Perspektive?

 

Mein Amt als GEW-Vorsitzender  hat viel damit zu tun, wie wir auch regieren wollen: partizipativ und unter ständiger Einbeziehung der Basis. Ich weiß, dass ich mit meiner Arbeit bei der GEW, einen sehr guten Stand habe. Es gibt unter Rot-Rot-Grün genügend Möglichkeiten zu gestalten. Wir werden das pädagogisch völlig sinnlose Landeserziehungsgeld abschaffen. Das bringt 20 Millionen. Der Bund übernimmt die Bafög-Mittel des Landes. Das bringt weitere 42 Millionen. Kluge Bildungspolitik und Konsolidierung des Haushaltes lassen sich verbinden. Was nicht wieder passieren darf ist eine Bildungspolitik nach Kassenlage, so wie unter Schwarz-Rot.                                      

th 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/7/artikel/wir-muessen-eine-willkommenskultur-schaffen/