7. April 2015

Gegenseitiges Hintertreiben findet nicht statt

Ob im Landtag, dem Ministerium oder auf der Straße, wie hier beim Equal Pay Day am 20. März, Thüringens LINKE Sozialministerin Heike Werner ist immer mit vollem Einsatz dabei. So kennt man die 46-jährige auch in der linken Szene Leipzigs.

Heike wer? Diese Frage hat so mancher nach der Berufung von Heike Werner in das Kabinett von Bodo Ramelow gestellt. Schließlich war die gebürtige Berlinerin in Thüringen bestenfalls Insidern ein Begriff. An der Basis und in der Öffentlichkeit war die Ministerin noch ein unbeschriebenes Blatt. Wer ist die Frau, die das für DIE LINKE so wichtige Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie bekleidet?

 

Nach dem Abitur folgte ein Praktikum bei der FDJ und kurz darauf die Aufnahme des Studiengangs Marxismus-Leninismus. Und das kurz vor dem Ende der DDR! „Ich bin in Zwickau relativ abgeschirmt aufgewachsen. Meine Mutter war Pionierleiterin. Ich hatte keinen Zugang zu Leuten, die zu DDR-Zeiten widerständig gewesen sind. Ich war aber schon immer politisch aktiv. Das war mir wichtig, vor allem auch aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Ich wollte gerne in den Bereich Jugendklubs und Kulturarbeit gehen. Dann kam das Angebot, in der Sowjetunion Staatswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kultur und Jugend zu studieren. Das wollte ich und die Voraussetzung dafür war ein zweijähriges Praktikum.“

 

„Nichts mehr von oben aufoktroyiert“

 

Doch kam alles ganz anders und die Geschichte nahm den allseits bekannten Verlauf. Heike Werner musste feststellen, dass im real existierenden Sozialismus mehr im Argen lag, als sie das in ihrer behüteten Welt wahrnahm. „ In den Jugendklubs habe ich mit Leuten geredet, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten und ich fragte mich: Woher kommt das große Unbehagen der Menschen, das ich nicht gefühlt habe? Was läuft hier schief?“ Schief lief so einiges und der Kollaps, der dieser Schieflage folgte, ließ für einige ihre Welt zusammen brechen. Auch Heike Werner ist damals von den Ereignissen überrannt worden, zugleich brachte sie sich aktiv ein. In Leipzig, damals wie heute bekannt für eine große alternative Jugendszene, war sie Mitbegründerin der DDR-weiten Gruppe „Marxistische Jugendvereinigung Junge Linke“. Die Gruppe war  basisdemokratisch ausgerichtet und grenzte sich ganz bewusst von der FDJ ab. „Es sollte nichts mehr von oben aufoktroyiert werden“, war einer der Ansätze. Themen, die in der DDR oft tabu waren, wurden nun ganz offen diskutiert. 

 

Kurz danach war Werner Mitbegründerin des Studierendenrates der Uni Leipzig. Beim Studium merkte sie aber schnell, dass die Richtung „ML“ bzw. Philosophie nicht ihr Metier war und wechselte zur Erziehungswissenschaft und Soziologie. Einen Abschluss aber hat sie nie gemacht, was ihr heute in diversen Internet-Kommentaren schon mal zum Vorwurf gemacht wird. „Ich war im Erziehungsurlaub und habe mich parallel dazu noch in einigen politischen Projekten engagiert. Dann habe ich über die offene Liste für den Landtag kandidiert und als ich den Einzug schaffte, kam die Trennung vom Vater meiner beiden Kinder dazu. Ich pendelte zwischen Leipzig und Dresden und schaffte es nicht, alles ins Gleichgewicht zu bekommen. Da habe ich mich entschieden, die Arbeit zu machen, für die ich gewählt wurde und keinesfalls meine Kinder zu vernachlässigen.“ Später kam die Idee auf, Politikwissenschaft per Fernstudium zu belegen, aber Heike Werner ist offenbar ein sehr ehrlicher Mensch, auch zu sich selbst, und so musste sie erkennen, dass es so nicht funktionieren wird. Welche Entscheidung die Guttenbergs und Schawans dieser Welt an so einem Scheideweg wohl getroffen hätten … ? 

 

Von 1999 bis 2014 blieb Werner Abgeordnete im sächsischen Landtag, wo sie u. a. Vorsitzende des Sozialausschusses war. Wie das aber in der Politik so ist, schaffte sie überraschend im Herbst den Wiedereinzug nicht. Als in Thüringen kurz darauf nach fähigen Leuten, die ein Ministeramt bekleiden könnten, gesucht wurden, ging man auf Heike Werner zu. „Da kam mir meine 15-jährige Landtagserfahrung zu Gute, aber auch, dass ich viele wichtige Themen, wie Kitas, Bildungs-, Gleichstellungs-, und Sozialpolitik gemacht habe.“ Ebenfalls günstig erschien Werners außerparlamentarisches Engagement in Sachen Jugend- und Hochschule. Auch in der Leipziger Friedensbewegung war sie aktiv. „Wir haben Demos gemacht, Flugblätter gedruckt, Bildungsveranstaltungen durchgeführt und uns um Flüchtlinge gekümmert.“  Nicht selten reißen solche Kontakte ab, nicht so bei Heike Werner. Freudestrahlend verweist sie auf ein großes Bild, dass in ihrem Büro hängt. Verewigt ist dort ein Moment, der typisch ist, für den für seine bunte, links-alternative Szene berühmten Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort gab und gibt es viele Möglichkeiten, sich im gemütlich-konstruktiven Beisammensein mit politischen Fragen zu beschäftigen. Das damals von Heike Werner mitbegründete linXXnet ist dort heute noch ein wichtiger Netzwerkakteur.  „Uns war jeder willkommen, der sich für eine linke, emanzipatorische Politik einsetzt“, fasst Heike Werner den politischen Ansatz zusammen, der für sie auch heute noch gilt: „Es muss nicht jeder in der Partei sein.“  Diese generelle Offenheit hat sich DIE LINKE auch in Thüringen auf die Fahnen geschrieben und jetzt, da die Partei erstmals die führende Kraft einer Regierung ist, wächst die Erwartungshaltung entsprechend himmelhoch.

 

„Können nicht alles verändern“

 

„Wie sich die Leute in Thüringen für den Politikwechsel reingehangen haben, hat mich schon beeindruckt. Jetzt lerne ich die Genossinnen und Genossen in Thüringen näher kennen. Es gibt die nachvollziehbare Erwartung, dass sich die Menschen inhaltlich einbringen können und die Regierung stets gesprächsbereit ist“. Trotzdem hat der Tag nur 24 Stunden und selbst der engagierteste und fähigste Politiker wird es nie allen Recht machen können. „Wir können nicht von heute auf morgen alles ändern. Wir haben  begrenzte Ressourcen, nicht nur finanziell. Deswegen versuche ich immer zu vermitteln, was und warum wir etwas machen. Trotzdem werden Dinge auch mal schief gehen und wenn das passiert, dann hilft nur eins: Mit den Menschen darüber offen und auf Augenhöhe zu reden.“ 

 

Unzweifelhaft ist das ein vernünftiger Ansatz und doch gilt: Macht, mag sie auch noch gering sein, verändert Menschen. Das haben die Griechen schon vor über 2000 Jahren festgestellt. „Auf der Leitungsebene im Ministerium sind wir voll im Arbeitsstress und wir merken durchaus, dass wir regelmäßig schauen müssen, wie die Dinge gelaufen sind.“ Kritische Selbstreflexion steht bei Heike Werner also sehr wohl auf der Agenda. Das ist aber gar nicht so einfach, wenn ein Mensch plötzlich  vor TV-Kameras selbstbewusst Rede und Antwort stehen soll und sich – zumindest offiziell – eigentlich keine Fehler erlauben darf. Bis jetzt kann Heike Werner aber noch keine Veränderungen an sich feststellen und wenn, dann wäre es ihre Familie, die das am schnellsten mitkriegen und sie ebenso schnell wieder auf den Boden der Tatsachen holen würde.

 

Aus der Kommunalpolitik,  wo sie im Landkreis Leipzig als Fraktionsvorsitzende agierte, musste sie sich zurückziehen. Das war einfach nicht mehr machbar. Die Aufgaben im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie sind auch wahrlich groß genug:  Mindestlohn, Ärztemangel auf dem Land, Fachkräftemangel in der Pflege, Beschäftigungsförderung oder Barrierefreiheit, die Themenliste scheint schier unendlich.  Umso wichtiger wäre es, wenn die Regierung tatsächlich auf Augenhöhe und ohne Basta-Ansagen von oben agiert, so wie es immer propagiert wird. „In Sachsen ist die Atmosphäre in der Regierung immer durch ein gegenseitiges Belauern geprägt. Der kleine Koalitionspartner, die SPD, muss immer schauen, dass er nicht über den Tisch gezogen wird. Bei uns ist das wirklich anders! Wir wissen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Wir sind kulturell so nahe, dass wir gut miteinander können.  Ein gegenseitiges Hintertreiben findet nicht statt. Bei Haushaltsgesprächen ist das immer so ein Punkt, wo wir uns tief in die Augen schauen müssen und sich dann jeder auch mal selbst zurücknehmen muss. Ich würde nicht sagen, dass die ganze Zeit nur Eitel-Sonnenschein herrscht, aber es gelingt fair miteinander zu arbeiten.“        

 

Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/6/artikel/gegenseitiges-hintertreiben-findet-nicht-statt/