8. September 2015

„Ich will, dass die Menschen sich wohl- fühlen und etwas erleben können”

Torsten Blümel will die LINKE Tradition, die der parteilose Wolfgang Koenen 1998 in Artern begann fortsetzen. Seit 20 Jahren ist der Dipl.ing. oec. soz. Betriebswirtschaft Bau in der Kommunalpolitik aktiv. Als Wahlkreismitarbeiter bei Kersten Steinke, der Vorsitzenden des Bundestags-Petitionsausschusses, verfügt er über beste Kontakte von Bad Frankenhausen bis Berlin.

Zurzeit beherrscht das Thema Flüchtlinge und Asylpolitik die Medien und die öffentliche Debatte. Gibt es im Bürgermeisterwahlkampf überhaupt noch andere Themen? 


Im Wahlkampf geht es vor allem um Kommunalpolitik. Flüchtlingspolitik spielt gar keine so große Rolle. Das ist auch gut so, denn das Thema polarisiert sehr stark und würde sonst andere Themen überlagern. Wir haben in Artern einige Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung gestellt und wir wollen bis  Ende des Jahres noch Weitere bereitstellen. Ich bin froh, dass Artern, was die Menschen angeht, ein angenehmes Pflaster ist.

 
Die Flüchtlinge könnten einer Kommune wie Arten doch gelegen kommen. Schließlich schrumpft die Bevölkerung im ländlichen Raum ständig. Und sicher sind einige Flüchtlinge auch bereit, freiwillig bei Projekten mitzumachen. Zum Beispiel die LINKE Landrätin Michaele Sojka hat im Altenburger Land so etwas auf die Beine gestellt.

 
Im Landkreis gibt es schon solche Projekte. Zum Beispiel wurden im Ferienpark „Feuerkuppe“ Asylsuchende als Saisonkräfte gern genommen.  In einem kleinen Ort, der Artern mit seinen 5.700 Einwohnern ist, sieht es aber oft so aus, dass die meisten Menschen, bei denen der Asylantrag genehmigt wird, schnell in andere Städte gehen, wo ihre Verwandten und Bekannten schon leben.

  
Artern und die Region Kyffhäuser erschienen nach der Wende als eine Art „Armenhaus“ Thüringens. Der mdr hatte, auch um zu helfen, mal eine Doku-Soap „Artern – Stadt der Träume“ produziert. Ist es seitdem besser geworden?


1998 hatten wir eine Arbeitslosenquote von 32 Prozent. Nach inoffiziellen Zahlen war sogar fast jeder Zweite arbeitslos. Das hat sich deutlich gebessert.  Allerdings sind inzwischen auch viele Menschen abgewandert, allen voran gut ausgebildete, junge Frauen. Das wird zu demografischen Problemen führen. Zum Glück sind neue Arbeitsplätze entstanden. In Arten gab es  einen großen Maschinenbauer, die Kyffhäuserhütte. Bis zur Liquidation 1998 haben dort 2.000 Menschen gearbeitet. Mittlerweile sind immerhin wieder 800 neue Arbeitsplätze bei verschiedenen Firmen an diesem Standort entstanden.  Die LEG will eine weitere Fläche für Neuansiedlungen bereitstellen. Und wir sind zuversichtlich, dass das nahe Autobahndreieck Artern noch attraktiver macht. 


Inwieweit tragen erfolgreiche LINKE Kommunalpolitiker dazu bei, das Vorurteil von der angeblich unternehmerfeindlichen LINKEN, die nicht mit Geld umgehen könne, zu beseitigen?


Ein Bürgermeister kann keine Arbeitsplätze schaffen, sondern nur Rahmenbedingungen. Natürlich sind Kontakte zu Unternehmern auf Kreis- und Landesebene wichtig, wenn etwas voran gehen soll. Artern ist sicher ein Beispiel für eine gelungene LINKE Wirtschaftspolitik auf der Kommunalebene. Seit mein Vorgänger Wolfgang Koenen 1997 ins Amt kam ist die Arbeitslosigkeit sukzessive nach unten gegangen. Ich kenne kein einziges Unternehmen, das sich wegen einem linken Bürgermeister gegen einen Standort entscheiden würde.


Gerne überbieten sich Politiker mit Versprechen wie viele Arbeitsplätze sie schaffen wollen.  Was kann ein Bürgermeister wirklich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse tun?


Viele Kommunen, nicht nur in Thüringen, ächzen unter der Geldknappheit. Bei uns war die schlimmste Phase um das Jahr 2000.  Mit dem Wegfall des Kreisstadt-Status’ gab es zwar Geld, das in Schwimmbad und Straßenbau gesteckt wurde. Aber am Ende standen 30 Millionen Euro Schulden. An den letzten 10 Millionen knabbern wir heute noch. Im letzten Vermögenshaushalt, sprich das, was wir investieren können, waren 120.000 Euro vorgesehen. Das ist wenig und damit kommen wir nicht weit. Deshalb müssen wir jeden Euro, den wir ausgeben, dreimal umdrehen, damit er auch eine langfristige Wirkung entfalten kann. 

In den letzten Jahren gab es erstmals LINKE Landrätinnen. Dazu mit Katja Wolf die erste LINKE Oberbürgermeisterin. Ist das eine Trendwende oder sind das Einzelerfolge der jeweiligen Personen?


Auf der kommunalen Ebene spielt immer die Person und weniger das Parteibuch die entscheidende Rolle. Man muss die Menschen vor Ort kennen und mit ihnen reden. Darauf kommt es an.  Als Wolfgang Koenen gewählt wurde, gab es noch eine regelrechte antikommunistische Hysterie. Der damalige Ministerpräsident Vogel hatte gewarnt, ein linker Bürgermeister würde alles ruinieren. Aber nicht nur Wolfgang Koenen hat gezeigt, dass die Städte mit linken Bürgermeistern nicht in die Pleite gehen.  Ich denke schon, dass bei manchen ein Umdenken eingesetzt hat und sie jetzt wissen: Auch LINKE Bürgermeister können eine sehr gute Finanz- und Wirtschaftspolitik machen.

 
Welche persönlichen Stärken bringen Sie in den Bürgermeister-Wahlkampf ein?
Ich denke, dass den Menschen schon durch meine Arbeit im Stadtrat mein persönliches Engagement aufgefallen ist. Jetzt, im Wahlkampf, geht es mir vor allem um Kulturpolitik. Nach drei Jahren Pause haben wir erstmals wieder ein Osterfeuer organisiert. Von 5.700 Einwohnern kamen über 1.000  Das zeigt wie wichtig solche Feste für eine Kleinstadt sind. Auf unserer Freilichtbühne, die lange leer stand, haben wir im Sommer wieder angefangen, Kinovorführungen zu machen. Da waren gleich beim ersten Mal über 300 Gäste da. Gerade jetzt erst haben wir mit dem DGB zusammen ein Rockkonzert veranstaltet. Es geht nicht immer nur um Arbeitsplätze. Ich will, dass die Menschen sich wohlfühlen und dass sie in der Stadt etwas erleben können!

 
Solche Ansätze verfolgen auch die vielen Akteure der Soziokultur, die in den Großstädten immer zahlreicher werden. Gibt es so was in Artern?


Auch wir hatten mal einen selbstverwalteten Jugendtreff. Das Problem bei Städten unserer Größe ist aber, dass  junge Leute, die sich in dem Bereich engagieren, in der Regel spätestens nach der Lehre bzw. zum Studium weggehen.  Das ist im ländlichen Raum leider sehr oft so. Es werden immer mal gute Projekte gestartet, die dann einschlafen, weil die Menschen einfach nicht mehr da sind. In Erfurt oder Jena, wo es eine richtige Szene gibt, ist das viel einfacher. 

Umso wichtiger ist es, überregional zu kooperieren. Bei Artern würde sich Sangerhausen in Sachsen-Anhalt anbieten. 


Sangerhausen ist eine deutlich größere Kreisstadt und hat andere Interessen und Probleme.  Aber es gibt in der Tat einige Bereiche, in denen die Kooperation anläuft. Beispielsweise was den Tourismus angeht, arbeiten wir bereits mit Sangerhausen und der Harz-Region zusammen. 
Was würden sie Fremden empfehlen, sich in Artern und der Region auf jeden Fall anzusehen?

Auf jeden Fall den Unstrut-Rad-Wanderweg. Der ist hervorragend ausgebaut und stets gut besucht. Ich hätte das früher nicht für möglich gehalten, aber die Radtouristen fallen in der Stadt schon auf.  Kein Wunder, denn zum Kennenlernen der Region und ihrer reichhaltigen Geschichte wüsste ich auch absolut nichts Besseres.

 

Thomas Holzmann