28. Juli 2015

Ich frage nicht nach Parteibüchern

Dr. Birgit Klaubert ist Thüringer Ministerin für Bildung, Jugend und Sport. Zuvor war die Pädagogin aus Altenburg Vorsitzende der PDS-Landtagsfraktion und von 1999 bis 2014 Vizepräsidentin des Thüringer Landtages.

Rot-Rot-Grün hat das Landeserziehungsgeld abgeschafft. Jetzt hat das Bundesverfassungsgericht auch den Irrsinn Bundesbetreuungsgeld beendet. Das müsste Sie doch freuen?

 

Das sind aber zwei völlig verschiedene Ebenen. Was das Bundesbetreuungsgeld angeht, muss hier natürlich die Forderung aufgemacht werden, dass dieses Geld in die vorschulische Bildung gehen sollte. Das Landeserziehungsgeld ist eine andere Baustelle. Das hat Rot-Rot-Grün wie geplant abgeschafft. Aber, bis diesen Sommer konnten noch Anträge gestellt werden. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir im zweiten Halbjahr 2017 das Geld, was bisher an Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen geflossen ist, in das System der Kitas geben. Dazu gibt es in der Koalition manchmal unterschiedliche Vorstellungen. Für mich gilt der Koalitionsvertrag und in dem ist das beitragsfreie Kitajahr als Einstieg in die kostenfreie Vorschulbildung festgeschrieben. Es gibt bei den Koalitionsparteien die Vorstellung, das letzte Kitajahr beitragsfrei zu stellen, während die Landeselternvertretung lieber das erste Jahr nehmen würde. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass das beitragsfreie Jahr im Laufe des Jahres auf rechtlich saubere Füße kommen wird. Wenn dann noch Gelder dazu kommen, die bisher ins Bundesbetreuungsgeld geflossen sind, können wir überlegen, wie die qualitativen  Angebote im vorschulischen Bereich noch zu verbessern sind und wie wir die Eltern weiter entlasten  können.

 

Die Koalition hat außerdem versprochen, jedes Jahr 500 neue Lehrer einzustellen ...

 

Das Durchschnittsalter unserer Lehrerinnen und Lehrer in Thüringen liegt bei über 50 Jahren, von denen viele in den nächsten Jahren aus dem Dienst scheiden werden. Dazu kommen viele Langzeitkranke und Abordnungen für andere Aufgaben wie zum Beispiel Museumspädagogen, Kulturagenten, aber auch in Ämtern und Verwaltungen. Die sind in der Statistik, wie viele Schüler auf einen Lehrer kommen, schon mal außen vor. Deswegen haben wir die 500 neuen Lehrer pro Jahr vereinbart. Das hatten andere Regierungen zwar auch, aber dafür hat der Finanzminister kein Geld gegeben. Es sind noch zu viele Lehrer im System, lautete damals die Begründung.  Ich kann sagen: Die 500 neuen Lehrer pro Jahr schaffen wir.

 

Gibt es dafür überhaupt genug Bewerber oder gehen gerade die Jüngeren lieber nach Bayern, wo sie mehr Geld verdienen?

 

Es gibt sogar über 2.000 Menschen, die sich beworben haben. Meine Erfahrung ist, dass junge Leute gerne nach Thüringen kommen. Unser Ruf und unsere Attraktivität sind besser als manche denken. Ein Problem sind die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, wo es  weniger Bewerber gibt. Auch bei den Förderschulen könnten es mehr sein. Viele junge Lehrer wollen meist ans Gymnasium und in die Städte, aber wir brauchen auch Regelschulen auf dem Land. Insgesamt bin ich aber zuversichtlich. Zumal wir endlich zusätzlich zu den Neueinstellungen eine Vertretungsreserve von 100 Lehrern aufbauen konnten, um Unterrichtsausfall kompensieren zu können.

 

Warum hört man vom längeren gemeinsamen Lernen – immerhin etwas, das alle drei Parteien wollen – so wenig?

 

Es gibt die Thüringer Gemeinschaftsschule, die schon von der Vorgängerregierung im Gesetz verankert wurde. Gemeinschaftsschulen entstehen aber nicht „Top Down“, also nicht von oben verordnet, sondern immer von unten. Das heißt, vor Ort schließen sich Menschen, Lehrer und Eltern, die eine Gemeinschaftsschule wollen, zusammen. Es ist nicht damit getan, an einer Regelschule nur das Türschild zu wechseln. Hinter der Gemeinschaftsschule steckt ein Konzept, ein reformpädagogischer Ansatz und der heißt: längeres gemeinsames Lernen. Bei vielen Gymnasien hat das schon gut geklappt. Wir haben in Thüringen viele hervorragende und profilierte Grundschulen, wo die Neigung, Gemeinschaftsschulen in Kooperation mit Regelschulen und der gymnasialen Oberstufe zu bilden, aber noch nicht so stark ausgeprägt ist.  Ich merke jedoch, dass der Elternwunsch, die Kinder nicht mehr nach der  vierten Klasse zu trennen, immer stärker wird. Es müssen aber auch die Kreistage, Landräte und nicht zu vergessen die Träger, zustimmen. Bei den freien Schulen geht das etwas schneller, weil die selber entscheiden können. Dort, wo es schon gemacht wird, sehen die Leute überall, dass es der richtige Weg ist.

 

Die Hochschulpolitik ist jetzt beim Wirtschaftsministerium angesiedelt. Der Verdacht, dass hier die Wirtschaft – Stichwort Bologna-Prozess –  mehr Einfluss will, liegt da nahe.

 

Die drei Partner haben das sachlich und logisch begründet. Da darf man nicht zu „ressort-engstirnig“ sein.  Zu Minister Tiefensee habe ich außerdem ein sehr gutes Verhältnis und arbeite gern mit ihm an der Schnittstelle von Schule und Hochschule zusammen. Manche Probleme ähneln sich auch. Bei den Lehrern gibt es zu wenige im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und das setzt sich an den Thüringer Hochschulen genauso wie in der dualen Berufsausbildung fort. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Früher hat der Opa mit dem Enkel das Fahrrad repariert, jetzt wird es in die Werkstatt gegeben. Deshalb wollen Minister Tiefensee und ich mit gemeinsamen Veranstaltungen  versuchen, das mathematisch-naturwissenschaftliche Interesse wieder zu wecken. Bei „Jugend forscht“ sind wir auch beide Schirmherren. Dass die Unis jetzt nur noch unter Vermarktungsgesichtspunkten gesehen werden, ist nicht der Fall und das würde auch nicht dem Geiste des Koalitionsvertrages entsprechen. 

 

Nach dem  Regierungswechsel waren in manchen Ministerien ganze Etagen verwaist. Wie gestaltete sich der Übergang bei Ihnen und wie klappt die Zusammenarbeit mit Menschen, die ein Vierteljahrhundert für die CDU gearbeitet haben?

 

Ich bin nicht nur Bildungsministerin, sondern auch für Sport, Jugend und das Landesprogramm für Demokratie und Toleranz zuständig. Das ist natürlich komplex. Ich hatte aber das Glück, Gabi Ohler als Staatssekretärin und Mitarbeiter wie Marcel Langner und Uwe Kotkamp mitnehmen zu können, mit denen ich schon in der Landtagsfraktion zusammengearbeitet habe. Alles andere habe ich so übernommen. Gemessen an den Anliegen, die an unser offenes Haus gerichtet werden, haben wir zu wenig Personal. Aber, ich muss sagen, dass alle zuverlässig arbeiten. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier Dinge blockiert werden. Ich frage aber nicht nach Parteibüchern.  Dass bei Rot-Rot-Grün ein anderer Stil, eine andere Kultur herrscht, hat sich schon herumgesprochen. Es wird bei mir keiner dafür abgestraft, 25 Jahre für die CDU gearbeitet zu haben.

 

Was hat Ihnen als Ministerin bis jetzt am meisten Freude bereitet?

 

Da sind einige Schulbesuche zu nennen, die mir sehr viel Spaß bereitet haben, so zum Beispiel der Besuch der Gemeinschaftsschule in Oldisleben. Es stehen aber auch bereits Termine fest, auf die ich mich schon sehr freue. So wollen wir am 26. August mit der Landesschülervertretung in die Landesmedienanstalt gehen, um einen gemeinsamen Arbeitsplan festzulegen. Ich will mit Schülervertretern nicht so trocken arbeiten, weil sie das sonst nur langweilt. Auch bei schwierigen Schulthemen wie kommerziellen Werbeangeboten, Gewinnspielen usw. müssen wir offen mit den Kindern umgehen. Es nützt ja nichts, wenn die Entscheidungen nur die Schulleitung versteht und die Kinder nicht. Augenhöhe ist ein Wert, der auch an dieser Stelle gilt.          

th