8. Oktober 2015

Über Ängste diskutieren

Wolfgang Albold (DIE LINKE) ist Ortsteilbürgermeister im Erfurter Stadtteil Melchendorf, wo sich momentan zwei große Flüchtlingsunterkünfte befinden.

Sehen Sie seit Beginn der Flüchtlingswelle Unterschiede oder geht alles so weiter wie bisher?


Was die Flüchtlinge selbst angeht, hat sich nicht viel verändert, aber die Debatten um den Umgang haben sich gewandelt. In meinem Stadtteil sind derzeit zwei Flüchtlingsunterkünfte. Zusammen mit dem Ortsteilbürgermeister Matthias Plhak (Wiesenhügel)  habe ich als es los ging eine Info-Veranstaltung gemacht. Das lief sehr vernünftig. Auch in den Unterkünften gab es keine größeren Probleme. Doch mit der Zeit schlug die Stimmung um. Bei den Veranstaltungen kamen NPD-Mitglieder und machten Stimmung gegen Flüchtlinge. Viele Bürger haben aber einfach nur Angst, obwohl es eigentlich keine großen Probleme in den beiden Flüchtlingsunterkünften gibt. Trotzdem sollte man Ängste ernst nehmen und mit den Menschen diskutieren. 


Wie gehen Sie mit diesen, oft unbegründeten Ängsten, z.B. die angebliche Zunahme von Diebstählen, um?


Ich bin zur Centermanagerin des Melchendorfer Marktes gegangen. Die hat gesagt, dass es in der Statistik keinerlei Veränderungen gibt. Außerdem versuchen wir, die Flüchtlinge, wo es geht, zu integrieren: Melchendorfer Herbstspektakel, Brunnenfest oder zuletzt der interkulturelle Flohmarkt – da kommen die Flüchtlinge gerne, bereiten ihre Speisen zu und ich sehe viele, die keine Berührungsängste haben. Die wissen, es gibt im Stadtteil keine Beispiele, dafür das etwas Negatives passiert.  


Kann man wenigstens sagen, dass  die Zahl jener, die solidarisch sind, mit denen, die diffuse Ängste haben ungefähr die Waage hält?


Ich denke schon. Es gibt aber auch Leute, die Flüchtlingen ablehnend gegenüber stehen, sich aber dazu nicht  äußern. Deswegen kann ich mich nur wiederholen, wir müssen mit diesen Menschen diskutieren, versuchen sie mit Argumenten und Tatsachen zu überzeugen. Wir hatten in der letzten  öffentlichen Ortsteilratssitzung Leute von der NPD da und die haben ihre Fragen gestellt. Die wurden ordentlich beantwortet, natürlich erwartungsgemäß ohne einen gemeinsamen Nenner zu finden. Danach sind die wieder gegangen. Das ist nicht besonders angenehm, aber gerade in dieser schweren Phase müssen wir uns dem stellen.

 
Flüchtlinge in Projekte einzubinden, zum Beispiel in interkulturellen Gemeinschaftsgärten könnte doch mit guten alten Erfurter Traditionen beim Gartenbau, manche Ängste überwinden helfen.

 

Solche Gärten wären sehr wünschenswert. Für eine Unterkunft im Stadtteil ist so ein Garten bereits in der Planung. Den könnten dann nicht nur Flüchtlinge, sondern alle mitnutzen. Da sind wir noch in der Genehmigungsphase, aber mit Jürgen Zerull ist ein engagierter Mensch am Werk. Im nächsten Frühling könnte das losgehen.

 
Was könnte Positives für den Stadtteile durch mehr Offenheit und neue Einflüsse entstehen?


Wir haben 12.000 Einwohner, davon mehr als die Hälfte Senioren. Insofern brauchen wir junge Leute. Ich gehöre nicht zu denen, die mit einem Nützlichkeit-Rassismus im Sinne von, den gut ausgebildeten Syrer nehmen wir, aber den Analphabeten aus Eritrea nicht, an die Integration herangehen. Die Flüchtlinge würden gerne arbeiten, das erlebe ich ständig, wenn ich in die Unterkünfte gehe. Deswegen muss das mit Arbeitserlaubnis schnellstens umgesetzt werden. Die Flüchtlinge wollen uns nicht auf der Tasche liegen, sondern ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können.  Und wenn wir das schaffen dann können uns die Flüchtlinge im Leben bereichern!


th