22. September 2015

„Die Flüchtlinge können und werden uns zu Gute kommen“

Mirjam Kruppa Rechtsanwältin mit Schwerpunkt im Ausländer- und Asylrecht und Fachanwältin für Verwaltungsrecht. Seit Mai 2015 ist sie Beauftragte des Freistaates Thüringen für Integration, Migration und Flüchtlinge

 

 

Das Thema Flüchtlinge überlagert seit Wochen fast alles. Wie viele Flüchtlinge sind momentan in Thüringen?

 


Das ist zurzeit leider unmöglich zu sagen. Es gibt regelmäßige Statistiken vom Bundesamt für Migration, die auch Zahlen für Thüringen enthalten (offiziell wurden bis 31. August 2015 8.169 Asylanträge in Thüringen gestellt, die Red.).  Die Zahlen ändern sich aber täglich. Die derzeit aktuelle Prognose für Deutschland geht von 800.000 Flüchtlingen in diesem Jahr aus. Durch die Ereignisse der letzten Wochen stellt sich aber die Frage, ob das noch zu halten ist. Beim Bund wird bereits offen über die Zahl eine Million geredet. Aber niemand kann etwas Genaues sagen. Gerade bei den Menschen aus Syrien, die in 20 bis 30 Tagen nach Europa laufen, weiß niemand genau, wie viele sich derzeit auf dem Weg befinden. Deshalb gibt es auch für 2016 keinerlei zuverlässige Prognosen.  

  

Gehen wir in Deutschland für dieses Jahr von einer Million aus. Nach dem Königsteiner Schlüssel würde Thüringen 2,7 Prozent aufnehmen.  Das entspricht 27.000 Menschen. Woher kommen die meisten?

 


Auch wenn 30.000 Menschen nach Thüringen kommen, müssen wir schauen, sie menschenwürdig unterzubringen.  Die Zahlen vom Westbalkan, aus Ländern wie Serbien, Mazedonien oder Albanien, wo kein Krieg mehr ist, aber insbesondere  Roma diskriminiert und bedroht werden, sind in den letzten Monaten gesunken. Seit Juli gehen wir davon aus, dass über 80 Prozent der Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten kommen: Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea. Diese Menschen werden hier einen Aufenthalt bekommen und nicht abgeschoben. 


 
Durch die hohen Zahlen heißt es vielerorts, die Kommunen seien mit der Masse an Flüchtlingen überfordert. Aber sollte ein reiches Land wie Deutschland nicht in der Lage sein, auch mit diesem Ansturm fertig zu werden, ohne dass es den hier Lebenden schlechter geht?

 


Das war bisher meine Meinung und dabei bleibe ich. Vor Herausforderungen stellt uns die kurze Zeit, in der die Flüchtlingszahlen nach oben geschnellt sind. Ich bin  davon überzeugt, dass wir 30.000 Menschen hier in Thüringen integrieren können.  Irgendwie muss und wird das gehen, aber wir wollen ja nicht nur, dass es irgendwie geht, sondern dass es gut funktioniert. Das ist mein ganz persönliches Anliegen und das meines Amtes. Es kann und darf nicht unser Anspruch sein, Flüchtlinge wie in der Türkei, auf der grünen Wiese oder in riesigen Zeltlagern unterzubringen.  Wir wollen die Menschen, die hier bleiben, ordentlich integrieren – in den Schulen, in der Arbeitswelt. Das mit so dermaßen vielen Menschen zu schaffen, ist natürlich eine große Herausforderung. 

 


Wie muss man sich den Alltag eines Flüchtlings vorstellen? 

 


Die Leute sind frei. Auch die derzeit auf der Messe untergebrachten können kommen und gehen, wann sie wollen. Es gibt z. B. feste Essenzeiten, das muss bei 1.000 Menschen in einer Unterkunft  wie der Messe geregelt sein.  Der Alltag in den Notunterkünften oder in der Erstaufnahme-Einrichtung ist nicht besonders strukturiert. Es gibt mittlerweile erste Angebote von ehrenamtlich Helfenden für Deutschkurse. Ansonsten warten die Menschen aber bis zu drei Monate, bis sie in die Kommunen kommen. Viele sind vom Krieg traumatisiert und brauchen die drei Monate, um sich zu erholen, auch wenn das in den Erstaufnahme-Einrichtungen nicht gerade optimal ist. Die Schaffung einer Alltagstruktur mit unterschiedlichen Angeboten wäre da mit Sicherheit sehr sinnvoll.

 
Deutschkurse sind ein wichtiger Start. Gibt es überhaupt genug Lehrer und wie soll ein Kurs, bei dem die Menschen ganz unterschiedliche Sprachen sprechen, effektiv unterrichtet werden?

 


Lehrer für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache können ohne Probleme eine Gruppe von  Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern unterrichten. Da gibt es in der Pädagogik genug Konzepte.

 

 
Die meisten Flüchtlinge sind junge Menschen. Ist das nicht eine Chance gerade für Thüringen, das bis 2020 wohl etwa 200.000 Einwohner verlieren wird?

 


Die Flüchtlinge können und werden uns zu Gute kommen. Das setzt aber eine gut funktionierende Integration voraus.  In einem Zeltlager auf der grünen Wiese wird das nicht funktionieren. Speziell die Integration auf dem Arbeitsmarkt setzt einiges voraus. Die Kinder müssen in den Schulen mitkommen, sie müssen Deutsch lernen und selbst dann wird es bei manchen kompliziert. Viele wissen nicht, wie sie sich in einer Firma, beim Bewerbungsgespräch usw. verhalten sollen und worauf es in Deutschland überhaupt ankommt, wie die Menschen hier ticken. Es gibt Flüchtlinge, die das eigenständiger schaffen als andere. Und es gibt welche, die müssen ein Stück weit an die Hand genommen werden.

 


Bevor Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit sind, gibt es doch Möglichkeiten, sie auf freiwilliger Basis in Projekten in den Kommunen einzubinden.

 

 
Solche Projekte sind vor allem gut, um den Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. Wenn die Menschen sich kennenlernen, etwas zusammen schaffen, dann funktioniert Integration immer besser, als wenn die Flüchtlinge abgeschottet in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. Langfristig muss es darum gehen, Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Das funktioniert aber nicht einfach so. Gerade jetzt durch die großen Zahlen muss einfach Geld investiert werden. Ansonsten wird uns das hinterher auf die Füße fallen. Es ist der falsche Weg zu sagen, wir haben jetzt für Notunterkünfte usw. schon so viel Geld ausgeben, so dass für Deutschkurse, Dolmetscher, Beratungsstellen usw. kein Geld mehr da ist. 
Es wird viel über Hass und Gewalt geredet. Aber viele Menschen wollen helfen. An welche offiziellen Stellen sollten die sich wenden?
Es gibt viele Stellen. Sachspenden können an das Rote Kreuz, die Caritas, zum Landtag oder direkt zur Messe gebracht werden.  Ich bekomme jeden Tag Anrufe von Menschen, die Hosen, Matratzen oder Deutschkurse anbieten. Wir sind mit der Masse an Anfragen derzeit überfordert. Wir brauchen deshalb so schnell wie möglich in den Landkreisen oder in den Städten eine zentrale Stelle, die koordiniert. Die Kommunen, die Medien und viele Bürger wollen helfen. Aber ohne diese zentrale Stelle wenden sich immer alle an alle.

 


Es gibt Menschen, die würden gerne Flüchtlinge in ihrer Privatwohnung aufnehmen. Warum ist das so schwierig?


Das ist prinzipiell möglich. Es muss aber einer gewissen Kontrolle durch die Kommune unterliegen. Ich hatte schon Anrufe von Leuten, die allein wegen äußerlicher Kriterien genau diesen Mann oder diese Frau wollten.  Es darf nicht passieren, dass die Leute dann ausgenutzt werden. Wir müssen die Möglichkeiten, Flüchtlinge privat unterzubringen, auf jeden Fall deutlich verbessern. Das kann auch mal Probleme geben, aber in den meisten Fällen wäre das eine gute Möglichkeit der Integration.

 

Was würden Sie sich ganz persönlich wünschen, um Flüchtlinge so gut wie möglich zu integrieren?

 


Wir müssten viel mehr Geld in die Hand nehmen, gerade was die Unterbringung angeht. Es gibt Projekte von Architekten, so zu bauen, dass die Flüchtlinge so wohnen können, wie sie es gewohnt sind. Wir müssen nicht genau so wie in Syrien bauen, aber  z. B. durch das Schaffen von Innenhöfen könnten für Frauen aus Syrien Zonen geschaffen werden, wo sie sich ohne Kopftuch relativ frei bewegen können. Und für alle anderen könnte eine schöne, neue Architektur entstehen. Solche positiven Kultureinflüsse aus anderen Ländern zu übernehmen, würde mir sehr gut gefallen. Wenn das noch mit mehr Patenschaften und ehrenamtlichen Engagement einhergeht, dann wär ich schon sehr zufrieden.


Thomas Holzmann