8. Oktober 2015

Deutlich machen, dass alle in einem Boot sitzen

Mario Binar arbeitet im Stadtteilzentrum (STZ) am Herrenberg und für den Verein Art for Life. Er setzt sich für kulturellen Austausch und das Überwinden von Isolation ein.

 

Was genau ist das Stadtteilzentrum am Herrenberg?


Das STZ wurde im letzten Jahr vom Verein Plattform e. V. übernommen, weil das Konzept die Ausschreibung der Stadt gewonnen hat. Das Besondere ist, dass wir einen Raum für ein Kulturzentrum geschaffen haben, der allen Menschen im Stadtteil die Möglichkeit bietet, eigene Ideen zu realisieren und sich zu begegnen. Das gilt ganz besonders für sozio-kulturelle Projekte, die das Stadtviertel bereichern.


Die Kammwegklause, ein Zentrum für Neonazis und Rechtsrock, befindet sich auch im Stadtteil. Hat das eine Rolle gespielt?


Die Ambitionen, gerade am Herrenberg etwas zu bewegen, hat schon auch etwas damit zu tun. In den letzten 25 Jahren sind die Orte, an denen kulturelles Leben stattfinden konnte, wo sich die Menschen treffen können, Stück für Stück verschwunden. Wenn sie etwas unternehmen wollen, dann fahren sie weiter weg. So gibt es keine Identifikation mehr mit dem Stadtteil, in dem man lebt. Vor dem Hintergrund muss man auch die Entstehung der Kammwegklause sehen. 


Haben die Neonazis schon Probleme gemacht?

 

Nein, aber wir wollen das auch nicht provozieren. Statt dessen sind wir daran interessiert, die Atmosphäre im Viertel zu verbessern und den Menschen eine Möglichkeit zu geben, ihren Ängsten zu begegnen. Das versuchen wir z. B. mit transkulturellen Abenden, bei denen fremde Kulturen sich vorstellen.

   
Angst ist das Hauptproblem?  


Das ist genau der Punkt. Leider begegnen sich die Menschen kaum. Dadurch bauen sich Vorurteile auf. Wir organisieren Veranstaltungen, bei denen sich alle treffen können und gehen nicht nach Äußerlichkeiten.  Und selbst, wenn ein Mensch diese oder jene Position entwickelt hat, heißt das nicht, dass es für immer so bleiben muss. Es lohnt sich Kontakte aufzubauen. Wir haben schon viele positive Erfahrungen gemacht und die Leute haben gesagt: Aha, das haben wir gar nicht gewusst.


Hat sich mit Blick auf die Flüchtlinge etwas verändert?


Ich denke, dass es die Leute in den neuen Bundesländern generell  stärker wahrnehmen. In den alten Bundesländern ist das kulturelle Zusammenleben bunter gemischt. Hier ist das nicht so ausgeprägt. So entstehen gewisse Ängste.  Ich arbeite auch für den Verein Art for Life e.V. und für den ist das Thema Isolation wichtig. Mit künstlerischen Projekten wollen wir Menschen aus dieser Isolation helfen. Die Idee dazu gab es schon bevor das Flüchtlingsthema  brisant wurde. Aber gerade jetzt müssen wir  aufpassen, dass die Isolationsfaktoren nicht noch weiter verstärkt werden. 


Zum Thema Isolation gab es im Mai am Strandgut eine große Veranstaltung mit dem treffenden Titel „Isolation – durchbrich die Mauer“. Das ist nur eines von vielen sozio-kulturellen Projekten. Kann diese Entwicklung noch stärker werden, wenn sich dafür Flüchtlinge gewinnen lassen?


Ja, da erleben wir in Erfurt generell eine gute Entwicklung. Es gibt viele Menschen, die die Probleme sehen und etwas tun wollen. Gerade durch die Flüchtlinge spüren sie wie eng die Welt zusammengerückt ist. Globalisierung heißt nun mal, dass wir die Probleme in Ländern am anderen Ende der Welt  in Echtzeit zu spüren bekommen. Aber dadurch ergeben sich auch Chancen: Vernetzung und das gemeinsame Suchen nach Lösungen.  
Die Arbeit mit den Flüchtlingen habe ich mir Anfangs allerdings leichter vorgestellt. Ich dachte, viele langweilen sich, weil sie nicht arbeiten dürfen und warten nur darauf angesprochen zu werden. Aber die Geschichten und Probleme der Flüchtlinge sind sehr unterschiedlich. Viele sind traumatisiert und zugleich unsicher wie sie sich in unserem Kulturkreis zurechtfinden sollen. So braucht es zu allererst eine Vertrauensbasis. Außerdem müssen wir, und das meine ich auch ganz allgemein, in Zukunft wesentlich mehr in die Bereiche Integration und Bildung investieren, sonst haben wir eine verlorene Generation, die den Fragen der Zukunft nur schwer gewachsen sein wird. Natürlich passiert gerade schon sehr viel, doch das allein reicht nicht. Wir brauchen nachhaltige Programme und schnellere Asylverfahren. Und wir müssen allen deutlich machen, dass wir in einem Boot sitzen. Die nächsten Generationen müssen sich auf große Herausforderungen einstellen, wie beispielsweise den Auswirkungen des Klimawandels. Da müssen wir gemeinsam kreativ werden und Lösungsansätze, die allen und nicht nur dem eigenen Garten helfen, entwickeln.   

 

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/5/artikel/deutlich-machen-dass-alle-in-einem-boot-sitzen/