11. August 2015

Alle Menschen bestimmen mit

Überall in den Thüringer Städten steigen die Mieten teils drastisch an und bezahlbarer Wohnraum wird knapp. In Erfurt versuchen Menschen sich deshalb in Wohnprojekten zu organisieren und dem Mietwucher ein Ende zu setzen. UNZ sprach mit Sabine Blumenthal vom Wohnprojekt in der Grolmannstraße im Stadtteil Krämfpervorstadt.

Die Häuser denen, die drin wohnen!

„Wir brauchen keine Hausbesetzer, denn die Häuser gehören uns“, trällerte einst Rio Reiser, legendärer Sänger der Band Ton Steine Scherben. Das Besetzen von Häusern scheint nicht mehr ganz en vogue, dafür sind Hausprojekte umso stärker im Kommen.  Seit über 20 Jahren berät das Mietshäuser Syndikat deutschlandweit selbstorganisierte Hausprojekte, „damit diese dem Immobilienmarkt entzogen werden“. Derzeit sind 97 Projekte und 23 Initiativen dabei. Neben dem Projekt Wohnopolis (www.wohnopolis.de), dass in Erfurt in der Lassallestraße bereits ein Haus übernommen hat und nicht nur Wohnen, sondern auch andere Projekte voran treibt, gibt es in Thüringen eine Gruppe, die sich im Eisenberger Bahnhof einen Traum erfüllt.   

Während die Politik mit der Mietpreisbremse bestenfalls an Symptomen herumdoktert, entstehen in Erfurt in der Grolmannstraße (wohnopia.wordpress.com) und der Magdeburger Allee zwei neue Projekte, die Unterstützung  verdienen. Ein effizienteres Mittel gegen Mietwucher und dafür, dass die Häuser denen gehören, die drin wohnen, dürfte es derzeit nicht geben! 

 

UNZ sprach mit Sabine Blumenthal über das Wohnprojekt Grolmannstraße. 

 

 

Wie kam es zur Idee in der Grolmannstraße ein Hausprojekt zu starten?

 

Auf der ersten Erfurter Vernetzungskonferenz zur Nachhaltigkeit haben sich viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen getroffen. Zwei Frauen fragten: „Wer hat Lust, sich an einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt zu beteiligen?“ Daraufhin haben sich eine ganze Reihe von Menschen zusammengetan. Zwei Leute aus der Gruppe wohnen in der Grolmannstraße, die fast leer steht. Warum also nicht das Gebäude übernehmen? Wir haben uns in der l50 getroffen und über die Projektvernetzung im Mietshäuser Syndikat kamennoch mehr  dazu. 

 

Was unterscheidet die Grolmannstraße von anderen Hausprojekten?

 

Wir stehen noch am Anfang. In der Lassallestraße wohnen schon Leute. Auch in der Magdeburger Allee soll noch ein Projekt entstehen. Bei uns geht es jetzt darum, bis Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres das Haus von der Kowo (Kommunale Wohnungsgesellschaft mbH) zu kaufen. Die Kowo hat uns mündlich eine Ausschreibung nach Konzeptverfahren zugesichert.

 

Gibt es andere Mitbewerber und was soll das Haus kosten?

 

Das wissen wir leider noch nicht. Wir vermuten aber, dass es Mitbewerber geben wird und stellen uns darauf ein. Deshalb ist es ja so gut, dass es das Konzeptverfahren gibt, denn sonst hätten wir keine Chance. Eine Immobilienfirma kann einfach mal so eine Millionen drauf schlagen. Das geht bei uns nicht.

 

Wie ist das Projekt organisiert?

 

Der Verein ist für die Organisation der  Mieter zuständig. Später soll der Verein Gesellschafter der noch zu gründenden GmbH werden. Alle Menschen, die dann in der Grolmannstraße wohnen sind über ihren Mietvertrag automatisch Mitglieder im Verein. Das heißt: Alle Menschen, die dort wohnen bestimmen darüber, was die GmbH macht. So ist auch das Konzept des Mietshäuser Syndikats seit über 20 Jahren. In Deutschland gibt es sehr viele unterschiedliche Modelle. Das Syndikat bietet Vernetzung und ausgezeichnete fachliche Beratung. So ist jedes Projekt immer etwas anders, und es zeigt sich, dass sehr unterschiedliche Ansätze funktionieren können. Es wird sicher in Erfurt bald weitere Projekte geben, die dann wieder eigene Vereine gründen können.

 

Klingt sehr progressiv. Warum aber das nicht gerade emanzipatorische GmbH-Modell?

 

Mit den GmbH-Strukturen lassen sich die Hausprojekte besser miteinander verknüpfen, denn das Mietshäuser Syndikat ist Teil der GmbH ohne ein Mitbestimmungsrecht zu haben, mit der Ausnahme, dass die Häuser nie wieder verkauft werden können! Das Mietshäuser Syndikat würde als Gesellschafter in dieser Frage immer ein Veto einlegen. Mal angenommen, in die Grolmanstraße ziehen viele Leute ein und der Wert des Hauses ist nach 20 Jahren so gestiegen, dass ein Verkauf für manche interessant scheint, dann ist das im Vorhinein ausgeschlossen. Außerdem sind im Syndikats-GmbH-Modell Geldgeber und Mieter voneinander getrennt. Eine Person kann also dem Projekt Geld geben ohne einzuziehen. Sie kann aber auch Geld geben und einziehen oder auch kein Geld geben und trotzdem einziehen. 

 

Wie viele Menschen sind aktiv?

 

Im Verein sind 28 aktive Mitglieder. Dazu kommen etwa 50 Interessierte. Im Schnitt kommt alle zwei Wochen ein neues Vereinsmitglied dazu. Wir fördern den Zulauf mit unserem Newsletter, Interessierten-Tagen, dem Sommer- fest und weiteren Veranstaltungen.    

 

Das Projekt hat sich u.a. generationenübergreifendes Wohnen auf die Fahnen geschrieben. Ist es realistisch, dass durch ein „umeinander kümmern“ verstärkt Senioren in das Projekt einziehen und ihnen Jüngere in einer neuen Form von betreutem Wohnen im Alltag unter die Arme greifen?

 

Das ist auf jeden Fall eine Perspektive. Es sind auch jetzt schon einige Leute dabei, bei denen es bis zur Rente nicht mehr so weit ist. Bei Projekten wie der Grolmannstraße schauen die Aktiven immer, wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Bei uns gilt generell das Konsensmodell und wir versuchen Entscheidungen immer so zu treffen, dass am Ende alle damit leben können. Außerdem wollen wir Wohnungen für geflüchtete Menschen und für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen vorhalten. Bei solchen Sozial-Aspekten ist immer entscheidend, dass sich auch Menschen darum kümmern, sonst funktioniert es nicht.

 

Sozialprojekte bieten die Chance auf Fördergelder. Das gilt ebenso beim Thema Energie. Kann das Projekt da ein Musterbeispiel werden?

 

Die Gebäude sind denkmalgeschützt. Wir streben eine Sanierung nach ökologischen Gesichtspunkten an.Wir möchten die Häuser behutsam, bewusst und werterhaltend sanieren. Wenn wir Kredite beantragen, dann können wir Mittel von der KfW für die energetische Sanierung bekommen. Es gibt auch Überlegungen, mit der Erfurter Energie- genossenschaft zusammen zu arbeiten. 

 

Menschen in solchen Projekten sind  meist keine Freunde von Banken ...

 

Bei den Banken sind wir noch am Überlegen. Zurzeit stehen wir im Kontakt zur GLS-Bank. Auch die Ethikbank könnte eine Option sein. Wir haben    außerdem beim Bundesministerium für Familie, Frauen und Senioren einen Antrag auf Förderung für gemeinschaftliches Wohnen gestellt. Da könnten wir bis zu 250.000 Euro bekommen.  Dafür brauchten wir ein Votum von der Stadt, welches wir durch den Stadtratsbeschluss am 27.05.15 bekommen haben.

 

Was fast scheiterte, weil Politiker behaupten, es gebe kein Konzept …

 

Einige Kommunalpolitiker haben sich gut und andere gar nicht informiert. Wir sind durch alle Stadtratsfraktionen gegangen, haben unseren Antrag vorgestellt und bekamen eine breite, parteiübergreifende Unterstützung. Zwischen der Stadtverwaltung und den Stadtratsfraktionen gab es Kommunikationsprobleme, aber das ist alles nicht so schlimm. Einige haben gedacht, wir hätten kein Konzept, weil mit der Kowo bis jetzt nur  mündlicher Kontakt besteht. Unser Konzpet kann jeder seit April auf unserem Blog nachlesen. Weil es noch keine offizielle Ausschreibung für die Grolmannstraße gibt, haben wir es aber bei der Kowo noch nicht offiziell eingereicht.

 

 

Bei allem Wohlwollen und der breiten Unterstützung, gibt es Menschen, die solche Ideen als Spinnerei  oder Extremismus diskreditieren?

 

Bei Grünen, LINKEN und SPD haben wir viel Zustimmung erfahren.  Bei der CDU wurden gefühlt tausend kritische Fragen gestellt, aber auch sie scheinen das Projekt gut zu finden und haben es im Stadtrat unterstützt.        

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/5/artikel/alle-menschen-bestimmen-mit/