17. November 2015

Hauptanliegen Menschlichkeit

Ordinariatsrat Winfried Weinrich ist Leiter des katholischen Büros Erfurt und des Kommissariats der Bischöfe in Thüringen. Flüchtlingen, die zu uns kommen, mit Würde und Nächstenliebe zu begegnen ist für ihn Kernbestandteil der biblischen Botschaft. Foto. Uwe Pohlitz

Am 9. November folgten Tausende dem Aufruf für mehr Mitmenschlichkeit in Thüringen. Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Bündnis, an dem sich auch die Kirchen beteiligen?



Das Schicksal der Flüchtlinge beschäftigt uns  sehr intensiv seit vielen Wochen. Das gemeinsame soziale Wort zum Umgang mit Flüchtlingen „Mitmenschlich in Thüringen“ war ein erstes bewusstes Zeichen, das wir Anfang September auf den Weg gebracht haben: die beiden christlichen Kirchen, die jüdische Landesgemeinde, der Verband der Wirtschaft Thüringen und der DGB. Diese Partner hatten sich verständigt, um ein Zeichen für mehr Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen zu geben. Zuvor haben wir insbesondere in Sachsen menschenunwürdige Äußerungen und Taten erlebt, die auch vor Thüringen nicht halt machten. Dann kam der zweite Schritt: Eine spontane Initiative des DGB, das gemeinsame soziale Wort auf eine größere Basis zu stellen. Daraus ist das Bündnis „Mitmenschlich in Thüringen“ entstanden.

 
Wie war die Motivation der Kirche, sich daran zu beteiligen? 


 Das Hauptanliegen ist ein Zeichen für mehr Mitmenschlichkeit mit Flüchtlingen zu geben. Das Bündnis hat keine parteipolitischen Implikationen. Wir machen auch keine Aussagen zur konkreten Ausgestaltung des Asylrechts. Der gemeinsame Nenner des Bündnisses und auch der großen Kundgebung auf dem Domplatz ist der menschenwürdige Umgang mit den Flüchtlingen. Zu mehr kann sich Kirche auch gar nicht verstehen. Beispielsweise zum gesetzlichen Mindestlohn hätte das Bistum Erfurt mit dem DGB sicher kein Bündnis geschlossen. Da hat der DGB bzw. der Verband der Wirtschaft jeweils seine eigene, genuine Aufgabe. Aber, wenn es um Grundrechte der menschlichen Person geht, ist das für die Kirche ein wichtiges Anliegen, nicht nur bei den Flüchtlingen.

 

 
Zuvor hatte sich das Bistum Erfurt bereits entschlossen, bei der wöchentlichen AfD-Demo am Dom das Licht auszuschalten.

 


Die Veranstalter der AfD-Demo haben Mitmenschlichkeit und Mitgefühl mit Flüchtlingen vermissen lassen. Die Ängste der Menschen wurden nicht positiv aufgenommenen, sondern instrumentalisiert. Anstatt diese Ängste konstruktiv aufzunehmen und zu Lösungen beizutragen, wurden die Menschen, die berechtigte Fragen haben, verunsichert. Das trägt nichts zu positiven Lösungen bei. Deshalb hatte sich Bischof Dr. Neymeyr nach Beratung mit den Gremien entschlossen, dieses Zeichen zu setzen. Der AfD-Kundgebung keine beleuchtete Kulisse zu geben, war ein Signal an die Veranstalter. 
Zum Teil beziehen sich die Asylkritiker auch auf die christlich-jüdischen Wurzeln des Abendlandes. Da sollten Menschlichkeit und Nächstenliebe doch genauso ganz oben stehen wie bei den nicht minder oft zitierten europäischen Werten des Liberalismus und der Aufklärung?
Wenn Sie in den Text des Bündnisses schauen, werden Sie sowohl einen Hinweis auf ein christliches als auch auf ein humanistisches Menschenbild finden. Das ist den Kirchen sehr wichtig. Das ist offen formuliert und lässt auch den in Thüringen mehrheitlichen Nichtchristen die Möglichkeit, ja zu diesem Text zu sagen. Das christliche Menschenbild beinhaltet, so wie auch das Grundgesetz in Artikel 1, die unantastbare Würde eines jeden Menschen.

 
Im Bündnis sind Kräfte vereint, die sonst kaum einen gemeinsamen Nenner finden. Inwieweit sehen Sie in der Flüchtlingsfrage eine Chance, diffuse Ängste und Hass zu überwinden?

 


Manche Ängste und Sorgen sind durchaus berechtigt. Die Frage ist, wie diese Ängste aufgenommen und in welche Richtung suchende Menschen begleitet werden. Ich sehe sehr wohl Chancen in den Flüchtlingen, die zu uns kommen. Insbesondere dann, wenn wir die Flüchtlinge schnellstmöglich integrieren, ihnen Sprach- und Arbeitsmöglichkeiten anbieten und sie diese auch annehmen. Das heißt: Wir brauchen eine Bereitschaft in unserer Gesellschaft, aber auch bei denen, die jetzt zu uns kommen. Flüchtlinge müssen sich auf die demokratischen Wertegrundlagen unseres Rechtsstaates einlassen. Jedoch an erster Stelle darf nicht der ökonomische Nutzen von Flüchtlingen stehen. Im Vordergrund steht die Würde – auch bei Flüchtlingen, die wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen. Wir müssen allen in Würde begegnen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Rechte geltend zu machen.

 
Was tut die Katholische Kirche konkret für Flüchtlinge, was das Geistige und was das Praktische angeht?

 


Die sozialen Dienste der Caritas haben ihr Beratungsangebot massiv verstärkt. Sie bieten in allen Regionalstellen Migrationsberatung an. Pfarrgemeinden haben u.a. in Erfurt und im Eichsfeld Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Für junge Flüchtlinge, deren Schulpflicht endet, bieten berufsbildende Schulen in kirchlicher Trägerschaft Sprach- und Berufsvorbereitungskurse an. Katholische Schulen sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten bereit, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Wichtig ist ebenso, in den Pfarrgemeinden den Dialog mit den in der Gemeinde lebenden Flüchtlingen anzubieten. In meiner Pfarrgemeinde haben sich syrische Flüchtlinge vorgestellt und über ihre Flucht sowie die ersten Erfahrungen in Deutschland berichtet. Persönliche Begegnungen mit Flüchtlingen halte ich für sehr wichtig, denn dann werden Vorbehalte und Ängste abgebaut.

 
Welchen Einfluss hat die Kirche noch auf die Straße und die Stammtische?

 
Flüchtlingen, die zu uns kommen, mit Würde und Nächstenliebe zu begegnen ist Kernbestandteil unserer biblischen Botschaft. Dieser Botschaft ist die Kirche verpflichte. Bei der Veranstaltung am 9. November standen Vertreter der beiden Kirchen, der jüdischen und der muslimischen Gemeinde gemeinsam auf der Bühne. Das war ein Zeichen, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften beim Umgang mit Flüchtlingen sehr nah beieinander sind. Das ist ein praktischer Ansatz für einen interreligiösen Dialog. Der Umgang der Kirche mit der Flüchtlingsfrage trägt dazu bei, Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen. Es gibt aber auch berechtigte Kritik, wenn Muslime, die nach Deutschland kommen, sich schwer tun, Grundrechte der menschlichen Person zu akzeptieren, etwa den Satz des Grundgesetzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Auch hier liegen Herausforderungen für das Gespräch zwischen den Religionen.

 
Dialog ist immer ein gutes Mittel. Aber Rechtsextreme sind dazu oft nicht bereit. 
Sie haben gegenüber dem Domradio gesagt: „Widerstand gegen Rechtsextremismus ist eine Christenpflicht“. Was heißt das konkret?


Wir haben auch in Thüringen ein Ernst zu nehmendes Problem mit dem Rechtsextremismus und rechtsextremen Einstellungen, aber in geringerem Maße auch mit Islamismus und Linksextemismus. Mir ist ein streitbarer, argumentativer, aber gewaltfreier Umgang mit jeglicher Form von Extremismus wichtig. Als Theologe sage ich: In jedem Menschen leuchtet das Ebenbild Gottes auf. Jeder Mensch ist von Gott gewollt und hat seine Würde. Das bedeutet, dass menschenverachtende, menschenfeindliche und extremistische Parolen keinen Raum haben dürfen! Extremismus jeglicher Art ist mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar.

 

Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/4/artikel/hauptanliegen-menschlichkeit/