17. Mai 2016

Der größte Fehler ist, sich als Parteifunktionär nicht mehr an eigene Fehler zu erinnern

HDF mit Schriftsteller Landolf Scherzer.

Von Landolf Scherzer

 

Wahrscheinlich müsste ich, um die fünfundsiebzig Jahre des Hans-Dieter-Fritschler (HDF) einigermaßen gerecht zu würdigen, alle Seiten dieser Zeitung füllen und um sein Leben ausführlich zu beschreiben einen Roman verfassen. Vom Forstarbeiter (mit Facharbeiterbrief) zum höchsten Parteiarbeiter (mit viel Vertrauen) im Kreis Bad Salzungen und nach dem Scheitern seiner und meiner Ideale zuerst Hilfsarbeiter in einem Autohaus und danach Mitbegründer und Mitarbeiter der Partei des Demokratischen Sozialismus in Erfurt. Lebensstationen die nur eine formale Aufzählung sein können, denn sie sagen noch nichts über den Menschen HDF aus. Dazu wären – siehe oben – viele Zeitungsseiten über seine Arbeit nötig: über seinen jugendlichen Enthusiasmus, sein Mühen um Ehrlichkeit in der Partei, sein Sich-Sorgen um die Alltagsprobleme der kleinen Leute, seine Beharrlichkeit bei der Suche nach Lösungen um das Auseinanderdriften zwischen der Theorie und der Praxis des Sozialismus zu minimieren und und und …

Ich will das Und Und Und beschränken und versuchen, das für mich Wesentliche seines Wesens an einem einzigen Beispiel zu erklären. 1987 hatte ich nach acht Jahren vom Politbüro der SED die Genehmigung erhalten, einen 1. Kreissekretär bei seiner täglichen Arbeit zu beobachten und ein Buch darüber zu schreiben. Ein Jahr später – ich hatte HDF vier Wochen begleitet – war das Manuskript für das Buch „Der Erste“ fertig. Ich habe mit HDF aber keinen Parteisoldaten, sondern einen Parteiarbeiter kennengelernt. Statt stramm zustehen und nur bedingungslos die ZK-Kommandos zu erfüllen, rackerte er Tag und Nacht und versuchte vor dem Handeln auch kontrovers zu denken. Und so sagte er mir damals Sätze wie: „Vielleicht haben wir als Partei auch selbst Schuld, dass wir uns in so viele Alltagsdinge einmischen …“ „Ich darf keinen Zweifel an den Beschlüssen, Verordnungen und zentralen Weisungen zulassen. Es ist nicht meine Aufgabe zu bezweifeln, sondern Beschlüsse, Verordnungen und zentrale Weisungen durchzusetzen.“„Der größte Fehler, den man machen kann ist, sich als Parteifunktionär nicht mehr an eigene Fehler zu erinnern, in Versuchung zu kommen, an die Unfehlbarkeit zu glauben und zu behaupten, dass die Meinung des 1. Kreissekretärs nicht nur die Meinung des Genossen F. ist, sondern die kollektive Meinung der Partei …“Ich schrieb es wörtlich auf. Aber als der Verlag das Manuskript schon zum Druck abgesegnet hatte wurde der Kreiserste HDF zu seinem Vorgesetzten den allgewaltigen Ersten des Bezirkes Suhl dem ZK-Mitglied Hans Albrecht bestellt. Der wies HDF an, die Zustimmung zu dem Buchmanus-kript sofort zu widerrufen  und stattdessen zu behaupten, dass er bestimmte Passagen nie gesagt hat,  sondern der Autor sie erfunden oder verfälscht hat, um die Arbeit der Partei zu verleumden. Durch diese Aussage von HDF wäre der Druck des Buches unmöglich geworden. Aber Hans-Dieter Fritschler weigerte sich den Parteibefehl des Bezirkschef zu befolgen. Er wusste um die Allmacht des Genossen Albrecht und die möglichen Konsequenzen seiner Befehlsverweigerung,  beispielsweise die sofortige Versetzung in die Produktion (was nur die damalige Perestroika-Atmosphäre verhinderte). Aber er widerrief nicht, sondern bestätigte: „Ich habe es gesagt!“Lieber Hans-Dieter, den Mut den Du damals bewiesen hast, Dein Sich-Immer-Selbst-Treu-Sein-Wollen, Deine Beharrlichkeit und Ehrlichkeit, Dein Nicht-Aufgeben-Wollen sind wahrscheinlich das was Du immer warst und bist.75 Lebensjahre. Seit fast 40 Jahren bist du für mich der Erste und wirst es immer bleiben.