28. Juni 2016

Es geht um Religionsfreiheit

Im Dialog: Suleman Malik bei einem von vielen Infoständen der Ahmadiyya-Gemeinde. Wir sprachen mit ihm über den Moscheebau in Marbach, die Haltung des Islams zum Grundgesetz und zur AfD.

 

Was ist die Ahmadiyya-Gemeinde?

Ahmadiyya ist die Wiederbelebung des Islams, eine Reformgemeinde. Es gibt eine Prophezeiung, dass am Ende der Zeit, ein Messias erscheinen wird und die Distanz zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung beseitigen wird und sie zu der wahren Lehre des Islam führen wird.

 

Was genau ist für Sie die wahre Lehre? 

 

Das sind die Lehren, die der Prophet Mohammed vorgelebt hat und die wir als Überlieferungen kennen. Wir sind der Meinung, dass diese Überlieferungen nur Gültigkeit haben, wenn sie mit dem Koran übereinstimmen. Gewalt, Krieg und Terror in vielen islamischen Ländern sind Resultate der falschen Interpretation des islamischen Glaubens. Aufgabe der Ahmadiyya-Gemeinde ist, die islamische Lehre richtig zu interpretieren. Ein Beispiel: Es gib im Koran kriegerische Verse. Viele interpretieren das ohne den Kontext, um so Gewalt zu rechtfertigen. Wir sagen ganz klar, dass Gewalt nur zur Selbstverteidigung erlaubt ist oder wenn, in dem Land in dem man lebt, keine staatliche Ordnung vorhanden ist. In Deutschland gibt es aber das Grundgesetz und das muss jeder muslimische Mensch in den Vordergrund stellen. 

 

Von Rechts wird aber behauptet, die Ahmadiyya hätte wie der ganze Islam eine „totalitäre Ideologie“ und einen Überlegenheitsanspruch.

 

Wir glauben, dass der Islam eine theologische Überlegenheit hat. Das heißt nicht, dass der Islam mit Gewalt verbreitet wird. Im Gegenteil, das geht am besten mit sachlichen und theologischen Argumenten. Der Islam ist die am schnellsten wachsende Religion der Welt. Geht das so weiter, ist irgendwann der Islam und nicht mehr das Christentum die größte Religion der Welt.   Aber genau davor haben viele Angst und glauben, dass in Deutschland bald das Kalifat ausgerufen wird. Davor braucht niemand Angst zu haben. In Deutschland leben fünf Millionen Muslime. Die haben das Land mit aufgebaut und mitgestaltet. Der Islam ist längst ein Teil von Deutschland.  Selbst Goethe hat sich damit beschäftigt und festgestellt, dass die Muslime ihre Religion viel stärker ausüben als andere – z. B. durch das fünfmalige beten jeden Tag. Glaubensfreiheit wird im Koran ganz groß geschrieben. Niemand kann gezwungen werden, einen anderen Glauben zu akzeptieren. Wenn ich mit anderen Menschen über den Islam spreche, ist das für mich kein missionieren, es ist Dialog.

 

Dialog ist auch wichtig, beim geplanten Moscheebau in Erfurt-Marbach. Viele fragen sich z. B. wo das Geld (450.000 Euro) dafür herkommt?

 

Das Geld stammt allein aus Spenden unserer Mitglieder. Deutschlandweit sind es rund 45.000.  In Erfurt rund 70. Wir haben eine hohe Spendenbereitschaft, da das spenden ein wichtiger Bestandteil der islamischen Lehre ist. Wir finanzieren uns selbst. Das kann jeder überprüfen, denn wir sind als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland anerkannt.

 

Wird die Moschee auch ein Gemeindezentrum haben, wie man es bei christlichen Kirchen (z.B. Offene Arbeit Erfurt oder JG Stadtmitte Jena) kennt, das allen Menschen offen steht? 

 

Die Moschee ist offen für alle ob Muslim oder nicht. Auch Herr Höcke darf gerne kommen, wenn er an einem Dialog interessiert ist. Bei uns wird stets deutsch gesprochen, nur wenn Mitglieder da sind, die kein Deutsch können, wird zusätzlich auch noch übersetzt. Gab es Gespräche mit der AfD? Wir haben das Gespräch mit der AfD gesucht und festgestellt, dass sie wenig bis keine Ahnung vom Islam hat.  Corinna Herold, die u.a. Sprecherin für Religion ist, hat den Koran nicht gelesen. Ich habe ihr dann einen geschenkt.  Uns geht es darum, deutlich zu machen, dass Religionsfreiheit ein sehr hohes Gut ist und die gilt nicht nur für Juden und Christen. Religionsfreiheit kann man nicht einschränken. Gleiches Recht für alle! Wir konnten in den Gesprächen einiges klar stellen. Was oder wie viel das bringt weiß ich nicht genau, aber immerhin konnten wir ihnen eine neue Facette des Islam näher bringen, auch wenn sie mit uns nicht auf einer theologischen Ebene diskutieren wollen. 

 

Wie wird es mit dem Moscheebau weiter gehen? Die AfD hat ein Bürgerbegehren angekündigt.

 

Fragen wie die Religionsfreiheit, die im Grundgesetz geregelt ist, kann man nicht mit 7.000 Unterschriften bei Seite schieben. Das hat es in Deutschland noch nie gegeben, dass so der Bau einer Kirche oder Moschee verhindert wurde. Dazu müsste das Grundgesetz geändert werden.    Was hat sich seit Beginn des Flüchtlingsdramas für Moslems in Erfurt verändert. Welche Anfeindungen müssen Sie erleben, wo erfahren Sie Solidarität? Von der LINKEN bis zur CDU bekommen wir von allen Seiten aus der Politik große Unterstützung, auch von der Thüringer Landesregierung. Es geht nicht allein um den Moscheebau. Es könnte ja auch ein hinduistischer oder buddhistischer Tempel sein. Es geht um Religionsfreiheit. Politiker der Landesregierung haben klargestellt, dass so ein Moscheebau dem gesellschaftlichen Klima gut tut, denn wer Vorurteile gegenüber Muslimen hat, kann in eine Moschee gehen und sich selbst ein Bild machen. Wir müssen aus den Hinterhöfen raus und in der Öffentlichkeit Präsenz zeigen. Das geht am besten mit Minarett und Kuppel. Das Minarett ist nur zur Zierde, um zu verdeutlichen, dass es ein islamisches Gebetshaus ist. Ich habe das Gefühl, dass es mehr Unterstützung als Ablehnung gibt. Noch bestehende Vorurteile können im Dialog weiter abgebaut werden.

 

Aber wie bei der Einwohnerversammlung in Marbach deutlich wurde, gibt es Menschen, die an einem Dialog nicht interessiert sind und nur rumschreien. Wie wollen Sie die erreichen? 

 

Wir machen jeden Samstag auf dem Erfurter Anger einen Infostand. Das hilft, aber man muss auf Leute zu gehen. Wir akzeptieren natürlich, dass es Leute gibt, die das nicht möchten. Aber viele, die Vorbehalte haben, kommen und suchen das Gespräch. In Thüringen haben 80 Prozent der Menschen  keinen Bezug zur Religion. Die Kirchen sind generell in der Minderheit und da entstehen natürlich Vorurteile und Ängste. Umso wichtiger ist es, gemeinsam mit der Politik deutlich zu machen, dass es keinen Grund gibt, vor dem Islam Angst zu haben. 

 

Welche Solidarität erleben Sie speziell von der Linken?

 

 Die Linke macht schon das beste aus der Situation. Große Unterstützung erfahre ich auch von der linken Regierung. Für linke Politiker ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Religionsfreiheit geschützt wird. Manche sagen auch, dass Religion Privatsache ist. Das macht uns Mut, das Thema Religionsfreiheit mit Bürgerdialogen und Veranstaltungen wie interkulturellen Dinnern weiter zu kommunizieren. Wir brauchen Dialog und Aufklärung, um unsere Probleme zu lösen. Gewalt löst dagegen nie ein Problem. Wir müssen immer wieder deutlich machen, wenn etwas gegen das Grundgesetz ist, dann hat es keinen Platz in unserer Gesellschaft. Die AfD macht genau den Fehler, das Grundgesetz anzutasten. Ich finde aber, dass die Landesregierung da eine tolle Arbeit leistet, um die Religionsfreiheit zu schützen.

 

Thomas Holzmann  

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/3/artikel/es-geht-um-religionsfreiheit-1/