26. Juli 2016

Inklusion so kraftvoll angehen wie die Gebietsreform

Falko Stolp ist Direktor der Gemeinschaftsschule am Roten Berg in Erfurt.

 

Mein einstiger Schuldirektor war ein klischeehaft-konservativer spießiger, zu oft mies gelaunter Mensch und Mitglied der CDU. Von modernen Unterrichtsmethoden,  Lehrerevaluierung, Digitalisierung oder Inklusion  hielt er damals so wenig, wie es heute noch zu oft ist. Kommt mensch an die Gemeinschaftsschule am Roten Berg steht einem eine ganz andere Art von „Direx“ gegenüber. Falko Stolp wirkt, trotz seiner 60 Jahre, durch sein wohltuend frisches Auftreten und seine positive Einstellung eher wie ein Pädagogikstudent, der gerade den zweiten Bildungsweg vollendet hat. Nach der Wende war der bekennende grüne „Fundi“ zunächst Lehrer und später Schulleiter im beschaulichen Straußfurt.  2004 begann er sich zu fragen: „Soll das schon alles gewesen sein?“ Er wollte etwas anderes, spannenderes machen. Die Regelschule Alfred-Brehm in Jena-Lobeda war so etwas. „Neben Vorzeigeprojekten wie der Lobdeburg- oder der Montessorischule war das Eine, die nicht so einfach war, in der es viel Arbeit gab. Das lag auch daran, dass die Schüler mit Migrationshintergrund dort regelrecht gesammelt wurden.  Nachdem die Brehm-Schule wegen Sanierung vorerst geschlossen werden mussten, bot das Ministerium Stolp an: Entweder den Job am Roten Berg zu übernehmen oder seinen Posten als Schulleiter abzugeben.  




Wie schwer hat man es als Reformpädagoge und Umweltaktivist an einer Thüringer Schule?

 
 In Jena hatte ich mit Teilen des Lehrerkollegiums große Probleme. Da war ich oftmals der Gelackmeierte. Es ist leider so, dass nicht alle so reformfreudig sind. Manchmal überlegte ich, ob ich mir das noch antun muss? Manch Lehrer ist schwerer zu motivieren als jedes Kind. Als ich zum ersten Mal nach Erfurt kam, dachte ich: Schon wieder so eine Wohngebietsschule. Meine Frau sagte: „Wer, wenn nicht du, soll es machen?“ Und wer weiß – hätte ich das Angebot abgelehnt, wäre ich vielleicht als Lehrer an einen Schulleiter geraten, mit dem ich nicht zurecht gekommen wäre. In Erfurt gewohnt habe ich vorher schon, aber da war ich anonymer. Jetzt bin ich hier nicht privat, sondern auch beruflich und politisch unterwegs.  An der Erfurter Schule wurde ich logischerweise nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Beim ersten Gespräch fragte ich: Gibt es hier interaktive Whiteboards (digitale Tafeln)? Das wurde verneint. Ich hatte den Eindruck, dass man damals den Bedarf noch nicht erkannt hat. Über die Jahre habe ich gelernt Geduld, zu haben und nicht immer gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. So hat es nach sechs Wochen auch mit den Whiteboards geklappt.

 
Digitalisierung ist in aller Munde und Kinder lassen sich leicht begeistern. Ziehen Eltern und Lehrkräfte beim elektronischen Lernen (e-learning), u.a. neuen Methoden auch mit? 


Ich stehe für den gleichberechtigten Einsatz aller Medien und Unterrichtsformen. Wenn ich von e-learning anfange, kommt immer gleich: „Aber Bücher sind auch wichtig“. Das Gleiche, wenn es um Stationsbetrieb oder Gruppenarbeit geht: „Aber Frontalunterricht ist auch wichtig“. So ist das überall. Wenn man sich für Fahrradfahrer einsetzt kommt: „Aber ohne Autos geht es auch nicht“. Ich finde, Schüler sollten mit einem Buch genauso lernen können wie mit einem Computer. Digitale Medien werden aber nicht genug in der Schule eingesetzt. Es gibt Kollegen, die haben  Probleme, wenn sie einen Brief am Computer schreiben sollen. Das kann nicht sein! Wer sich in anderen Berufen nicht auf den Computer eingestellt hat, ist heute mit Sicherheit arbeitslos.  


Noch viel kontroverser wird über das Thema Inklusion diskutiert.  


Das ist in der Tat ein ganz wichtiges Arbeitsfeld. Inklusion ist ein Menschenrecht und darüber diskutiere ich nicht. In Jena wurden 2006 sehr schnell die Förderschulen abgeschafft und es gab viele Auseinandersetzungen.  In Jena und Erfurt hörte ich anfangs Sätze wie: „Die gehören nicht hierher“ oder „Ich bin nicht dafür ausgebildet“ u. ä. Das gibt es jetzt nicht mehr. Das Bewusstsein hat sich dahingehend verändert, dass wir sagen: Jedes Kind darf in eine Schule seiner Wahl gehen!  Ich bin gegen Förderschulen als Institution.  Aber ich bin sehr für die Lehrer, die dort arbeiten. Deren wichtige Kompetenzen brauchen wir an jeder allgemeinen Schule. Dieser Meinung sind mehrheitlich auch die Kollegen, die bei uns arbeiten. Wir haben jetzt z.B. eine autistische Schülerin und das klappt prima. Auch die nicht so braven Schüler kriegen wir in den Griff. Im nächsten Schuljahr wollen wir beginnen, Gehörlose aufzunehmen. Das Kollegium steht voll dahinter.


Wie sehen Sie die Entwicklung der Schulform?

 
Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder in Europa, die eine Selektierung vornehmen. Nicht nur in Skandinavien ist das anders. Ich nenne Italien als Beispiel. Dort gehen die Kinder bis zur  8. Klasse gemeinsam in die Schule. Sonder- oder Förderschulen gibt es nicht mehr. Gemeinschaftsschule heißt immer Vielfalt und Vielschichtigkeit. Dazu braucht man andere Unterrichtsformen. Bei Frontalunterricht ist schon aufgrund des  unterschiedlichen Arbeitstempos Ineffektivität und Unruhe vorprogrammiert, weil der Erste fertig ist, während der Letzte noch keinen Strich zu Papier gebracht hat. Es reicht heute nicht zu sagen: Löst Aufgabe drei im Lehrbuch auf Seite sieben.

 
Um die Qualität des Unterrichts zu verbessern, wird in anderen Ländern mehr evaluiert. Warum nicht in Deutschland?

 
 Das gibt es doch. „Schüler als Experten für Unterricht“ (www.sefu-online.de) ist eine Onlineplattform der Uni Jena, bei der Schüler den Lehrer bewerten können. Ich mache es jedes Jahr. Ich finde das Feedback wichtig und den Schülern wird gezeigt, dass sie ernstgenommen werden. Man bekommt wertvolle Hinweise, bei denen ich oft gesagt habe: Stimmt, das muss ich ändern. Wichtig ist aber auch, dass die Schulen an sich extern und intern evaluiert werden. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf seitens des Ministeriums.

 
Einiges ändern sollte sich auch durch die neue Landesregierung. Was hat r2g aus ihrer Sicht bisher bewirkt? 


Anfangs ging es fast nur um die freien Schulen. Das ging mir etwas auf die Nerven. Aber das ist jetzt gelöst. Ich wünsche mir eine Stärkung der Gemeinschaftsschule und, dass etwas gegen die Allmacht der Gymnasien getan wird. Auch wäre es schön, wenn das Thema Inklusion genauso kraftvoll angegangen würde, wie z.B. die Gebietsreform. Aber bei uns ist alles gut. Der Lehrerverband hatte vor kurzem zum Thema Inklusion eine Umfrage gemacht. Ich bewertete alles positiv. Daraufhin wollten die sich das noch vor den Ferien anschauen. Ich sagte ja, aber wir nehmen dann noch Personalrat, die Beratungslehrer, die sonderpädagogischen Fachkräfte und die Schulleitung dazu. Antwort: Es klappt vor den Ferien leider nicht mehr … (lacht).  Gut ist, dass wir als Gemeinschaftsschule den Vorteil haben, Stellen ausschreiben zu können. Durch die Umstellung haben wir viele neue Lehrer bekommen. Diese Auffrischung hat gut getan. In der Öffentlichkeit wird oft gesagt, die versprechen Lehrer einzustellen und machen es nicht. Aber manche Lehrer sind schwer zu finden. Hier gab es keinen Musiklehrer. Jetzt haben wir endlich einen und das ist vor allem für die kulturelle Bildung – wir sind ja über die Kulturagenten auch Kulturschule – von enormer Wichtigkeit.

 
Das dürfte auch die Integration von Flüchtlingskindern erleichtern ...


Wir waren auch schon vor dem großen Zuzug gut vorbereitet und nicht überfordert. 2014 haben wir mit dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angefangen mit u.a. der unmissverständlichen Botschaft, auch an die Eltern: Bei uns hat Rassismus keinen Platz! Zu Beginn des letzten Schuljahrs wurde es offiziell. Wenn ein Schüler jemanden z. B. als „Schwarze Sau“ bezeichnet, handeln wir sofort und konsequent.  Natürlich haben die Flüchtlingskinder am Anfang in manchen Stunden noch nicht viel verstanden, aber in Mathe, Musik oder Sport klappt das schon ganz gut. Es gibt auch einige Kinder, die jetzt schon sehr weit sind und bereits anfangen, ihre Mitschüler zu überholen.


Thomas Holzmann 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/3/artikel/-8d04ddbd6b/