1. November 2016

Praktikerin, die etwas bewegen will

Doreen Amberg ist Lehrerin in Weimar. Für DIE LINKE ist die 29-jährige seit 2014 im Kreistag im Saale-Holzland-Kreis aktiv und im Orlamünder Stadtrat engagiert. Foto: Alexander Schlotter, Saaleland-Phogtography

Jung, links und kommunalpolitisch aktiv – solche Menschen sind nicht nur in Thüringen rar, erst recht, wenn es um den ländlichen Raum geht. Doch es gibt ihn, den politischen Nachwuchs, der das politische Handwerk vor Ort, in der Kommune erlernt und voller Ideen steckt.

 

Starres Korsett an der Uni


Doreen Amberg gehört zu diesem politischen Nachwuchs. Die junge Frau aus dem Saale-Holzland-Kreis fiel schon in der Pubertät dadurch auf, dass sie alles kritisch hinterfragte. Schon früh setzte sie sich als Klassensprecherin für die Belange anderer ein. Während des Studiums stellte sie dann fest, dass sie eher ein praktischer Mensch ist, der viele Ideen hat und immer etwas bewegen will. „Das war im starren Korsett der Universität nur sehr eingeschränkt möglich. Neben meinem Studium in Jena habe ich im Möbelmarkt gearbeitet, um meinen Eltern nicht zu sehr auf der Tasche zu liegen. Außerdem wollte ich mir etwas Eigenes schaffen“, sagt die Regelschullehrerin für Deutsch und Ethik.

 

In der Heimat etwas anpacken 

 

Nach dem Studium zieht es viele des Geldes wegen weg aus Thüringen. „Ich hatte diesen Wunsch nie. Ich wollte in meiner Region bleiben und in der Heimat anpacken, etwas voran bringen. Ich war in verschiedenen Vereinen aktiv und hatte Spaß daran, mich für meinen Heimatort Orlamünde einzusetzen“, meint Doreen Amberg. Doch ein Referendariat in Thüringen beginnen zu können, schien aussichtlos. Deswegen nahm sie schweren Herzens das Angebot von Sachsen-Anhalt an, ihr Referendariat in Sangerhausen absolvieren zu können. „Die Schule hätte mich gerne nach der Ausbildung übernommen, doch ich wollte wieder nach Hause. Da konnte mich auch kein Verbeamtungsangebot von Sachsen-Anhalt locken.“ Doch sie pokerte zu hoch – und landete schließlich, statt im staatlichen Schuldienst des Landes Thüringen, in einer privaten Berufs- und Sekundarschule in Naumburg. „Dort habe ich die personelle Ausbeutung und Unterbezahlung von Lehrkräften an Privatschulen am eigenen Leib zu spüren bekommen. Am Ende des Schuljahres war ich völlig ausgebrannt.“

 

„So müssen Politiker sein“


Da tauchte ein roter Hoffnungsschimmer im Leben von Doreen Amberg auf: Knuth Schurtzmann, einer der LINKEN Macher im Saale-Holzland-Kreis. „Er hat meine Lage mitbekommen, hörte zu und setzte sich für mich ein. So müssen Politiker sein!“ Schließlich konnte sie 2013 eine unbefristete staatliche Stelle an einer Regelschule in Weimar antreten.
„Endlich eine aus Orlamünde“ 
Es verging nicht viel Zeit, da meldete sich Knuth Schurtzmann wieder bei ihr. Gerade wurden die Listen für die Kommunalwahlen 2014 aufgestellt. Die Frage, ob sie denn nicht Lust habe, sollte ihr Leben verändern. Schon seit einem Jahr protokollierte sie ehrenamtlich die Stadtratssitzungen der Stadt Orlamünde, Politik war ihr nicht fremd. „Ich habe schon immer eine Affinität zur LINKEN gehabt. Besonders der Bereich Soziales, Bildung und Antifaschismus entsprach meiner Meinung.“ So entschied sie sich, nicht nur für den Stadtrat ihrer Stadt zu kandidieren, sondern auch für den Kreistag des Saale-Holzland-Kreises. Dass sie gewählt werde, daran hatte sie selbst nicht geglaubt. „Schon beim Verteilen von Wahlflyern und dem Hängen von Plakaten spürte ich aber, dass die Leute es toll fanden, dass sich endlich eine aus dem Ort engagiert. Orlamünde liegt am Ende des Kreises, von der Kreisstadt aus gesehen. Häufig wurden wir einfach vergessen.“ Doreen Amberg erhielt bei der Wahl nicht nur einen Sitz im Stadtrat, sondern auch im Kreistag. 

 

SHK-LINKE als zweite Heimat


Zusammen mit der Juristin Lisa Beckmann aus Crossen an der Elster steht sie für die zukünftige Generation linker Politikerinnen. Der relativ junge Kreisverband mit dem ebenfalls jungen Kreisvorsitzenden Markus Gleichmann machten es Doreen Amberg sehr einfach, sich wohlzufühlen: „Mein Kreisverband steht mir immer mit Rat und Tat zur Seite. Aber er lässt mich auch machen, bremst meine Kreativität und meinen Tatendrang nur selten aus und gibt mir so einen großen Spielraum, selbst zu gestalten. Dazu kommt, dass wir uns einfach alle prima verstehen.“ Mittlerweile bezeichnet die junge Frau „ihren Kreisverband“ als ihre zweite Heimat und ihre GenossInnen als Freunde.

 

Bildung und Antifaschismus


Politisch hat sich Doreen Amberg vor allem die Themen Bildung und Antifaschismus angenommen. „Ich finde es wichtig, dass kein Kind ausgeschlossen wird. Ich bin mit Herzblut Lehrerin.“ Es verwundert deswegen kaum, dass sie auch typisch linke Themen in ihrem Berufsfeld unterbringt. Stolz berichtet sie, dass ihre Schule eine Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage wurde und sich derzeit zu einer Thüringer Gemeinschaftsschule wandelt, beides Projekte, für die Doreen Amberg auch in ihrem Arbeitsumfeld gute Argumente fand. „Nebenher“, ein Wort, dass die Orlamünderin oft verwendet, ist sie in der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung und Schule aktiv. „Beharrlich und beständig denke ich, dass wir etwas erreichen können. Es tut als Praktikerin gut, gehört zu werden.“ Gemeinsam mit Dr. Steffen Kachel und Torsten Wolf vertritt sie die LAG als ehrenamtliche Sprecherin. „LINKE Bildungspolitik auch im Lehrerzimmer zu verteidigen, ist derzeit nicht immer einfach. Viele Kolleginnen vergessen, dass 25 Jahre CDU-Misswirtschaft nicht in zwei Jahren auszugleichen sind. Es gibt Baustellen ohne Ende. Wenn jetzt jemand kommt und sinnbildlich gräbt und dadurch viel Lärm macht, dann ist natürlich nicht jeder begeistert. Aber es passiert endlich etwas und wir werden in einigen Jahren stolz reflektieren, dass doch alles gut geworden ist.“
Antifaschismus ist für Doreen Amberg derweil selbstverständlich. Orlamünde liegt nicht weit weg von Kahla, einer Stadt mit einem nicht erst seit dem Brandanschlag auf den Demokratieladen bekannten Naziproblem. Gemeinsam mit der linken Bürgermeisterin Claudia Nissen-Roth versucht sie als Vorsitzende der Basisorganisation des Ortes andere Akzente zu setzen.

 

Hamster im Laufrad der Verwaltung?


Doreen Amberg ist ein positiver Mensch, der voller Energie steckt. Umso kritischer sieht sie die Vorgänge im Saale-Holzland-Kreis: „Der Landrat fährt den Karren vor die Wand. Er sitzt Probleme aus. Die Planungsregionen für die Schulnetzplanung zum Beispiel wurden scheibchenweise auf etliche Bildungsausschusssitzungen aufgeteilt ausgewertet. Nun erzählt der Landrat uns aber, dass wegen Zeitdrucks doch die alte Schulnetzplanung verlängert werden müsse.“ Doch davon lässt sich die Kreistagsfraktion DIE LINKE/ Grüne nicht entmutigen. „Manchmal kommen wir uns vor wie ein Hamster im Laufrad der Verwaltung, alles dreht sich im Kreis. Aber Stillstand ist keine Alternative. Es dauert zwar manchmal etwas, aber wir erreichen auch als Opposition im Kreis etwas.“

 

DIE LINKE muss sichtbar sein 


Als sehr schade empfindet die Kommunalpolitikerin, dass sich nur wenige junge Menschen politisch engagieren. Ein Stück weit hat das für sie auch damit zu tun, dass die Partei früher präsenter war. „Die Politik muss wieder zu den Menschen kommen. DIE LINKE muss sichtbar sein – mit ihrem sozialen Profil. Vertreterinnen von uns gehören auch auf die Straße, zum Beispiel bei Stadtfesten oder Wohltätigkeitsveranstaltungen. Außerdem müssen wir die Menschen, die sich abgehängt fühlen, wieder ernster nehmen. Bürgersprechstunden, Hartz-IV-Beratungen, all das bringt doch etwas. Es wird gerade auf dem Land eher nach Namen als nach Partei gewählt, und zwar unter der Frage: Was tut diese Person für die Wähler. Dass ich mich zum Beispiel aktiv für den Erhalt der Grundschule Orlamünde einsetze und sogar die Staatssekretärin für Bildung, Jugend und Sport in die baufällige Schule zum Gespräch geholt habe, das werden meine Wählerinnen und Wähler auch noch zur nächsten Kommunalwahl wissen. Wenn nun auch noch unser Fördermittelantrag für die Sanierung vom Innenministerium genehmigt wird, hat sich aller Einsatz gelohnt.“ 

 

In der LINKEN stehen die Türen offen


Um wieder mehr junge Menschen für Kommunalpolitik zu begeistern, hat  Doreen Amberg mit weiteren Mitstreitern die Kampagne „Junge Kommunalpolitker“ kurz #jukoth gestartet. Frei nach dem Motto: Schweigst du noch oder entscheidest du schon?  soll die Kampagne auf dem Landesparteitag am 5. November in Eisenberg  vorgestellt werden. „Wenn du als junger Mensch eine Idee hast, dich engagieren willst oder dich einfach politisch bilden willst, dann stehen dir in der LINKEN alle Türen offen. Besonders toll ist, dass auch noch verschiedene Türen zur Lösung aufgezeigt werden, man also selbst der Entscheider ist. Dieses Gefühl vermittelt mir mein Kreisverband jeden Tag auf‘s Neue. Ich genieße das und arbeite sehr gerne ehrenamtlich für die Partei. Hier habe ich meine Heimat in der Heimat gefunden.“

         
Thomas Holzmann