13. Dezember 2016

Weise Menschenfreundin

Ingeborg Giewald beim Begegnungsfest mit „Neubürgern“ in Ilmenau.

 

 

Bindeglied zwischen Campus und Stadt

 

Montagmorgen im Dezember, die Sonne lacht über der herausgeputzten Universitätsstadt Ilmenau. „In Ilmenau, da ist der Himmel blau ...“, das hat Goethe nie gesagt, aber er liebte einst die herrliche Natur am Nordrand des Thüringer Waldes und auch einige andere Vorzüge der Kleinstadt. Weder Goethes Bergwerkflop noch die alte Glas- und Porzellanindustrie gibt es noch. Dank der Technischen Universität ist Ilmenau heute trotzdem vielleicht die modernste Stadt Thüringens. Die TU ist nicht nur der wichtigste Arbeitgeber, sondern auch ein erheblicher kultureller und sozialer Faktor. Damit die Potentiale einer Uni von internationalem Format für alle  nutzbar werden, braucht es Menschen, die als Mittler und Bindeglied zwischen Campus und Stadt wirken.

 

Selbstlos und hilfsbereit 

 

So ein Bindeglied ist Ingeborg Giewald. Passenderweise wohnt sie seit eh und je auf dem Campus. Eigentlich sollte sie raus aus der Platte, aber sie wehrte sich, bestand auf ihrem unbefristeten Mietvertrag. Mit Erfolg. Zwar kennt der Computer des Studentenwerks keine unbefristeten Verträge, aber jetzt sind es immerhin 40 Jahre. Angesicht  des Tatendrangs, den die Diplom-Ingenieurin versprüht, muss der wohl auch noch mal verlängert werden. Cuba si, Flüchtlingshilfe und natürlich die Kommunalpolitik liegen ihr am Herzen und lassen selbiges wohl ewig jung bleiben. Aber der Reihe nach. Bevor das Gespräch mit Ingeborg Giewald beginnen kann, klingelt das Telefon. Nach wenigen Minuten kann sich wieder ein Flüchtling freuen, für den sie einen Deutschkurs organisiert hat.  Selbstlos, hilfsbereit und eine wahre Menschenfreundin, das war Ingeborg Giewald schon immer. Viele kennen sie außerhalb Ilmenaus durch ihr Engagement bei Cuba si. 

 

Kuba: beim humanitären Spitze 

 

Wie viele Linke trauert sie um Fidel Castro: „Er hat manche Dinge anders angefasst als wir es tun würden. Wenn einer eine Revolution macht, zieht er keine Samthandschuhe an. Sonst hätte er nicht gewonnen. In Venezuela und anderswo sieht man, wie schnell es gehen kann, wenn man die Macht erringt, aber nicht verteidigen kann. Castro hat Kuba von der amerikanischen Vorherrschaft befreit und diesen Erfolg über Jahrzehnte verteidigt. Was das Humanitäre betrifft ist Kuba, gemessen an  anderen Staaten in der Region, Spitze. Das belegt auch die UNO. Die Kubaner haben mit ihrer Revolution für viele ein besseres Leben geschaffen.“  Dass Kuba mit der zunehmenden Öffnung der Ausverkauf droht, glaubt Giewald nicht, denn Grund und Boden bleiben trotz aller Reformen stets Eigentum des Staates. Es gibt viele positive Aspekte, aber Kuba hat große Probleme, auch aufgrund des US-Embargos. Deswegen sind die Hilfsprojekte von Cuba si notwendig, nicht nur materiell. 

 

Deutschlehrerin für Kubaner  

 

Schon bevor Cuba si 1991 beim Parteivorstand der damaligen PDS gegründet wurde, hat Ingeborg Giewald Menschen aus dem sozialistischen Bruderstaat beim Erlernen der deutschen Sprache geholfen. Ilmenauer Deutschlehrer kamen damals mit den kubanischen Arbeitern – erwachsene Menschen, keine Kinder – nicht gut klar. Sie war zu der Zeit Referentin für Bildung im Bereich Elektronische Bauelemente und dachte sich: Deutsch konnte ich immer gut, Spanisch kann ich ein bisschen. Ich versuche das einfach. Das hat wunderbar funktioniert. Alle kamen durch die Prüfung und ich habe selber Spanisch gelernt.“ Später gab sie auch noch Vietnamesen Deutsch-Unterricht und lernte selbst diese Sprache ein bisschen – so gut, dass sie einem Doktoranden auf Vietnamesisch gratulieren konnte. 

 

Gutes Miteinander ausländischer und einheimischer Menschen

 

Angesicht solcher Erfahrungen erscheint es mehr als logisch, dass sie nach der Wende bis 1998  ehrenamtliche Ausländerbeauftragte in Ilmenau wurde, auch wenn kaum einer der ausländischen Vertragsarbeiter nach 1990 noch blieb. Dafür kamen viele neue Gäste. „Ilmenau hatte schon ausländische Studenten als die TU noch eine Ingenieursschule war. Damals gab es noch keine Wohnheime. Die Leute im Villenviertel haben auch  Studenten aufgenommen. Das hat Ilmenau geprägt. Ich habe nicht gehört, dass es  damals Probleme gab.  Zum guten Miteinander heute trägt auch das studentische Leben in den vier Clubs in den Kellern der Wohnheime bei, wo ausländische und einheimische Menschen schon immer gerne und oft zusammen gefeiert haben.  

Trotzdem hatten Anfang der neunziger Jahre, im Zuge der allgemeinen Xenophobie, ausländische Studierende Probleme mit Anfeindungen in der Stadt. „Viele haben sich dann nicht mehr in die Stadt getraut. Wir haben deshalb an der Uni extra einen Interclub gegründet, den es heute noch gibt. Diese konkrete Hilfe ist es, die von so unschätzbarem Wert ist.“ 

 

 „Party, Lernen und Multikultur

 

„Party, Lernen und Multikultur war unser Ansatz. Wir haben sogar zusammen mit der VHS einmal Wolfgang Nossen und einen Geschichts-Professor aus Haifa eingeladen, um mit palästinensischen Studenten zu diskutieren. Trotz mancher Vorurteile reichte man sich die Hand und die Palästinenser waren begeistert.  Das war eine tolle Veranstaltung. Heute wird man bei dem Thema schnell auf die Antisemitismusschiene oder die Gegenseite geschoben“, blickt Ingeborg fast mit etwas Wehmut zurück. 

 

Unterkunft für Flüchtling in ihrer Wohnung 

 

In ihrer typischen Plattenbauwohnung bietet sie derzeit einer jungen Frau aus Albanien Unterkunft, bis eine eigene kleine Wohnung gefunden wird. Ihr hat Ingeborg eine Ausbildung als Köchin in einem Ilmenauer Hotel organisiert und so gute Zukunftschancen eröffnet. Um das Nachholen ihres Mannes kümmert sie sich bereits.  

 

Ilmenau: Schmelztiegel der Kulturen 

 

Manches ist heute schwieriger, aber den Multikulturalismus hat Ilmenau noch. Besonders deutlich wird das alle zwei Jahre bei der ISWI, der Internationalen Studierendenwoche in Ilmenau, die den Campus und die halbe Stadt in einen Schmelztiegel der Kulturen transformiert. Davon profitieren alle. 

 

"Sportliches" aus der Kommunalpolitik 

 

Seit 2004, in dem Jahr als sie an der TU in den (Un)-Ruhestand ging,  sitzt Ingeborg Giewald im Stadtrat. Dazu ist sie im Vorstand der Ilmkreis-LINKEN aktiv. „Ich habe eine Woche von Montag bis Montag.  Wochenenden sind so gut wie nicht drin. Aber es macht mir Spaß, sonst würde ich es nicht machen.“  Noch dieses Jahr soll im Stadtrat der Haushalt beschlossen werden. „Eine ganz schön sportliche Geschichte“, findet sie. Dazu muss man wissen, dass anders als z. B. im Erfurter Stadtrat, DIE LINKE in Ilmenau keine hauptamtlichen Mitarbeiter hat. 

 

Räume für alternatives Leben 

 

Für die bessere Verzahnung zwischen Stadt und Uni gibt es seit  2006 ein Gremium, welches die  Belange der Studierenden in der Stadt vertritt – der Studierendenbeirat. „Es gibt eine gute Zusammenarbeit zwischen OB, Landrätin und Rektor. Die Uni wächst langsam in die Stadt herein. Das muss nicht allein durch Wohnen erzwungen werden, das geht vor allem kulturell.  Vor einigen Jahren hatte eine studentische Gruppe ein Haus besetzt und wollte dort preisgünstiges Wohnen, aber auch Räume für Vereine schaffen“, erinnert sich Ingeborg. Der Vermieter behauptete, das Haus sei so marode, dass es abgerissen werden müsse. Es steht heute noch ...  So geht die Diskussion über Räume für alternatives Leben weiter. Mit der „Baracke 5“ gibt es immerhin, nach Abriss und Neubau, wieder einen Ort, wo kulturelles Leben vor allem in Form von Musik regelmäßig stattfinden kann. Ingeborg weiß aber auch, dass die Stadt alleine solche Orte nicht betreiben kann und will. 

 

Ilmenau hat praktisch keine Flüchtlingsprobleme 

 

In der Flüchtlingsfrage war man in Ilmenau schnell bei der Sache. Als sich Ende 2014 die Anzeichen für den massiven Zustrom verdichteten, gab es erste Treffen. „So ist unser Netzwerk entstanden. Es sind derzeit etwa 250 Leute. Unsere Arbeit umfasst die Kernpunkte: Dolmetscher, Paten, Spenden, Deutsch und Koordinatoren für weitere Aktivitäten. Flüchtlinge werden beim Ankommen an die Hand gekommen. Das ist ein kolossales Pfund, mit dem wir erreicht haben, dass es in Ilmenau praktisch keine Flüchtlingsprobleme gibt. Natürlich treten auch mal Schwierigkeiten im Zusammenleben auf, da versuchen wir zu helfen.“ Ingeborg kümmert sich um Wohnung und Kindergärten sowie um Beratung bei täglichen Fragen. „Es ist in der Mehrzahl eine sehr dankbare Aufgabe, auch wenn es bei den Flüchtlinge natürlich solche und solche gibt. Das Ilmenauer Flüchtlingsnetzwerk – und mit ihm Ingeborg Giewald – konnten im November den Thüringer Integrationspreis entgegen nehmen. 

 

"Wenn man über den Energiewall nicht hinweg kommt, muss man Tunneln.“ 

 

Auch in die Landespolitik ist Giewald involviert. Gerade war sie bei einer Diskussion mit der Migrationsbeauftragten über das Thüringer Integrationskonzept. „Ich finde, wir sollten die rot-rot-grüne Regierung unterstützen so gut wir können. Das heißt aber nicht, dass wir kritiklos sein müssen. Kritik muss konstruktiv und direkt sein und kein Stammtischgebrabbel. Einiges wurde auf den Weg gebracht, auch wenn manche kritisieren, es sei keine LINKE Politik.  Es muss eine Politik gemacht werden, mit der alle drei Partner leben können. Das war mir klar als ich Rot-Rot-Grün zugestimmt habe.  Es muss mehr vor Gesetzesänderungen diskutiert werden und nicht hinterher. Wenn man sich mal geeinigt hat, dann sollte es auch umgesetzt werden. Vieles wird durch Bundesgesetze vorgegeben. Ich erwarte aber von einer linken Regierung, dass die vorhandenen Spielräume ausgenutzt werden. Das ist wie in der Physik: Wenn man über den Energiewall nicht hinweg kommt, muss man Tunneln.“ 

 

Weise Worte einer wahren Menschenfreundin, die sich für die Zukunft wünscht, mindestens 100 Jahre zu werden und natürlich gesund zu bleiben, damit sie alles, was sie sich vorgenommen hat, schaffen kann. Dazu gehört auch der Wunsch, nochmal nach Kuba oder in andere Weltregionen mit interessanten kulturellen Hinterlassenschaften zu reisen. Und davon gibt es für Ingeborg Giewald sehr viele.  

 

 

Thomas Holzmann