10. Januar 2017

Hochkultur und Soziokultur: Symbiose statt Hass-Liebe

Katja „Katinka“ Mitteldorf holte 2014 für die LINKE in Nordhausen das Dirketmandat. Die Kulturwissenschaftlerin und Schauspielerin ist seitdem stellvertretende Fraktionsvorsitzende sowie Sprecherin für Kulturpolitik und Religionsfragen.

Kulturpolitische Debatten sind oft kompliziert, weil Begriffe wie Hochkultur, Soziokultur, frei Szene usw. nicht klar sind. Welcher Kulturbegriff ist Grundlage für das politische Handeln der Linksfraktion im Thüringer Landtag?

 

Kultur ist jedenfalls kein elitärer Kackscheiß, denn ohne sie würden wir nicht in einer Demokratie leben. So habe ich das mal im Wahlkampf formuliert. Ich persönlich beginne Kultur als Begriff nicht erst bei Oper, Theater oder was auch immer. Kultur beginnt für mich, wenn Menschen sich begegnen und miteinander in einen Austausch treten. Kultur ist keine Geranie am Staatsfrack, die im politischen Handeln für sich allein steht. Kulturpolitik muss  sich daher auch stärker durch alle Bereiche und Miniserien ziehen, weil es jeden Menschen betrifft. Kunst und Kultur sind für mich Grundlage und Anspruch einer demokratischen Gesellschaft.   

 

In der Kulturpolitik fallen Sonntagsreden leicht. Aber es gibt doch erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Akteuren von einer Oper bis zu einem alternativen Jugendzentrum.

 

Das gegeneinander Ausspielen von so genannter Hochkultur und  Breiten- und Soziokultur lehne ich total ab. Schon durch die Begriffe, werden absurde Schubladen bedient. Es wird impliziert, das eine sei mehr wert als das andere. 

 

Will heißen: Soziokultur wurde bisher nur als eine Art Hobby verstanden?

 

Kunst und Kultur generell, ja. So wurde die Debatte leider über Jahre geführt, besonders bezogen auf alles abseits von Kulturinstitutionen wie Museen, Theatern und Orchestern. Auch wenn diese ebenso immer wieder um ihre Existenz bangen müssen, werden sie aber von den meisten Menschen als wichtig genug empfunden, um sich für sie einzusetzen. Sozio- und breitenkulturelle Projekte dagegen müssen sich stets noch stärker erklären, sich rechtfertigen.  Es wird oft negiert, was die freie Szene für einen wichtigen Anstoß für die gesellschaftliche Entwicklung gibt. 

Gerade im ländlichen Raum sind diese Projekte oft das Einzige, was es noch gibt. Wie das Kulturkollektiv Goetheschule in Lauscha (siehe hier). Ohne diese Initiativen und Knotenpunkte würde ganz viel brach liegen in der gesellschaftlichen Entwicklung und Teilhabe, aber auch was den Konsum von Kunst und Kultur betrifft. Aber fast alles ist rein ehrenamtlich und es scheint keine Lobby zu geben. Gerade die freie Szene lässt sich auch nicht immer in Verwaltungsschubladen stecken, in diese oder jene Richtung oder dieses und jenes Genre. 

So entsteht das, was oft als Ungleichgewicht zwischen so genannter Hoch- und Soziokultur empfunden wird. Dabei ist alles Teil der Kulturlandschaft. Die einen können auch nicht ohne die anderen. Es muss eine Symbiose sein, statt dieser – provokant gesagt – Hass-Liebe untereinander, auch wenn ich natürlich weiß, dass der, wie ich ihn nenne, Kulturkannibalismus untereinander natürlich auch auf politisches Agieren zurückgeht. 

Ich sage: Die freie Szene ist wichtig, damit sich Leute kulturell und gesellschaftlich entwickeln können und sich so vielleicht auch mal für Kunst interessieren. Und andersrum ist es sehr sinnvoll, wenn feste kulturelle Institutionen ihr Publikum von morgen oder Übermorgen da suchen, wo es heranwächst, ohne die Entwicklung als Konkurrenz zu betrachten.  

 

Zum Beispiel, wenn das Erfurter Theater einen Auftritt beim Stadtteilfest am Wiesenhügel absolviert?

 

Genau. In manchen fest etablierten Institutionen, wurde über Jahre verkannt, dass man sich auch bemühen muss, neues Publikum anzulocken und zu entwickeln. Schon bestehende Netzwerke und Knotenpunkte sollte man nicht ignorieren, sondern man kann und muss sich quasi unterhaken. Miteinander reden, miteinander entwickeln, miteinander arbeiten.  

 

Ob Punkband oder Oper, in einer Stadt wie Erfurt, sollte es Vielfalt geben. Aber wie will r2g  in schweren Zeiten, gerade für viele klamme Kommunen, professionelle Theater, Orchester, Museen usw. – wie versprochen – dauerhaft erhalten?

 

Seit Jahren kämpfe ich dafür, dass Kunst und Kultur nicht zuallererst immer nur vom Geld her diskutiert werden, denn in dieser Diskussion liegt schon das erste Problem an sich.   Der Ansatz „Kultur muss sich rechnen“ ist doch abartig. Nachhaltigkeit von Kultur und Erfolge von Projekten in diesem Bereich ist doch in Verwaltungsformblättern nicht adäquat messbar. Die deutsche Bürokratie verlangt aber diese Formblätter und Evaluationen. Man könnte sowas wie Lebensqualität messen. Aber die Aufgabe der Ämter und Behörden ist das Messen, ob das Geld der öffentlichen Hand lohnend eingesetzt wurde. Das kann und werde ich übrigens auch Niemandem vorwerfen. 

Die Frage sollte aber trotzdem nicht sein, ob wir uns Kunst und Kultur leisten können. Wir MÜSSEN es uns leisten wollen!  Egal, ob es ein ausfinanziertes Theater wie Meinungen oder irgendeine Kleinkunstbühne betrifft –  weder Land noch die Kommunen dürfen, immer wenn Geld im Haushalt fehlt, zuerst bei der Kultur kürzen. Kulturkürzungen haben noch nirgendwo einen Haushalt saniert. 

 

In Erfurt passiert aber gerade genau das. Sowohl was die Soziokultur als auch was  z. B. Museen angeht. 

 

Ja, und das ist Sch …, aber es ist eben auch eine Problematik des Kapitalismus. Zum Glück wird es immer Menschen geben,  die dann versuchen, das Ding auch ohne Geld zu wuppen. Problematisch ist dann natürlich, dass die öffentliche Hand dann sagen kann: Na, bitte es geht doch auch ohne Geld. R2g sieht das anders und ist gerade, was das angeht, gut für die Kultur, weil wir Kunst- und Kultur als Lebensmittel und Lebensgefühl und ja – auch als Wirtschaftsfaktor – gar nicht erst in Frage stellen. Wir wollen aber nicht Kulturinstitutionen ausbluten lassen und dafür der freien Szene mal ein paar Bröckchen hinwerfen. Dann schüren wie die Neid-Debatte noch mehr und sorgen als politisch Verantwortliche dafür, dass der Kultur-Kannibalismus  weiter um sich greift. R2g versucht ja gerade, dagegen steuern. Das ist ein hartes Stück Arbeit und ich befürchte, eine Legislatur reicht lange nicht aus. 

Was bedeutet das praktisch?

 

Wir haben zum Beispiel immer einen solidarischen Kulturförderausgleich gefordert. Das heißt, dass nicht nur Trägerkommunen kultureller Institutionen finanzieren, sondern alle Kommunen, die davon auch profitieren. Leider ist er noch nicht Realität geworden. Aber die Debatte darum wurde dank Benjamin Hoff endlich öffentlich geführt und wird uns auch weiter in den Diskussionen um die Neuausrichtung der Kulturförderung begleiten. 

 

 

Was kann die so genannte Soziokultur erwarten – einerseits was Verbesserungen in der Zusammenarbeit mit der Verwaltung betrifft und andererseits, was das Finanzielle angeht? 

 

Was die Zusammenarbeit mit Verwaltungen angeht, kann ich nur sagen: es steht und fällt immer mit handelnden Personen. Da kann man auch nicht wirklich etwas per Gesetz verordnen. Ein Kulturgesetz kann aber ein Anstoß für andere Blickwinkel sein. 

 Anders als im Koalitionsvertrag nennen wir es Kulturgesetz, weil wir davon weg kommen wollen, dass alle mit denen wir reden, sich nur über das Geld definieren. Ich verstehe die finanziellen Forderungen sehr gut. Ich plädiere nach wie vor für eine höhere Kulturquote im Landeshaushalt.  Aber wenn wir über ein Kulturgesetz reden, dann müssen wir zuallererst über  Inhaltliches reden, über Entwicklungsperspektiven. Da kommt nicht selten viel zu wenig, auch von den Kulturakteur*innen selbst.  Das ist ein Problem, deren Ursachen ich eingangs schon beschrieben habe. 

Dabei gibt es überhaupt noch sehr viele Fragen, die wir auch gemeinsam mit Kulturarbeitenden klären wollen.  Kann die Kulturstiftung des Landes zukünftig eine andere Rolle in der Kulturfinanzierung einnehmen? Wie können wir auch im Zuge der Verwaltungs-, Funktional- und Gebietsreform Möglichkeiten für  Regionalfonds schaffen?  Bringt es den erhofften Effekt, Kultur als Pflichtaufgabe in den Kommunen zu etablieren?  Wie kann man den Kulturlastenausgleich weiter entwickeln? Wir wollen ihn an den kommunalen Finanzausgleich, als eine Art Sonderanweisung nach dem Kurorte-Prinzip, kopplen. Über die Fragen wozu Musik- und Jugendkunstschulen oder auch Bibliotheken gehören – ob Bildung oder Kultur – und wie wir sie besser unterstützen können, müssen wir auch noch intensiver reden. Das alles wird die Debatte im nächsten Jahren nicht einfach, aber auch umso interessanter machen.  

 

Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/2/artikel/hochkultur-und-soziokultur-symbiose-statt-hass-liebe/