23. August 2016

70 Jahre überzeugter Marxist

Soldat, Flüchtling, Lehrer, Schulleiter und Buchautor. Dr. Bernhard Fisch kann auf 90 Jahre bewegtes Leben zurück blicken. Eines ist seit 70 gleich geblieben: seine marxistische Überzeugung.

 

Viel wird in der LINKEN über Geschichte geredet. Meistens über die DDR. Durch persönliche Betroffenheit emotionalisierte, hitzige Debatten. „Unrechtsstaat“ und „17. Juni“. Da geht manchmal der Blick auf das große Ganze verloren. Das gilt für die Traditionslinien des deutschen Konservatismus genauso wie für die Geschichte der Arbeiterbewegung und der linken Parteien. Eine wichtige Basis für die letzteren beiden sind und bleiben die Kapitalismusanalyse von Marx und Engels. Das Kapital kann auch der neoliberalste „Wirtschaftsweise“ nicht widerlegen.  Was liegt da näher, als mit einem Menschen über Geschichte zu reden, der vier deutschen Staaten miterlebt hat und diese Überzeugungen und Ansichten vertritt?

 


Für unsere schnelllebigen Zeiten sind 70 Jahre fast unvorstellbar lang. Für eine Ehe wie für eine Parteimitgliedschaft. Dr. Bernhard Fisch hat beides mitgemacht und erfreut sich an seinem 90. Geburtstag, dem  22. August, relativ guter Gesundheit. 

 

1945 noch rechtzeitig desertiert


Als 18-Jähriger noch 5 vor 12 für die Nazis kämpfend, entschied er sich gerade noch rechtzeitig zu desertieren. Durch die HJ-Indoktrination gehirngewaschen, war es ein Leutnant, der zu den Amerikanern überlief und so auch sein braunes Weltbild zerbröckeln ließ. Auf dem Heimweg nach Willenberg (heute: Wielbark) bewahrten ihn in Bayern französische Zwangsarbeiter davor, der SS in die Hände zu fallen. Statt dessen ergab er sich den Amerikanern. Weil er sich nicht als Schüler, sondern als Landarbeiter ausgab, war die Gefangenschaft schneller vorbei. Die  Tuberkulose – eine häufige Krankheit bei Vertriebenen – und die Narben des Krieges verheilten dagegen nur langsam.

 

Die Wahrheit über Nemmersdorf 


In einer typsichen Geraer Plattenbausiedlung wohnt Dr. Bernhard Fisch heute. An seiner Wand hängen Bilder von Ordensburgen – aus seiner Heimat, in die er 1945 nicht zurückkehren durfte. Damit beschäftigt er sich seit den 1970er Jahren intensiv und hat einige Bücher dazu geschrieben.  Sein 1997 im Verlag Edition Ost veröffentlichtes Werk „Nemmersdorf, Oktober 1944. Was in Ostpreußen tatsächlich geschah“, wurde viel diskutiert. Auch, weil es manchen Kritikern zu „Rote-Armee-freundlich“ daher kam. Bernhard Fisch entlarvte Falschaussagen und bewies, dass es zwar Gräueltaten der Roten Armee gab, die „Auslöschung“ des Ortes aber reine Propaganda war. Anders als die bundes- deutsche Geschichtsschreibung, die sich auf lange Zeit Berichte und Artikel offizieller NS-Stellen berief, hat Fisch auf Zeitzeugengespräche und Dokumente gesetzt. Und er hat sich auch kritisch mit der Sowjetarmee beschäftigt. Er wunderte sich, als er in Moskau in der Lenin-Bibliothek ausgiebig – auch Westliteratur – durchstöbern konnte, wie sehr Nationalismus und Hass auf die Deutschen gepredigt wurden. 
„Bernhard, bist Du solch einer?“
Dort studierte er auch intensiv, wie Stalin die heutige Oder-Neiße-Grenze festlegte – lange vor den großen Kriegskonferenzen. Wenn er früher von Ostpreußen und der Heimat erzählte, fragten die Leute oft: „Bernhard, bis Du solch einer?“ Mit der Betonung auf dem „solch“. Sein Konter stets: „Hast Du die Briefe von Engels an seine Mutter gelesen, wie sehr er an seiner Heimat hing. Oder die von Lenin über seine Heimat Wolga?“ „Ein solcher“ ist Bernhard Fisch ganz sicher nicht. Im „ND“ informiert er sich über die AfD und sieht Traditionslinien zu „den alten Nazis in der BRD, die nie ganz abgebrochen wurden“.  Auch sonst hat er klare Standpunkte und ist  überzeugter Marxist.

 

Der Enkelin den Mehrwert erklären 


Vor 70 Jahren, im Februar 1946, trat der begnadete Autodiktat in die SPD ein. Als er nach dem Krieg noch einmal die Schule besuchte, wurde viel über Politik diskutiert. Vom Lehrer befragt, ob die Schüler an einer Demo zur Einheit von SPD und KPD teilnehmen sollen,  bekam er einen roten Kopf. Davon hatte er keine Ahnung. Also nahm er sich das Kommunistische Manifest vor und verstand anfangs gar nichts. Erst die SED-Zeitschrift „Einheit“ öffnete Zugang zu linken Ideen. Heute erklärt er seiner Enkelin, was Marx unter dem Mehrwert verstanden hat. Damals gefiel ihm vor allem, dass es eine Partei „ganz neuen Typus“ gab. Er erinnert sich an gestandene Kommunisten und Sozialdemokraten, die nach dem thüringischen Vereinigungsparteitag „heulend aus dem Zug stiegen, aber vor Glück und nicht vor Trauer“. Heute weiß er aber auch mit Blick auf diese Zeit: „Stalin, das war ein ganz großes Schwein.“ 
Nicht nur allerlei politische Literatur konnte sich der junge Pädagoge in der DDR zu Gemüte führen. Die Anfänge der russischen Sprache brachte er sich ebenso selbst bei. Er wurde Russisch-Lehrer, zunächst in Suhl, ab 1958 im Kreis Stadtroda, später Schuldirektor. Als gefragter Dolmetscher war er einige Jahre Bindeglied der Kreisleitung der SED zur Roten Armee in Jena. Zwischenzeitlich auch in der Lehrerfortbildung beschäftigt, schrieb der promovierte Pädagoge Aufsätze zur Methodik des Fremdsprachenunterrichts. Als Lehrer war er immer mit vollem Engagement dabei. „In meinen letzten 15 Lehrerjahren wurde bei mir im Unterricht gearbeitet und nicht zu Hause Vokabeln gelernt. Die Schüler konnten am Ende tatsächlich Russisch sprechen“. So konnte er sich auch erlauben, von den Methoden, die das Ministerium vorgab, abzuweichen. 

 

Als Parteisekretär gegen Personenkult


Auf der Schule lernte er seine Frau kennen. „Die war frech und hat widersprochen. Das hat mir gleich gefallen.“ Seine Frau, ebenfalls bis heute Genossin und einst Abteilungsleiterin für Agitprop,  wirft ein „dass er früher ein ganz Scharfer“ gewesen sei. Schnell wurde er zum Parteisekretär gewählt. Trotzdem hat er bis heute eine gewisse Nullbeachtung gegenüber hohen Parteifunktionären. Ob das daher rührt, dass er einen Posten bei der FDJ verlor, weil er beim überbordenden Personenkult nicht mitmachen wollte? Schlecht ging es ihm in der DDR trotzdem nicht. Auch damals konnte er schon in seine Heimat reisen. Nebenbei begründete er das Wandern als anerkannte Sportart und unterstützte die Entwicklung von regelmäßigen touristischen Großveranstaltungen.


Zur Wende hatte er Glück und konnte in Rente gehen, während andere in jahrelange Arbeitslosigkeit stürzten. Das Ende hat der Polen-Kenner schon mit der Wahl Johannes Paul II. geahnt. So mancher hat sich nach der Wende aus dem Politischen zurückgezogen, mit dem Parteibuch auch die ganze „Blaue Reihe“ auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Da gehört für Fisch der Stalinismus hin, keineswegs aber die Ideen von Marx und Engels. Aktiv blieb er auch nach 1990. Zur Wendezeit gründete er den „Verband der Umsiedler der DDR“. Mit seinen Positionen und Forderungen gab es jedoch, wenig überraschend, beim Bund der Vertriebenenkeine Chance. 

 

„Denken nur noch parlamentarisch“


In der Geraer LINKEN, seit einigen Jahren neue Heimat, gilt Bernhard Fisch bis heute als sehr aktiv. Lange hat er in der AG Geschichte der Partei in Thüringen mitgearbeitet. Wegen ihrer großen Kenntnisse marxscher Werke hält er große Stücke auf Sahra Wagenknecht. Die rot-rot-grüne Landesregierung interessiert ihn allerdings weniger.  „Ich war ein bisschen erschrocken, über die Genossen, die ich in letzter Zeit kennen gelernt habe. Taucht ein Problem auf, heißt es: Das müssen wir in dem und dem Ausschuss behandeln. Es wird nur noch parlamentarisch gedacht. Dass wir die Leute darüber hinaus organisieren müssen, um mehr Einfluss zu gewinnen, fehlt.“  Im Supermarkt studiert er gerne die Menschen, für die DIE LINKE kämpft und wundert sich: „Wir kennen nicht den Arbeiter, von dem wir die Stimmen haben wollen.“ Die Situation vergleicht er mit dem Russischunterricht: „Dem Menschen eine ungeliebte Sprache beizubringen ist genauso schwer wie sie davon zu überzeugen, eine bestimmte Partei zu wählen.“ 


Gerade deshalb empfiehlt er, sich detailliert und kritisch mit Geschichte auseinander zu setzen. Aber nicht nur mit der DDR, sondern auch mit der Arbeiterbewegung. Mit Kriegen, Adel und Bürgertum. „Meinst Du, ich könnte noch vor jungen Leuten auftreten“, fragt Bernhard Fisch am Ende eines langen Gespräches. Unbedingt! Zeitzeugen wie ihn, gibt es immer weniger. Wenn Menschen nach ihrer Pensionierung noch 30 Jahre geistig aktiv sein können, ist das doch eine positive Entwicklung. Anstatt ständig über die Überalterung der Partei und bröckelnde Jugendstrukturen zu jammern, sollte  sich auch auf die Menschen besonnen werden, die da sind.                    

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Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/browse/2/artikel/70-jahre-ueberzeugter-marxist/