20. März 2012

Je dezentraler die Energieerzeugung, desto überflüssiger sind Großprojekte

Drei von acht Elektroautos im Landkreis Schmalkalden-Meiningen fahren seit letzten Sommer in Zella-Mehlis. Auch Privatpersonen können es für wenige Euros am Tag mieten. Das Feedback, so Richard Rössel ist selbst bei Skeptikern ausschließlich positiv. Der Strom dafür kommt aus Photovoltaik und die Batterien können auch als Energiespeicher genutzt werden, wenn die Autos stehen.

Die Firma LSIM gilt als brandneues Beispiel für die Umsetzung der Energiewende in Thüringen. Wo genau liegen die Schwerpunkte?


Als eine 100-prozentig in kommunaler Hand befindliche Gesellschaft, betrachten wir es als Auftrag und fortdauernde Aufgabe, für den Klimaschutz ein Zeichen zu setzen und unter Beweis zu stellen, dass man Energieerzeugung nicht ausschließlich unter dem Aspekt der Ertragsmaximierung sehen darf. Wir fragen nicht in erster Linie danach, ob und wie viel Geld mit der Anlage verdient werden kann. Der Schwerpunkt liegt vielmehr darauf, Energie vor Ort zu erzeugen und sie intelligent am Ort der Erzeugung auch gleich zu nutzen. 


Wie genau funktionieren diese intelligenten Stromnetze? 


Wir setzen auf Smart-Grid-Technologie. Das heißt in erster Linie, dass man verschiedene Arten der Energieerzeugung miteinander kombiniert und auf der Verbrauchsseite unter Einbindung von Speichertechnologie und E-Mobilität intelligent regelt und steuert. Bei uns ist das vor allem die Solarenergie. Das kann dann problemlos um Windkraft oder Kraft-Wärme-Koppelung erweitert werden. Der Energie-fluss wird dabei so gesteuert, dass Strom immer dorthin kommt, wo er gerade vorrangig benötigt wird. Für uns heißt das, es wird berechnet, wie viel Energie brauchen die Arztpraxen, wie viel braucht man für das Laden der Elektroautos oder zum Laden des Stromspeichers. Das System sichert und optimiert dann ständig den Energiefluss. Nur was am Standort gerade nicht benötigt wird, wird dann ins öffentliche Stromnetz eingespeist. 


Wenn solche dezentralen Systeme bereits funktionieren, sind doch Großprojekte, wie die 380-kV-Leitung absolut unnötig?


Ich halte die Trassen für überflüssig, denn letztlich geht es um die Frage der intelligenten Speicherung von Energie, möglichst am Ort der Erzeugung. Das Unternehmen, mit dem wir zusammenarbeiten, stellt auf der Hannover-Messe den ersten Ein-Megawatt-Regelenergiespeicher vor. Damit könnte man schon ein kleines Dorf versorgen. Fakt ist, je dezentraler die Energieerzeugung, desto überflüssiger sind irgendwelche gigantischen Stromtrassen und andere Großprojekte. Durch die steigenden Preise für Rohstoffe wie Kupfer, wird das finanziell auch wesentlich teurer werden als bisher gedacht. 


Wobei der Strom aus der 380-kV-Leitung ja eher weniger Thüringen als den industriellen Zentren in Bayern zu Gute kommt ...


Genau und deswegen wollen wir ein Zeichen setzen, dass es auch anders geht. Noch können wir uns im Winter nicht komplett vom öffentlichen Netz abkoppeln. Letztlich ist es aber nur eine Frage der Speichertechnologie und der Substitution. Wenn im Winter wegen des höheren Bedarfs nicht genügend Strom aus Photovoltaik erzeugt werden kann, kompensiert man das mit Kraft-Wärme-Kopplung. Das ist die Zukunft und nicht die Mega-Strom-Trassen.


Die Gegner der Energiewende argumentieren, das sei alles viel zu teuer und der Strombedarf großer industrieller Zentren wäre damit nicht zu decken …


Wenn Energie dort erzeugt werden soll, wo sie auch verbraucht wird, setzt das auch eine andere Denkstruktur voraus – man muss das auch wollen! Heute mag es noch so sein, dass Großstädte nicht ohne größere Kraftwerke und Energietransport zu versorgen sind. Aber was heute im Kleinen schon möglich ist, wird bald modular auch im Großen möglich sein. Es ist ein Fehler, nur in großen Strukturen wie Desertec und Offshore-Windanlagen zu denken. Was die Kosten angeht kann ich nur sagen, dass der „kleine Mann“ auch heute schon die Kosten für die Sanierung der Asse und den Rückbau der Atomanlagen bezahlt. Übrigens erreichte die  regenerative Stromerzeugung (Wind und Solar) am 8. März bis Mittag eine Kraftwerksleistung von annähernd 20.000 MW. Damit wurde der Bedarf der konventionellen Kraftwerke in der laststarken Mittagszeit auf das Nachtniveau gedrückt. Es gibt also jetzt schon Tage, an denen wir mit regenerativen Energien so viel Strom erzeugen können, dass die konventionellen Kraftwerke „auf Sparflamme“ fahren können. Wenn wir jetzt weiter konsequent in die Speichertechnologie investieren, dann bin ich absolut überzeugt, dass wir in absehbarer Zeit auch die großen Zentren mit regenerativer Energie versorgen können.

 

Aber verhindern die noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke nicht gerade, dass noch mehr Strom aus Erneuerbaren ins Netz eingespeist werden kann?


Das ist der Grund, warum man – meiner Meinung nach – jetzt an die Einspeisevergütung heran geht. Ich bin überzeugt, dass über 860.000 Solaranlagen schon ein starker Beleg für den Erfolg einer dezentralen Energieerzeugung sind. Das kann von gewissen Unternehmen natürlich nicht gewollt sein. Im Gegensatz zur Windenergie ist Solar ja nicht nur dezentral, sondern auch für den Eigenheimbesitzer zur Eigenenergieerzeugung geeignet. Folglich müssen die Großkonzerne etwas tun, wenn sie weiterhin ihre Kraftwerke voll auslasten wollen.


Der Thüringer Wirtschaftsminister Machnig sagt, er macht die Energiewende. Wie beurteilen Sie die Aktivitäten der Landesregierung?


Ich schätze Herrn Machnig, weil er das Thema auf die Agenda gebracht hat und auch dort hält. Ob jede Ankündigung in letzter Konsequenz zu den wünschenswerten Ergebnissen führt, möchte ich jetzt nicht beurteilen. Das 1000-Dächer-Programm für die Kommunen hat sicher dafür gesorgt, dass die Kommunen der Solarenergie aufgeschlossener gegenüber stehen. Andererseits war das eine Art Doppelsubventionierung. Wir haben Geld für die Aufdachung der Anlagen bekommen und zusätzlich noch Geld über das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Als Kommune wäre es uns lieber gewesen, wenn man uns in Bezug auf die zukunftsweisende Smart-Grid-Technologie mehr unterstützt hätte. Aber dafür gibt es leider keine Förderinstrumente, obwohl das der innovative, der intelligente Teil ist. 


Subventionen um die Energiewende umzusetzen sind politisch sinnvoll. Klar ist aber auch, dass unter den derzeitigen Voraussetzungen Deutschland nicht mit den viel billigeren Solaranlagen aus China konkurrieren kann. Wäre es da nicht sinnvoller, Geld in eine Art Energieagentur zu stecken, welche die Verbraucher in Sachen erneuerbaren Energie unabhängig beraten kann?


Alles was von unten wächst ist gesünder als das, was von oben aufgedrückt wird. Energieberater in den Kommunen gibt es ja bereits. Zu uns ins Rathaus kommt er einmal im Monat. Zurzeit ist das sicher noch zu wenig. Eine Intensivierung setzt aber gar keinen so großen Förderaufwand voraus, sondern in erster Linie politischen Willen und Aufgeschlossenheit gegenüber der Thematik. Leidenschaft und Zukunftsperspektive muss von den Kommunen kommen. Manfred Hellmann in Viernau hat damit angefangen und zeigt, wie es funktionieren kann.


Sollten all diese Aspekte nicht stärker auch in Sachen Marketing – das grüne Herz auf der einen und High-Tech auf der anderen Seite – für das Land genutzt werden?


Da ist vieles vorstellbar. Mit unseren Elektroautos haben wir bereits Projekte gestartet. Das kann und soll gerade jungen Leuten zeigen, dass man sich auch in Thüringen mit Hochtechnologie beschäftigt und es nicht nur Niedriglohnjobs gibt. Wir sollten zeigen, dass zu Thüringen nicht nur der Wanderstock gehört, sondern dass es viele Menschen gibt, die sich mit intelligenter Energieerzeugung und –nutzung beschäftigen. Die Menschen in die Energiewende mit einzubeziehen ist dabei nicht nur für touristische Aspekte wichtig.


Thomas Holzmann