6. März 2012

Das Alleinstellungsmerkmal von Thüringen liegt in der großen Vielfalt

Fast 61 Millionen Euro an zusätzlichen Landeshilfen sind in den letzten 11 Jahren nach Masserberg geflossen. Trotzdem ist der Kurort im Thüringer Wald nach einem großen Boom Mitte der neunziger Jahre in einer Dauerkrise. Wo liegen die Ursachen, dass hier soviel Steuergeld scheinbar versenkt wurde?


Die Ursachen liegen auf mehreren Ebenen. Zum einen in der Landespolitik, wo mit dem großen Streubeutel, völlig ungezielt Geld, ausgegeben wurde. Es gab auch nie eine strategische Ausrichtung für einen Gesundheitstourismus in Thüringen. Neben Masserberg haben wir ja noch viele andere solcher gesundheitstouristischen Einrichtungen, beispielsweise in Tabarz, Bad Salzungen oder Bad Sulza. Erst mit der neuen Tourismuskonzeption der Landesregierung, die Ende letzten Jahres vorgestellt wurde, hat man erstmals „gesund und fit“ als eine Säule des Tourismus benannt. Ich befürchte, dass der richtige Zeitpunkt dafür aber schon verpasst wurde. Auf der anderen Seite gibt es auch Ursachen in der Bundespolitik. Durch die Gesundheitsstrukturreformen ist es immer schwieriger geworden, überhaupt Kuren zu erhalten. Viele, die früher ihre Kuren noch selber bezahlt haben, können es sich heute nicht mehr leisten. Deswegen hat gerade Masserberg als Kurort solche Einbußen hinnehmen müssen.   


Thüringen hat in Sachen Gesundheitstourismus Traditionen, die lange in Vergessenheit geraten sind. Z. B. der kleine Ort Sylzhain im Südharz galt einst als Davos des Nordens und war ein erstklassiger Kurort. Private Investoren finden sich kaum. Warum tut die Landesregierung da so wenig?


Um solche Fragen zu beantworten, haben wir bereits eine große Anfrage  gestellt. Die Antworten sollen in den nächsten Wochen und Monaten im Gesundheitsauschuss behandelt werden. Neben dem Gesundheitstourismus haben wir auch noch viele weitere Möglichkeiten, die viel zu wenig genutzt werden, z. B. was den Wassertourismus und ganz besonders was die ländlichen Regionen angeht. In den vergangenen Jahren lag der Fokus hauptsächlich auf dem Städte- und Kulturtourismus. Da haben wir auch viel Einzigartiges, aber das ist bei Weitem noch nicht alles. Deswegen müssen wir Thüringen als Ganzes betrachten und nicht nur einseitig die Städte oder den Rennsteig. Dazu gehört natürlich der Südharz, das Gebiet um die Saalekaskaden, das Schiefergebirge und sehr vieles mehr. Das Problem ist dabei: es gibt keinerlei einheitliche Vermarktung. Genau das wäre aber die Hauptquelle, um mehr Touristen nach Thüringen zu locken.  Wenn ein Tourist nach Weimar kommt, um dort einige Tage zu bleiben und nicht weiß, dass der Kyffhäuser oder das deutsche Spielzeugmuseum in Sonneberg und vieles andere gleich um die Ecke liegt, dann wird er auch nicht hinfahren.


Eine große touristische Attraktion ist die ega. Warum gibt es, nicht einmal nach dem über die Bundesgartenschau diskutiert wird, ein Programm der Landesregierung, um diese Attraktion in eine gemeinsame Vermarktung als Zugpferd einzubauen?


Warum das für die Landesregierung keine Rolle spielt ist mir unerklärlich. Das neue Tourismuskonzept wäre schon geeignet, auch das mit einzubeziehen. Die Frage ist aber, inwieweit die ega auch über eine mögliche Buga hinaus noch eines der maßgeblichen Markenzeichen Thüringens sein wird. 


Aber ist es nicht das gleiche Problem wie in ganz Thüringen, wenn sich Erfurt nur auf Dom, Altstadt und Museen konzentriert, während der ega Verkauf und Zerstückelung drohen und in Stotternheim ein Kiesgrubentagebau als Naherholungsgebiet zur Verfügung stehen könnte?


In erster Linie sind das Fragen, welche Erfurt selber lösen muss. Über das Land Thüringen wird das schwer zu vermarkten sein, weil es sonst zu kleinteilig wird. Ihre jeweiligen Attraktionen müssen die Kommunen selber nach vorne bringen. Das Land muss aber dabei helfen, die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, die es in Thüringen auf kleinem Raum gibt, besser zu vermarkten, damit die Touristen nicht nur an einer Stelle bleiben, sondern viele verschiedene Orte besuchen. 


Es gab ja immer mal verrückte Ideen, wie den Schneekopf auf 1.000 Meter aufzuschütten oder eine Seilbahn auf den Kickelhahn zu bauen. Könnte es Thüringen touristisch einen echten Vorteil verschaffen, wenn ein ähnliches Großprojekt verwirklicht würde?


Von solchen Ideen halte ich prinzipiell überhaupt nichts. Wir sollten uns lieber auf das schon Vorhandene konzentrieren und das weiter ausbauen. Oberhof ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist vor allem durch den Wintersport weltweit bekannt, hat aber nicht die touristische Ausstrahlungskraft. Das fängt bei den Hotels an und hört bei den Problemen mit der Rennsteigtherme auf. Von Ideen, wie das Pumpspeicherwerk Goldisthal für 40 Millionen Euro mit einer Seilbahn zu überspannen, halte ich nichts. Wir haben genügend vorhandene Dinge, in die wir investieren können. Seilbahnen und Ähnliches gibt es überall, das würde Thüringen um nichts stärker werden lassen. Das Alleinstellungsmerkmal Thüringens liegt in der großen Vielfalt auf kleinem Raum.


Mit der zunehmenden Kommerzialisierung im Spitzensport und immer mehr Ländern und Städten, die in der Lage sind, Großereignisse, wie einen Biathlon-Weltcup zu veranstalten, droht da Oberhof die Gefahr, ohne Investitionen große Sportveranstaltungen mittelfristig zu verlieren?

 

Das ist ein großes Problem. Ganz Thüringen hat bis jetzt immer von den sportlichen Möglichkeiten und dem  Ruf Oberhofs profitiert. Aber die Infrastruktur hat man nicht den neuen Anforderungen angepasst. Da hat weniger die Stadt Oberhof als das Land versagt. Wir als LINKE unterstützen deshalb das neue Handlungskonzept für Oberhof, was mittlerweile 28 Millionen Euro umfasst.  Damit sollen die Infrastruktur im Zentrum sowie die Sportanlagen weiter ausgebaut werden, denn es gibt in der Tat viel neue Wintersportorte. Sotschi, das 2014 die Winterspiele ausrichtet, war vor wenigen Jahren kaum bekannt. Die Internationale Biathlonunion hat auch bereits vermeldet, dass es Oberhof ab 2013 bei der Vergabe des Weltcups schwer haben wird,  wenn die Infrastruktur nicht verbessert wird. Deswegen müssen wir dringend das gemeinsame Konzept weiter entwickeln und dürfen nicht, wie in der Frage des hauptamtlichen Bürgermeisters, den schwarzen Peter hin- und herschieben Entweder es gelingt, Oberhof zu einem der Leuchttürme Thüringens zu entwickeln oder  Oberhof wird zu einem Dorf, ohne große touristische Ausstrahlungskraft, wenn die internationalen Sportereignisse verloren gehen.

 

Im Zusammenhang mit internationalen Sportereignissen wird oft der Erfurter Flughafen genannt. Müssen da wirklich Millionen von Steuergeldern einfließen, damit in Oberhof Biathlon stattfinden kann?


Das sehe ich nicht so. Der Flughafen Leipzig ist in 1-2 Stunden erreichbar. Den Flughafen brauchen wir nur, wenn er sich auch selber trägt. Es macht tourismuspolitisch nur sehr wenig Sinn, Steuergelder in den Flughafen zu stecken, um damit die Fluggesellschaften zu subventionieren. Die Thüringer fliegen zwar von Erfurt aus, aber es kommen kaum Touristen via Flughafen nach Thüringen.  Die Bahnstrecken auszubauen wäre viel sinnvoller, denn das Abhängen der ganzen Region Ostthüringen ist ein viel größeres Problem. 


Seit knapp einem Jahr liegt nun das Konzept für den Umbau der Stadien in Erfurt und Jena vor. Laut Wirtschaftsminister Machnig geht es auch hier vor allem um touristische Infrastruktur. Ist das die ganze Wahrheit oder geht es vielmehr um die Fußballvereine Carl Zeiss und Rot Weiss?


Ich denke, es muss um beides gehen. Es besteht auch kein Zweifel, dass beide Stadien dringend sanierungsbedürftig sind. Die Trainings- und Wettkampfbedingungen sind entsprechend schlecht. Das hat dazu geführt, dass Thüringen nicht mehr das Sportland ist, das es einmal war, gerade auch was die Sommersportarten, wie die Leichtathletik angeht. Insofern geht es um Sport und natürlich muss etwas getan werden. Aber braucht Thüringen wirklich zwei Multifunktionsarenen innerhalb von 50 km? Ich stelle das in Zweifel. Auf keinen Fall dürfen die Kosten der Stadien, egal auf welcher Ebene, zu Einschnitten in anderen Bereichen führen. Dazu brauchen wir ein  tragfähiges, realistisches Betreiberkonzept der Kommunen. Die Rolling Stones werden nicht dreimal im Jahr in Erfurt und Jena spielen und die Stadien füllen. Ich fordere zudem eine Bürgschaft von der Landesregierung, damit nicht am Ende die Kommunen in Regress genommen werden können, falls es letztlich doch zur Rückzahlung der Fördermittel kommen sollte.


Thomas Holzmann