18. September 2012

Die totale Umstellung ist bis zum Jahr 2040 möglich

Der Thüringer Wirtschaftsminister Matthias Machnig hatte nach seinem Amtsantritt angekündigt, er würde nicht nur über die Energiewende reden, sondern sie voranbringen. Wie schätzen Sie seine Bilanz ein? 


Grundsätzlich hat Machnig eine ganz andere Vorstellung als sein Vorgänger. Prinzipiell ist er schon für die erneuerbaren Energien und versucht, diese voranzutreiben. Aber ich weiß auch, dass es in der großen Koalition erhebliche Widerstände gibt. Schon allein deshalb kann er das, was er verspricht,  nicht alles umsetzen. Das größte Problem gibt es zurzeit beim Ausbau der Windenergie. Was Speicherkapazitäten und Netzausbau angeht, kann er als Thüringer Wirtschaftsminister natürlich im Alleingang nicht viel ausrichten. Kritisch sehe ich sein Festhalten an zentralen Systemen, wie den großen Offshore-Windanlagen in der Nord- und Ostsee. Bis 2030 sollen dort 35.000 Megawatt erzeugt werden können. Somit versucht man, das zentrale Energiesystem in Gang zu halten. Dagegen müssen wir uns wehren, denn die Energiekosten werden so noch drastisch weiter steigen.

 
Nicht nur in Thüringen steht die CDU in Sachen Energiewende auf der Bremse. Der Bundesumweltminister will das Tempo ebenfalls drosseln …


Ja und das wird die Energie noch zusätzlich verteuern. Es sei denn, es kommt eine revolutionäre Regierung, die sich an die Zusagen früherer Regierungen – was Abschreibungssätze und Renditezusicherungen angeht – nicht mehr gebunden fühlt. Das schlimme am derzeitigen Netzumbau ist doch das Renditeversprechen von neun Prozent. Wo gibt es das sonst noch? Man wird den Eindruck nicht los, dass man nach dem halbherzigen Atomausstieg den Großkonzernen nun etwas anderes anbietet: 19 Cent pro Kilowattstunde – an Land sind es nur 8 – sind einfach eine Riesensauerei. Das treibt die Energiekosten bei Offshore in die Höhe und profitieren werden am Ende nur wieder die Großkonzerne. 


Wobei die Kosten der Energiewende generell eine Mogelpackung sind, schließlich ist die Atomenergie immer noch die Teuerste ...


Atomenergie ist bis jetzt schon mit 160 Milliarden Euro subventioniert wurden, ohne die zukünftigen Kosten für Castortransporte und Endlagerung. Im Strompreis taucht das aber nicht auf. Bei der Kohle ist es ähnlich. Hier sind über 300 Milliarden an Subventionen geflossen, für die allein der Steuerzahler aufkommen musste. Da wird in der Tat gemogelt und gleichzeitig werden die Erneuerbaren als überteuert hingestellt. 
Gibt es bei den Erneuerbaren etwas, was sich für den Verbraucher immer rechnen wird?Der Eigenheimbesitzer sollte immer auf Nutzung der Sonnenenergie achten. Es sollte schon beim Bau auf die entsprechende Südausrichtung geachtet werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir in fünf bis acht Jahren kein neues Haus mehr bauen werden, das nicht vollständig die Energie für den Eigenverbrauch bereit stellt.

 
Viele willige Hausbesitzer beklagen sich aber über mangelnde unabhängige Beratung und lange Wartezeiten. Ist da schon der Fachkräftemangel spürbar?

 
Das ist eine subjektive Wahrnehmung. Natürlich geht das nicht von jetzt auf gleich. Nach meiner Erfahrung haben die allermeisten Firmen einen guten Wissensstand und geschulte Mitarbeiter. Die Landesregierung hat zudem die Greentech-Agentur ins Lebens berufen. Da geht es aber mehr um das Thema Biomasseverwertung. Eine zentrale Stelle für Solarberatung gibt es nicht. Die wäre zwar wünschenswert, es ist aber letztlich kein so großes Problem, denn jeder, der eine Solaranlage montieren kann, der sollte auch eine ordentliche Beratung anbieten können.

 
Um die Energiewende in Thüringen umzusetzen werden immer mehr     Energiegenossenschaften gegründet. Wie funktionieren diese? 


Der große Sinn ist, dass wir vor Ort unsere Energie selber erzeugen. Noch speisen wie den Strom ins Netz ein, langfristig bietet sich aber die Möglichkeit, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich von den Energiekonzernen und ihren Preistreibereien unabhängig zu machen. Bei Anlagen  die etwas größer sind haben wir oft das Problem des zu geringen Eigenkapitals. Genossenschaften haben den Charme, über das Einsammeln der Mitgliedsanteile an dieses Kapital zu kommen. In Viernau sind es 62 Menschen, die das notwendige Eigenkapital für unsere 1-Mega-Watt-Anlage aufgebracht haben, immerhin 280.000 Euro Eigenkapital wurden benötigt.

 
Welche Möglichkeiten gibt es in den Kommunen, erneuerbare Energien mit dem Thema direkter Demokratie zu  kombinieren?

 
Das ist schon sehr weit gedacht. Ich musste leider die Erfahrung machen, dass viele Leute dem Thema immer noch gleichgültig gegenüberstehen. Da müssen wir noch ganz dicke Bretter bohren. Für manche ist die Frage der Demokratie auch dann nicht das Thema, selbst wenn es von außen so aussieht. Die Schere arm-reich geht immer weiter auseinander, das drückt auf´s Gemüt und kann zu eigenartigen Reaktionen führen. Bei unserem Solarpark waren es etwa 15 Leute, die dagegen Unterschriften gesammelt haben. Manche Bürgerinitiativen arbeiten da auch einfach mit gezinkten Argumenten.



Dennoch scheint in Thüringen einiges voran zu gehen. Wie sieht es beim Thema Elektromobilität aus?

 
 Wenn wir die totale Umstellung wollen und zukünftig auf Kohle, Öl und Gas verzichten, dann stellt sich die Frage, welche Autos noch fahren sollen. Ich sehe derzeit zwei Möglichkeiten: die Brennstoffzelle oder der direkte Batteriespeicher. Beides würde aber bedingen, dass der Strom dafür regenerativ erzeugt wird. Sonst macht es gar keinen Sinn, zumal Elektroautos auch als Energiespeicher eingesetzt werden können. Bei 43 Millionen PKW in Deutschland wäre das eine ganz große Sache. Die Großkonzerne wissen längst um diese Systeme und arbeiten auch daran. Wie lange sie das aber noch hinziehen und am Öl festhalten, sei mal dahingestellt.

  
Könnte der ländliche Raum denn eine Tages so viel regenerative Energie produzieren, dass auch Ballungsräume versorgt werden könnten?


Wir als LINKE gehen in unserem Energiekonzept davon aus, dass die totale Umstellung bis 2040 möglich ist. Die Thüringern Landesregierung sagt: bis zum Jahr 2050 sind 80 Prozent möglich.  Hätte man bei Netzausbau und Speichern nicht geschlafen und teilweise bewusst verzögert, könnten wir heute gerade bei der Photovoltaik viel schneller vorangehen. Es ist schade um jedes Jahr, was da verbummelt wird.

 
Wie sieht die Zukunft der Produktion von Solarmodulen in Thüringen aus und wie sind die Produkte aus China einzuschätzen?

 
China ist Weltmarktführer und die Qualität ist hochwertig, weil das technische Know-How meist aus Deutschland kommt. Es gibt schon merkwürdige Diskussionen beim Thema Globalisierung. Wenn wir massenhaft Autos nach China verkaufen ist das in Ordnung, aber wenn wir Solarmodule aus China importieren nicht? Was die deutschen Hersteller angeht, muss man sagen, dass einige Trends schlichtweg verschlafen haben. Deswegen werden einige Hersteller wohl pleitegehen. Deutsche Hersteller werden sicher verstärkt versuchen, Komplettsysteme anzubieten, bei denen sich der Verbraucher um nichts mehr kümmern muss.

 
Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Netzausbau ein?

 
Das wichtigste ist, eine Netzplanung von unten zu bekommen: Was brauche ich für Energie vor Ort und wie kann ich die erzeugen? Erst wenn sich eine Diskrepanz auftut muss die Lücke durch das Netz geschlossen werden. Mit den Offshore-Anlagen geht man schon völlig falsch an das Thema heran, baute riesige Anlagen, fragt sich anschließend wo der Strom gebraucht wird und baut dann unnötige Stromtrassen wie die 380-KV-Leitung durch den Thüringer Wald. Da muss eine ordnende Hand her, z. B. ein Energieministerium, das sich mit den Ländern auch über die prinzipielle Zielstellung einigt. Zurzeit herrscht aber totales Chaos.  EU-Energie-Kommissar Öttinger hat sogar vor, Solarstrom aus Spanien nach Estland zu schaffen. Das ist schon fast kriminell, denn dieses zentrale System kann nur sehr teuer werden. Es wird Energiesicherheit vorgegaukelt, aber die kann man nur sicherstellen wenn Speicher und weitere technische Innovationen entwickelt werden. Da haben die Kommunen einen entsprechend hohen Beratunsgebdarf.

 
Also geht es wohl eher um die Gewinnsicherheit der Industrie als um die Energiesicherheit …



Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.